Zuckerkrankheit gilt bereits als Volksseuche Nummer eins: In den 34 OECD-Mitgliedstaaten leiden 83 Millionen Menschen an Diabetes. Schätzungen zufolge wird diese Zahl bis zum Jahr 2030 auf 100 Millionen ansteigen. In Österreich sind 570.000 Menschen zuckerkrank, bis 2030 wird ein Anstieg auf 717.000 erwartet. Dazu kommt: Fast jeder zweite Mann und jede dritte Frau in Österreich ist zu dick. Das aber ist mit einem stark erhöhten Risiko für Diabetes und all den Langzeitfolgen (von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Nierenleiden bis zu Amputationen) verbunden. Bereits zwölf Prozent des österreichischen Gesundheitsbudgets – das sind 2,37 Milliarden Euro – werden für die Behandlung und Vorbeugung von Diabetes ausgegeben.
Fettsteuer abgelehnt
Angesichts dieser dramatischen Zahlen diskutierten kürzlich bei einer OECD-Tagung in Kopenhagen europäische Gesundheitspolitiker und Diabetes-Experten über konkrete Verbesserungsmöglichkeiten für die Versorgung von Zuckerkranken. Vorgestellt wurde die „Copenhagen Road Map“, ein konzertierter Fahrplan für politische und medizinische Initiativen im Kampf gegen die Zuckerkrankheit.
Neben Verbesserung der Früherkennung und Behandlung der Zuckerkrankheit ist das Wichtigste eine effektive Prävention der Fettleibigkeit. Denn Adipositas ist der wichtigste Risikofaktor für die Entwicklung der Zuckerkrankheit. So steigt das Risiko für Typ-2-Diabetes bei Übergewichtigen um das Achtfache und bei schwer adipösen Menschen sogar um das 60-fache. Die Experten sind sich einig: Das Diabetes-Problem ist nur durch umfassende Programme zur Förderung eines gesunden Lebensstils in den Griff zu bekommen. Eine Möglichkeit ist, ungesunde Lebensmittel zu verteuern. Dänemark ist Vorreiter und hat als weltweit erster Staat im Oktober 2011 eine extra Steuer für fette Lebensmittel eingeführt.
Diese „Fettsteuer“ lehnt Österreichs Gesundheitsminister Alois Stöger ab. „Wir müssen die Köpfe und Bäuche der Menschen erreichen, und nicht neue Steuern erfinden“, so Stöger in der ORF-Sendung „Im Zentrum“. Das Umfeld der Menschen müsse so verändert werden, dass jeder Zugang zu gesunder Ernährung habe.
Wundermedikament Bewegung
Unbestritten ist die Bedeutung von Bewegung zur Vorbeugung von Fettleibigkeit und Diabetes. „Man darf allerdings nicht den Fehler machen, Spaziergänge oder Pilates mit gezielten Trainingsprogrammen in einen Topf zu werfen“, kritisiert Christian Lackinger von der Sportunion Österreich. Der Sportwissenschaftler leitet seit 2007 das Projekt „Aktiv bewegt – zielgerichtete Bewegung bei Diabetes“, bei dem bisher 3000 Menschen mitgemacht haben.
„Die Leute brauchen professionelle Betreuung, sonst funktioniert es nicht. Dicke oder Diabetiker trauen sich nicht, gemeinsam mit gesunden, jungen, schlanken, fitten Menschen zu trainieren. Die richtigen Angebote müssen verfügbar sein, kleine Gruppen von Gleichgesinnten und fixe Termine. Und der Arzt muss das Bewegungsprogramm empfehlen“, so Lackinger.
Die Österreichische Diabetes-Gesellschaft empfiehlt in ihren Leitlinien mindestens 150 Minuten Ausdauertraining pro Woche, dazu noch zwei bis dreimal dreißig Minuten Kraftübungen. Ein hohes Pensum, das die oft völlig unsportlichen Zuckerkranken erst einmal gleich überfordert. Es kann nur mit zielgruppenspezifischen Programmen und ständiger Betreuung und Motivation durch geschulte Trainer gelingen. Bei „Aktiv bewegt“ trainieren Zuckerkranke und Adipöse wohnortnah in der Kleingruppe zweimal die Woche eineinhalb Stunden, zunächst acht Wochen kostenlos. Dann können die Teilnehmer mit einer Kostenbeteiligung von 300 Euro pro Jahr das Training weiterführen – umgerechnet sind das ca. vier Euro pro Einheit. Rund 70 Prozent der Teilnehmer bleiben bei dem Training.
Zahl der Diabetiker verdoppelt
„Besser als jede Tablette kann regelmäßige Bewegung die Wirkung von Insulin auf die Muskelzellen verstärken und so dafür sorgen, dass der Blutzucker besser verwertet wird“, weiß Bernhard Ludvik, Professor an der Universitätsklinik für Innere Medizin III im Wiener AKH. „Sport kann zudem kleine Blutgefäße in der Skelettmuskulatur und dem Herzen wieder sprießen lassen, das kann kein Medikament“, sekundiert Lackinger.
Seit sich der Internist Ludvik mit Diabetes beschäftigt – das sind rund fünfundzwanzig Jahre –, hat sich die Zahl der Zuckerkranken nahezu verdoppelt. Dennoch ist der Experte zuversichtlich: „In den letzten Jahren ist viel geschehen. Zuckerkranke leben heute viel länger, haben eine bessere Lebensqualität und es kommen innovative Medikamente auf den Markt.“
Ludvik setzt große Hoffnung auf neue Medikamente, die – im Gegensatz zu üblichen Diabetes-Therapien wie Insulin oder Sulphonyl-Harnstoffe – das Gewicht nicht steigern, sondern sogar leicht senken – ein wichtiger Motivationsfaktor für die Betroffenen. So gibt es seit einigen Jahren Injektionen, die die blutzuckersenkende Wirkung körpereigener Darmhormone nachahmen, indem sie die körpereigene Insulinproduktion fördern.
Diese Substanzen normalisieren den Blutzuckerspiegel fast ohne Unterzuckerungsrisiko. Neben der positiven Wirkung auf den Blutzucker senken die neuen Substanzen auch die Blutfette, den Blutdruck und das Körpergewicht – alles wichtig zur Vorbeugung von Herz-Kreislauferkrankungen.
Zucker über Harn ausscheiden
Besonders gut wirkt ein in Europa und den USA bereits seit drei Jahren zugelassenes Präparat, das unabhängig von den Mahlzeiten einmal täglich unter die Haut gespritzt wird. „Wir haben rund 150 Patienten damit behandelt. Sie haben die Substanz gut vertragen und zwei bis vier Kilogramm Gewicht verloren“, berichtet Ludvik.
Im nächsten Jahr könnte das erste Medikament einer weiteren neuen Substanzklasse auf den Markt kommen, das die Zuckerausscheidung im Harn verstärkt. Überschüssiger Blutzucker wird einfach über die Nieren ausgeschieden. So sinkt der Blutzuckerspiegel und die Patienten verlieren auch ein, zwei Kilogramm.
Der Nachteil: Durch den höheren Zucker im Harn kann es vermehrt zu Infektionen der Harnwege und bei Frauen auch der Scheide kommen – eine unangenehme, aber behandelbare Nebenwirkung des Medikaments, das einmal täglich oral zu nehmen ist. Die europäische Zulassungsbehörde EMA hat die neue Substanz positiv beurteilt, das erste Präparat von insgesamt acht könnte Anfang 2013 zugelassen werden.
Bewegung und ein gesunder Lebensstil sind die wichtigsten präventiven Maßnahmen gegen Übergewicht und Zuckerkrankheit.
Neue Medikamente steigern – im Gegensatz zu üblichen Diabetes-Therapien – das Gewicht nicht.
















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