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Vernachlässigung schlägt Kindern seelische Wunden

20.08.2012 | 16:50 |  VON CLAUDIA RICHTER (Die Presse)

Auch emotionaler Missbrauch ist ein Traumafaktor für Buben und Mädchen. Die Traumapädagogik, ein Sammelbegriff aus Elementen der Psychotraumatologie, Bindungspädagogik und Ressourcenaktivierung, hilft.

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Ein Massaker, wie es kürzlich der Batman-Amokläufer von Colorado angerichtet hat, hätte unter Umständen vielleicht verhindert werden können. Unter Umständen, wenn früh genug psychiatrische Experten ins Spiel gekommen wären.

„Ein Kind, das von den Eltern jahrelang geschlagen wird, findet das vielleicht eine Zeit lang normal. Oder es fühlt sich schuldig, weil es glaubt, unartig gewesen zu sein und daher die Prügel zu verdienen. Es gibt auch Phasen der Loyalität mit den Tätern, also den schlagenden Eltern, die meist selbst psychisch gestört und/oder traumatisiert sind. Dann aber, in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter, kippt das Ganze. Das einst regelmäßig geschlagene Kind prügelt, läuft Amok, gegen Eltern, gegen Lehrer, wahllos auf der Straße oder vielleicht eben im Kino“, erläutert Michaela Halper, Geschäftsführerin des österreichischen Traumapädagogikzentrums im steirischen Stainz.

Fürsorge und Geborgenheit geben

„Menschen, die in ihrer Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht haben, brauchen frühzeitig ein umfassendes Behandlungskonzept aus Pädagogik und Therapie, das auf die Probleme des Einzelnen individuell abgestimmt ist, Defizite ausgleicht und die Bedürfnisse des Betroffenen abdeckt“, sagt Halper. Die Traumapädagogik, ein Sammelbegriff aus Elementen der Psychotraumatologie, Bindungspädagogik und Ressourcenaktivierung, versucht, seelisch verletzten Kindern, Jugendlichen, aber auch jungen Erwachsenen Fürsorge, Geborgenheit und einen sicheren Ort zu geben, ihnen das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit zu nehmen und einen emotionalen Nachreifeprozess zu ermöglichen.

Je früher in Sozialeinrichtungen mit einer traumaspezifischen Betreuung begonnen wird, desto besser sind die Prognosen für seelisch verletzte Kinder und Jugendliche. Halper: „Die Traumapädagogik versteht sich hier als eine ergänzende Begleitung zur Therapie.“  Es geht unter anderem auch um die Förderung der Alltagsstabilität sowie um das Verstehen und die rechtzeitige Korrektur von negativen Verhaltensweisen wie Wutausbrüchen, Aggressionswellen, Um-sich-Schlagen, Zerstörwut. „Das kann verschiedene Ursachen haben“, weiß Halper. Zum Beispiel sogenannte Flashbacks. Da kippen Kinder von einer Sekunde auf die andere plötzlich um. „Sie befinden sich plötzlich wieder in der traumatisierenden Situation und erleben das Trauma noch einmal durch, beispielsweise die Situation des Missbrauchs. Da werfen sie sich dann auf den Boden, toben, schreien, schlagen.“

Achtjähriger als „Herr im Haus“

Missbrauch muss nicht immer sexueller Natur sein, es gibt auch den emotionalen Missbrauch. „Wenn etwa Eltern sagen, sie hätten ihren Sohn, ihre Tochter nur lieb, wenn er, wenn sie das oder jenes tut, diese Eltern gehen über Erpressung, missbrauchen die Kinder für ihre eigenen Bedürfnisse.“

Eine andere Art emotionalen Missbrauchs ist es, wenn vor allem alleinstehende Mütter ihre Söhne als Partnerersatz verwenden. Da hört der Sechs- oder Achtjährige dann immer wieder, er habe zu funktionieren wie ein Mann, er sei der Herr im Haus. Und der 14- oder 16-Jährige hört immer wieder, er müsse dableiben, dürfe nicht weggehen, weil es dann der Mutter schlecht gehe. Freilich kommt es da auch immer wieder zu sexuellen Übergriffen. Halper: „Früher waren es vorwiegend Mädchen, die sexuell missbraucht worden sind. Aber in den letzten vier Jahren beobachten wir einen sprunghaften Anstieg bei der Zahl der sexuell missbrauchten Buben.“

Traumapädagogen üben mit den Betroffenen aber auch alltägliche Fertigkeiten, zum Beispiel Grüßen oder Körperhygiene. „Traumatisierte Kinder und Jugendliche duschen vielleicht zehnmal am Tag, manche aber gar nicht. Weil sie das nie gelernt haben, weil niemand da war, der sich um sie gekümmert hat. Vernachlässigung ist überhaupt ein großes Thema.“

Dann passieren schreckliche Dinge

Bei 72 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die wegen eines Traumas in Behandlung sind, ist grobe Vernachlässigung ein Traumafaktor. „Diese Kinder sind oft aus gutem Haus, aber die Eltern haben keine Zeit für den Nachwuchs. Oder sie können die Bedürfnisse der Kinder nicht erkennen. Wenn etwa der Säugling schreit, haben viele Eltern keine Ahnung, ob er es tut, weil er Bauchweh, Hunger oder die Windeln voll hat. Und weil sie nicht wissen, was sie tun sollen, tun sie gar nichts, lassen das Baby liegen und schreien.“ Derlei Vernachlässigung aber ist für den jungen Erdenbürger ein großes Trauma, das er ins Jugend- und Erwachsenenalter mitnimmt.

Diese Vernachlässigung, meint Halper, sei auch Zeichen unserer schnelllebigen, hoch leistungsorientierten Zeit. „Es gibt immer weniger Werte, weniger Traditionen, kaum noch Rituale, die aber für die Entwicklung eines Menschen so wichtig sind“, sagt die Traumapädagogin und bedauert, dass schätzungsweise nur rund einem Drittel aller Kinder, die missbraucht, geschlagen oder vernachlässigt werden, geholfen wird. „Die anderen werden nicht erfasst, quälen sich mit ihrem Trauma herum und dann passieren solch schreckliche Dinge wie unlängst in Colorado.“

Auf einen Blick
Kinder, die geschlagen, vernachlässigt oder missbraucht werden, erleiden ein Trauma, das auch zu einem Amoklauf führen kann. Die Traumapädagogik will diesen seelisch verletzten Kindern helfen und ihnen unter anderem Geborgenheit bieten.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER
www.traumapaedagogik.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)

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17 Kommentare
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...

schnell ein bischen die leistungen der experten bewerben, damit endlich mehr kinder missbraucht werden - so rum laeuft das in diktaturen wie im westen, leider. ich kann es beweisen.

Re: ...

Die Alufolie im Hut nicht vergessen! Sie lesen deine Gedanken!

Antworten Antworten Gast: Störrisch...
29.08.2012 14:20
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Sehr lustige...

...Antwort, aber...

Anstatt die Eltern zu behandeln, weil die deren Kinder nicht/falsch erziehen, werden die Kinder mit heftigen Drogen vollgepumpt...und wie sich Chemie auf Kindergehirne/Körper auswirkt, möcht ich gar nicht so genau wissen...

Kenne so einen Fall persönlich...3 Kinder - 2 auf legaler Droge, weil die Mutter keine Zeit und Nerven hat für die Kids, überfordert und depressiv und sich alle Väter verzupft haben...

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Re: Re: ...

man nennt das offene kommunikation...

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Re: ...

das natuerlich die psychotherapie die kinder missbraucht so wie die meisten therapeuten opfer sind und beim tater oder den eltern in derselben situation haelt und schwere bleibende schaeden verursacht und dies im interesse der wirtschaft schreibe ich nicht, weil wenn man es taeglich erlebt soll man es nicht wissen, dass externe gruende der therapie egal sind und sie mittaeter ist.

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Re: Re: ...

ich mag das nicht... es ist auch strafbar, aber es werden alle akten dazu gefaelscht...

Gast: yamo
23.08.2012 09:24
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Ja, klar, alte Traditionen und Rituale

in denen den Menschen immer und immer wieder, auf's eindringlichste, die Existenz einer ausserirdischen Macht eingetrichtert wird, an die sie ihren Willen abzugeben hätten...

Das ist auch eine dieser Trauma-Ursachen. Man könnte es auch geistigen Missbrauch nennen, wenn da eine Altherrenpartie den Rest der Gesellschaft zu ihren Kindern erklärt, etc.

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Grundsätzlich kann man ihrer oberflächlicher Beurteilung

zustimmen: Ein Kind das geschlagen wird und missbraucht wird, wird oft ein Trauma davon tragen. Das ist aber eine Binsenweisheit. Interessant auch, dass auf der Homepage des Traumapädagogikzentrums zwar eine Menge Pädagogen angegeben sind, aber kein einziger Psychotherapeut. Schwere Traumata aus der Kindheut aufzuarbeiten ist meines Erachtens ein langer therapeutischer Prozess und keine pädagogische Frage. Ich frage mich also nach der Kompetenz der Leute.
Darüber hinaus müsste man sich zur Vernachlässigung wohl auch fragen, warum viele Eltern zu wenig Zeit für ihre Kinder haben. Manche sind vielleicht zu freizeitorientiert. Viele aber können sich das Leben nicht mehr leisten, wenn nicht beide arbeiten gehen. Der Staat macht es jungen Familien fast unmöglich von einem Durchschnittseinkommen zu leben. Dieses wird absurd besteuert und von der Familienbeihilfe ist noch kein Kind satt geworden (wobei Essen nicht mal das teuerste ist).

Antworten Gast: Hans im Gück
23.08.2012 09:01
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Re: Grundsätzlich kann man ihrer oberflächlicher Beurteilung

100 Punkte von 100. :-)


Gast: Kindergärtnerin
20.08.2012 22:45
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Die offizielle Vernachlässigung der Familien erhöht das Kinderleid!

Wann wird endlich thematisiert, dass es auch unter den Therapeuten und sogen. Fachkräften viele gibt, die auch traumata verursachen und/oder vergrößern und sich anmaßen Richter zu spielen
Es gibt auch unter Fachkräften Täter!
Ob wissentlich oder unbewusst sei dahingestellt.

Es ist höchste Zeit, das Gleichmachen zu beenden
Jeder Mensch ist eine einmalige Persönlichkeit und auch als solche wahr zu nehmen!

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Re: Die offizielle Vernachlässigung der Familien erhöht das Kinderleid!

Da dürften Sie durchaus sehr recht haben.
Was aber stinkt, ist, dass in der ersten Zeitung des Landes Reklameartikel für Institute geschalten werden, deren Qualifikation nirgendwo ersichtlich ist. Auf der Webseite sind jedenfalls keine "ordenlichen" nachprüfbaren Qualifikationen für ein derart heikles Thema gefunden worden. Hier handelt es sich offenbar um selbsternannte Therapeuten, die sich selbst nach eigenen Vorstellungen qualifizieren.

Antworten Antworten Gast: Kindergärtnerin
21.08.2012 23:20
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Re: Re: Die offizielle Vernachlässigung der Familien erhöht das Kinderleid!

Ob es stimmt weiß ich nicht,aber angeblich ist es in Österreich unkompliziert,sich mit einem Spezialangebot auf den freien Markt zu begeben.
Verantwortung für das persönliche Denken, Sprechen,Fühlen und Tun mit allen daraus resultierenden Konsequenzen zu übernehmen ist ja wider den Zeitgeist. Allerdings not -wendig!!!

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Ob es stimmt weiß ich nicht,aber angeblich ist es in Österreich unkompliziert,sich mit einem Spezialangebot auf den freien Markt zu begeben

Der Markt und mit ihm das Internet sind voll mit "Spezialtherapeuten" und noch "spezielleren" Therapien.
Denken Sie an die Szene der alternativen,komplementären und ganzheitlichen Heilerei! Das Gott-sei-bei-Uns von Schwachsinn, der Homöopathiewahn, wird jeden Tag neu mit neuen krausen Erklärungen und das mit Erfolg verwurstet!
Selbstverständlich wird das alles in derPresse unkritisch dargestellt!

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Störrisch...
29.08.2012 14:08
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Re: Ob es stimmt weiß ich nicht,aber angeblich ist es in Österreich unkompliziert,sich mit einem Spezialangebot auf den freien Markt zu begeben

...Thema/Posting nochmal lesen...

Zitat: ....Wann wird endlich thematisiert, dass es auch unter den Therapeuten und sogen. Fachkräften...

Aufgrund Ihres Wahns haben Sie nicht verstanden, dass die Kritik in Richtung Schulmedizin/Schulmediziner geht, die sich mit dem Thema befasst/ befassen...schade eigentlich!

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Re: Re: Ob es stimmt weiß ich nicht,aber angeblich ist es in Österreich unkompliziert,sich mit einem Spezialangebot auf den freien Markt zu begeben

Es gibt immer auch Mediziner, die Versager sind.
Aber ich möchte doch bemerken, daqss es eine Reihe von Instituten für alles mögliche gibt, deren Qualifikation darin besteht, dass es sich um selbsterannnte Expereten handelt, was bedeutet, dass hier jemand "therapeutisch" täiog wird, nach nicht objektivierbaren Regeln. Ist das unverständlich?
Und die Aufmachung dieses 'Institutes" legt diese Vermutung mehr als nahe.

Gast: Valentin Bählamm
20.08.2012 22:09
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Werbung für selbsternannte Traumatherapeuten - natürlich mit Claudia Richter

öTPZ - Österreichisches Traumapädagogikzentrum

Viel mehr an Informationen als dieser bomastische Titel war auf der WEB-Seite des offensichtlich von eigenen Gnaden erfundenen Therapiezentrums nicht zu erfahren!


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ich denke nicht, dass eine derartig verkuerzte sicht dem leid gerecht wird, ausser dem einkommen der leute die an den taten verdienen. das tut mir leid.

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