Die erfolgreichsten Medikamente, die je entwickelt wurden, sind die Antibiotika. Seit 60 Jahren sind sie breit im Einsatz, und sie haben dafür gesorgt, dass die Lebenserwartung eines US-Bürgers um 15 Jahre gestiegen ist. Wer 1940 geboren wurde, hatte 63 Jahre vor sich, bei heute Geborenen sind es 78. Die Wundermittel waren so erfolgreich, dass in den Siebzigerjahren an US-Universitäten die bakteriologischen Abteilungen geschlossen wurden. Das rächte sich, als viele Bakterien gegen viele Antibiotika resistent wurden. Und es rächte sich auch dadurch, dass Bakterien wenig beforscht wurden. Erst spät entdeckte man wieder, welche Rolle sie für uns spielen, etwa im Darm, in dem freundliche Bakterien für uns vorverdauen und bei der Abwehr von unfreundlichen helfen.
Bekommen Letztere im Körper die Oberhand, wird reichlich mit Antibiotika therapiert, in den USA haben 18-Jährige zehn bis 20 Kuren hinter sich. Gesund sehen sie trotzdem nicht aus, die Nation leidet unter einer „Epidemie der Fettleibigkeit“. Und Martin Blaser (New York) hat lange schon den Verdacht, dass diese Epidemie von den Medikamenten kommt, die den anderen Epidemien ihren Schrecken genommen haben. Das liegt auch nicht so fern: In den USA entdeckten Farmer in den Fünfzigerjahren, dass Nutztiere rascher Fett ansetzen und mehr Fett ansetzen, wenn man Antibiotika ins Futter mischt. Wie das wirkt, war und ist den Farmern egal, aber Blaser wollte es genau wissen und hat es an frisch geborenen Mäusen getestet. Die mit den Antibiotika im Futter hatten nach sechs Wochen zehn bis 15 Prozent mehr Fett im Leib als Kontrollmäuse. Mehr Gewicht als die anderen hatten sie nicht, aber die Antibiotika hatten den Stoffwechsel verändert.
Andere Darmflora fährt „Überernte“ ein
Und sie hatten die Zusammensetzung der Darmflora verändert, vermutlich hin zu Arten, die auch unverdauliche Speisen erschließen. Diese „Überernte“ (Blaser) mag hinter der Verfettungsepidemie stehen, oder auch die Reaktion des Körpers auf die anderen Bakterien im Darm: „Das Aufkommen der Fettleibigkeit rund um die Erde ist koinzident mit dem breiten Gebrauch von Antibiotika“, schließt Blaser (Nature, 22. 8.): „Es ist möglich, dass frühe Therapien von Kindern später im Leben Fettleibigkeit bringen.“ jl
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2012)
















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