Die Kamille kommt. Das liegt aber nicht (nur) daran, dass sie derzeit witterungsbedingt aus dem hintersten Küchenkasterl hervorgezaubert wird, um endlich etwas gegen den lästigen Husten oder die verstopfte Nase zu tun. Das zwar vermutlich auch, denn immerhin hat sich die Kamille seit Generationen als entzündungshemmendes und krampflösendes Mittel bewehrt. Doch in der Kamille schlummern wohl noch ganz andere Qualitäten, die soeben erforscht wurden.
„Ich kann dazu noch nicht so viel sagen, weil die Ergebnisse erst in einem halben Jahr publiziert werden. Aber die Kamille hat noch eine weitere Wirkung, die für die Nährstoffaufnahme im Darm interessant ist. Sie dürfte bei der Resorption von Zucker im Darm eine ähnliche Wirkung haben wie der Apfel“, sagt dazu Chlodwig Franz vom Institut für Botanik und Pharmakognosie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der auch in die Kamillenzüchtung involviert ist. Auf die Frage ob sie, vereinfacht gesagt, eine Art Schlankmacher ist, meint er: „Plump gesagt, ja.“
Die Kamille könnte somit schon bald als eine Art Nahrungsergänzungsmittel eine neue Hochblüte erleben. Wobei, wirklich notwendig hat sie das eigentlich nicht. Denn auch wenn sie nicht unbedingt chic ist oder etwa in der kreativen Küche eingesetzt wird – dazu eignet sie sich aufgrund des bitteren Geschmacks dann doch nicht – hat sie sich längst einen fixen Platz im Teesortiment der Österreicher gesichert. „Sie ist nach wie vor wichtig und steht bei Tees mit anderen Kräutern, wie der Pfefferminze, an erster Stelle. Erst dann kommen die beliebten Kräutermischungen, bei denen aber auch oft Kamille verwendet wird“, sagt Franz.
Köpfchen statt Kraut. Beim Kamillentee gilt generell, sofern man ihn als Arznei und nicht nur als Getränk verwenden möchte: Je mehr Blütenköpfchen in der Teemischung sind, desto besser. Denn die enthalten besonders viele ätherische Öle. Erkennen lässt sich das recht leicht an der Farbe. Je größer der Braun- und Grünanteil der Teemischung ist, desto mehr Kamillenkraut – sprich Stängel und Blätter – ist darin enthalten. Das kann man zwar auch trinken, von der gesunden Wirkung ist dabei aber nicht mehr viel übrig.
Generell hat die Kamille aufgrund der ätherischen Öle eine entzündungshemmende und krampflösende Wirkung. „Deshalb wird sie bei Verkühlung oder bei Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt. Aber auch bei Erkrankungen im Genitalbereich als Spülung“, sagt Wolfgang Kubelka, Professor für Pharmakognosie an der Universität Wien. Während die Kamille bei Magen-Darm-Beschwerden als Tee getrunken wird, hilft bei Erkältungen eher das (nicht zu heiße) Inhalieren der aufgekochten Teemischung.
Und: Wer die Kamille als Arzneimittel einsetzen will, sollte auf gezüchtete Exemplare setzen. Denn auch wenn derzeit wilde Kräuter besonders begehrt sind – bei der Kamille hat das wenig Sinn. Einerseits, weil die Wildpflanze im Vergleich zur gezüchteten relativ wenig ätherische Öle und somit gesunde Inhaltsstoffe besitzt. Andererseits – und das kann sich wesentlich schlimmer auswirken – wegen der Verwechslungsgefahr. Die Kamille kommt bei uns wild nämlich relativ selten vor. Die zum Verwechseln ähnliche Hundskamille hingegen schon. „Die hat aber ein starkes allergisches Potenzial. Dabei kann es zu einem allergischen Schock kommen“, sagt Chlodwig Franz.
Heimisch ist die Kamille übrigens in Mitteleuropa, auch wenn sie gezüchtet längst in Ägypten oder Südamerika großflächig gepflanzt wird. Auch in Österreich wird sie – wenn auch im kleinen Stil – angebaut, etwa vom Verein Waldland im Waldviertel. „In Deutschland tut sich da schon viel mehr, dort wird sie etwa auf 7000 Hektar angebaut, bei uns sind es gerade einmal 20“, sagt Rudolf Marchart von Waldland. Noch nicht wahnsinnig viel, aber sollte die Kamille tatsächlich eine neue Rolle als Schlankmacher übernehmen, könnte ihr Anbau schon bald an Attraktivität zulegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)
















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