Fieberhaftest wird weltweit an neuen Medikamenten gegen die „geistige Bedrohung“ Demenzen geforscht. Denn diese Hirnleistungsstörungen – allen voran Alzheimer – nehmen mit der steigenden Alterspyramide nahezu rasant zu. Weltweit sind derzeit an die 24 Millionen Menschen von dieser Geißel betroffen, in Österreich gibt es rund 100.000 Demenzkranke – nur jeder zehnte davon wird dem medizinischen Stand entsprechend behandelt – im Jahr 2040 sollen es bereits 240.000 sein.
Erste Studie am AKH Wien
Eine vom Wiener Biotechnologie Unternehmen Affiris entwickelte Impfung wird nun erstmals an Patienten erprobt. „In Experimenten mit Alzheimer-Mäusen konnten wir die Krankheit damit sogar aufhalten“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Achim Schneeberger, Leiter der klinischen Abteilung bei Affiris. Der Impfstoff führt dazu, dass die für Alzheimer typischen krankhaften Eiweißablagerungen im Gehirn aufgelöst werden.
Die erste Studie dieser Alzheimer-Impfung am Menschen wurde heuer im September am AKH Wien und in einem Institut gestartet. Die zweite beginnt Anfang 2008 – jeweils 24 Probenden mit mild bis moderater Alzheimer-Krankheit nehmen teil. „In etwa einem halben Jahr werden wir erste Ergebnisse von der ersten Studie haben“, sagt Schneeberger.
Kürzlich erteilte die Europäische Kommission die Zulassung für ein Alzheimer-Pflaster zur Behandlung von leichter bis mittelschwerer Demenz. Durch das Hautpflaster, einmal täglich angebracht, bleibt der Wirkstoffspiegel im Blut konstant, Gedächtnisleistungen würden deutlich verbessert, Nebenwirkungen im Magen-Darmtrakt seien laut Hersteller Novartis wesentlich geringer als bei oraler Einnahme. Allerdings wurde Novartis bereits von der US-Gesundheitsbehörde verwarnt, die Firma preise zu Unrecht die Überlegenheit des Medikaments im Vergleich zu anderen an.
Indes haben US-Forscher ein spezielles künstliches Östrogen entwickelt, das den Gehirnverfall stoppen soll und eines Tages unter Umständen zur unterstützenden Behandlung von Alzheimer eingesetzt werden könnte.
Gleich zwölf Substanzen gegen Demenz hat der US-Pharmakonzern Wyeth in Entwicklung. Schon bald wird eine Wirksamkeitsprüfung (Phase III der klinischen Studien am Menschen) des monoklonalen Antikörpers Bapineuzumab beginnen, der schädigende Amyloid-Plaques im Gehirn beseitigen können soll.
Altbekanntes Antihistaminikum
„Im Tierversuch haben wir damit spektakuläre Ergebnisse erzielt“, behauptet man bei Wyeth. Ebenfalls in die letzte Phase der Entwicklung wird bald der Wirkstoff Lecozotan kommen, der Alzheimer-Symptome mildern und die Denkleistung verbessern soll.
Einen anderen Ansatz fand das US-Unternehmen Medivation: Ein altbekanntes Antihistaminikum (Substanz Dimebolin) kann offenbar degenerative Prozesse im Hirn stoppen. Behandelte man Alzheimer-Patienten damit, blieb ihr Zustand über zwölf Monate gleich und verschlechterte sich nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2007)