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Multiple Sklerose: Unterschätzte Therapien bei MS

04.05.2008 | 18:15 |  CHRISTINA LECHNER (Die Presse)

Nicht nur Arzneien, auch körperliche Aktivität, Physiotherapie und psychologische sowie soziale Unterstützung sind bei der Krankheits-Bewältigung wichtig.

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Die Erkrankung betrifft einfach den ganzen Körper, darum versuche ich auch, den ganzen Körper zu trainieren“, sagt Gertrude Weiland (Name geändert) gegenüber der „Presse“. Vor rund 20 Jahren erlitt die heute 45-jährige Patientin den ersten Schub einer Multiplen Sklerose: Sehstörungen in Form von Doppelbildern und ein vorübergehendes Schwächegefühl waren damals die Symptome.

Die endgültige Diagnose wurde erst fünf Jahre später gestellt. „Vor allem während der letzten Jahre treten zunehmend Schübe auf“, so Weiland. Neben der medikamentösen Therapie schwört die Technikerin, die nach wie vor vollbeschäftigt ist und einer selbstständigen Erwerbstätigkeit nachgeht, auf regelmäßige Rehabilitations- und Kuraufenthalte genauso wie auf die regelmäßige Physiotherapie zu Hause.


Entzündung im Nervensystem

„Ich bin heute zwar weitgehend auf den Rollstuhl angewiesen, durch das regelmäßige Training gelingt es mir, Ausdauer und Gleichgewicht zu erhalten.“ Zum Trainingsprogramm gehören auch die wöchentliche Gruppen-Gymnastik und eine spezielle Vibrationsplatte, die Muskel und Nerven stimuliert.

Die Ursachen für den Entzündungsprozess im Nervensystem, der zu einer Schädigung der Markscheiden, gleichsam der Isolierschicht der Nerven führt, sind bis heute noch nicht völlig geklärt, wie Univ.-Prof. Dr. Karl Vass, MS-Spezialist an der Wiener Universitätsklinik für Neurologie betont. „Auch eine virale Ursache kann nicht ausgeschlossen werden.“


Verhindert Eindringen ins Gehirn

„Eine relativ neue Entwicklung stellt der Antikörper Natalizumab dar, den wir bereits seit einem Jahr mit recht gutem Erfolg einsetzen“, berichtet Vass. Natalizumab blockiert spezifische Andockstellen an Entzündungszellen und verhindert dadurch deren Eindringen ins Gehirn. Verabreicht wird das neue MS-Medikament einmal monatlich durch eine Infusion.

Bereits seit längerem eingesetzt werden immunmodulatorische Substanzen wie Interferone oder Glatiramerazetat. Beide Medikamente müssen mehrmals wöchentlich von den Patienten selbst injiziert werden. „Im Prinzip versuchen wir mit diesen Substanzen, die Entzündung zu beherrschen und damit den Verlauf der Erkrankung aufzuhalten“, sagt Vass.

Gerade bei einer chronischen neurologischen Erkrankung wie MS sollte immer ein umfassendes Maßnahmenpaket angeboten werden. „An erster Stelle steht dabei die Unterstützung bei der Verarbeitung der Diagnose.“ Die Angst vor dem Rollstuhl, die bei der Diagnose MS immer mitschwingt, sei zwar nachvollziehbar, „eine so weitgehende Behinderung stellt aber keine zwangsläufige Entwicklung dar. Nur ein Teil der Patienten ist mit Fortschreiten der Erkrankung auf Gehhilfen angewiesen.“


Körperlich und geistig aktiv

Vass selbst empfiehlt seinen Patienten, vor allem zwischen den Schüben so weit wie möglich geistig und körperlich aktiv zu sein und etwa Koordinationstraining zu machen. „Es gibt sogar Patienten, die Marathon laufen.“ Kommt es zu Bewegungs- und Koordinations-Störungen, so sollte das sportliche Training von gezielter Physiotherapie abgelöst werden.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen wie moderates Training stehen zudem an vorderster Stelle in der Beherrschung der Fatigue: Dabei handelt es sich um übermäßige Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit – laut Fachzeitschrift „Iatros Neurologie & Psychiatrie“ eines der am weitesten verbreiteten Symptome der MS.

Auf mögliche psychologische Auswirkungen bei MS verweist der Schweizer Neurologe Prof. Dr. Jürg Kesselring von der Abteilung für Neurologie am Rehabilitationszentrum in Valens. „Depressive Verstimmungen sind häufiger als angenommen. Sie können eine Reaktion auf die Erkrankung, genauso aber eine Folge der Nervenschädigung sein.“

Nicht unterschätzt werden dürfe bei MS die soziale und emotionale Unterstützung der Patienten: „Das heißt zunächst Verständnis für die Patienten aufzubringen.“ Regelmäßige Kontakte zum therapeutischen Team oder familiäre Unterstützung tragen entscheidend dazu bei, dass sich Patienten „behandelt fühlen“ und besser mit der Erkrankung und ihren Auswirkungen zurechtkommen.

Am schweizerischen Rehabilitationszentrum werden den Patienten zudem neuropsychologische Checks angeboten. Der Grund dafür: „MS kann mit Einbußen bei Gedächtnis oder Aufmerksamkeit einhergehen, manche Patienten bemerken außerdem eine leichtere Ablenkbarkeit oder Wortfindungsstörungen.“

Kesselring berichtet über die Ergebnisse psychologischer Untersuchungen, denen zu Folge Patienten ihre mentalen Probleme gravierender erscheinen als sie tatsächlich sind, wenn Unterstützung durch andere fehlt. „Stimmung, Hilfe von außen oder individuelle Bewältigungsmechanismen – kurz psychosoziale Faktoren – haben vermutlich mehr Einfluss auf die Lebensqualität als die Biologie der Erkrankung.“


Möglichst früher Therapie-Start

Eine kürzlich veröffentlichte Studie zur Behandlung mit Interferon beta-1b weist weiters darauf hin, dass ein Zusammenhang zwischen dem anfänglichen Schweregrad der MS und dem späteren Auftreten kognitiver Einbußen besteht – dies wird als Hinweis gewertet, die Behandlung möglichst früh einzuleiten. „Es scheint tatsächlich so zu sein, dass sich eine Therapie mit Interferonen auch in diesem Bereich günstig auswirkt“, sagt Kesselring.

Eine Interferon-Therapie, so wurde vermutet, könne depressive Symptome verstärken. „Das wurde bislang zwar nicht bestätigt, in jedem Fall sollten wir behandelnden Ärzte aber immer auch die Psyche und das soziale Umfeld des Patienten im Auge behalten“, resümiert Kesselring.

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BRAIN DAYS

In Österreich sind rund 8000 Personen von multipler Sklerose betroffen, etwa 300 mal jährlich wird die Diagnose neu gestellt.

Das Erscheinungsbild ist vielfältig: Sensibilitäts-Störungen an Armen oder Beinen, Schwindel, Gleichgewicht- und Blasenstörungen oder Sehstörungen.

Auch die Verlaufsformenvariieren, wobei gutartige Verlaufsformen mit großen Intervallen zwischen den Schüben möglich sind. Bei anderen Patienten wiederum verläuft die Erkrankung chronisch mit laufender Verschlechterung.

Konkrete Hilfe – von der psychologischen Beratung bis hin zur Klärung sozialrechtlicher Fragen – bietet die MS-Gesellschaft Wien an.

MS und neue Therapiemöglichkeitensind heute, 5. Mai, Schwerpunkt bei der Fortbildungswoche Brain Days.

www.msges.at

www.braindays.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2008)

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