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„Ich bin nicht dumm, ich bin verletzt“

21.09.2008 | 18:48 |  CLAUDIA RICHTER (Die Presse)

LESENSWERT: Einblicke in die einsame Welt eines Schlaganfall-Patienten gewährt ein berührendes Buch einer Hirnforscherin, die einen Hirninfarkt erlitten hatte.

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Es berührt, es regt auf: Das Buch „Mit einem Schlag. Wie eine Hirnforscherin durch ihren Schlaganfall neue Dimensionen des Bewusstseins entdeckt“ ist mehr als ein Buch über den Schlaganfall.

Die Krankheit selbst und die Funktion des Gehirns werden freilich auch beschrieben, aber das findet man in anderen Büchern auch, das ist es nicht, was dieses Werk auszeichnet. „Mit einem Schlag“ ist weit mehr als Information.


Man wird fast zornig

Die Autorin Dr. Jill B. Taylor, Hirnforscherin und Neuro-Anatomin in den USA, schafft es vorzüglich, den Leser mitzureißen, die dramatische Zeit gleich nach ihrem Schlaganfall hautnah miterleben zu lassen. Die Schilderungen, wie sie ihr Gedächtnis, wie sie Zeit und Raum verliert, und wie es ihr dennoch noch gelingt, Hilfe zu holen, fesseln, man fiebert mit. Und fragt sich doch manchmal ein wenig verwundert, wie sie das trotz ihres schweren Schlaganfalls schaffen konnte...


Zigtausende Katastrophen

Dennoch wird man an späterer Stelle fast zornig ob der gleichgültigen und kalten Typen unter den Ärzten und Krankenschwestern; dennoch leidet man mit der 37-Jährigen förmlich mit, wenn sie sich nicht mehr verständigen, sich nicht mehr bewegen, nicht mehr reden kann; wenn sie zu den Menschen in ihrer Umgebung keine Beziehung mehr aufnehmen kann, quälend hilflos ist, und doch fühlt, spürt, merkt, registriert; wenn sie schildert, wie sie verzweifelt darum ringt, ein Wort zu verstehen; und wenn sie es dann endlich versteht, nicht weiß, was sie mit dem Wort anfangen soll. Ähnliche Katastrophen erleben wohl Zigtausende andere Schlaganfall-Opfer auch.

„Es machte mich traurig, dass Ärzte nicht wussten, wie sie mit jemandem in meinem Zustand kommunizieren sollten“, schreibt die Wissenschaftlerin. Und beschreibt damit ganz sicher keinen Einzelfall! Die Lektüre ihres Buches könnte Ärzten helfen, dieses medizinische Manko zu bessern. Könnte mehr Verständnis bringen, wie man einen Schlaganfall-Patienten abseits medizinischer (Notfall-)Maßnahmen besser behandelt. Könnte Krankenhaus-Personal, aber auch Angehörigen einen aufrüttelnden Einblick in die einsame Welt eines Schlaganfall-Patienten gewähren.

„Taylors Welt“ hat schon mehrere Zweifler auf den Plan gerufen: Ob ihr Schlaganfall denn wirklich so schwer gewesen sei? Wie sie denn überhaupt hat Hilfe holen können, wenn sie doch, wie sie selbst schreibt, das Sprechen, Reden und Schreiben verloren hatte? Und wie sei ein Minuten-Protokoll einer Hirnblutung möglich, wenn doch die für die Erinnerung zuständige linke Hirnhälfte „zerstört“ war, fragt etwa ein Kritiker im deutschen Nachrichten-Magazin Der Spiegel.


Eventuell nachdenklich werden

Anzukreiden wäre der Autorin vielleicht auch ihre gar rigorose Unterteilung des Gehirns in eine rationale linke und eine gefühlsbetonte rechte Hälfte. Doch, wenn sie schreibt, dass sie sich dafür entschieden habe, ihre Umgebung mit den Augen ihrer rechten Gehirnhälfte zu betrachten, also mitfühlend, freundlich, empathisch, ist das keinesfalls zu verübeln.

Wer Taylors jahrelangen, mühsamen Weg bis zur vollständigen Regeneration verfolgt und ihr Buch nur mit ein wenig Empathie liest, den wird es kaum kalt lassen. Der wird vielleicht nachdenklich werden ob ihrer Behauptung, dass der Einzelne viel mehr Entscheidungsmöglichkeiten über sein Fühlen und Denken hätte. Wer etwas Rotes in der Welt sucht, wird es überall finden. Anfangs vielleicht nur in geringem Maße, je länger man sich aber auf Rot konzentriert, desto häufiger treffen wir darauf. Rot kann für Frust stehen, aber auch für Freude, für Feindseligkeit, aber auch Mitgefühl.

Es steht jedem frei, so die Autorin, die heute wieder in ihrem Beruf arbeitet, seine negative Gedankenwelt zu nähren und damit innere Feindseligkeit und Angst aufzubauen oder einen positiven Gedankengarten zu schaffen. Eine Binsenweisheit, mag sein, aber: Wer macht sich das schon bewusst?


Dringende Appelle

Unterm Strich könnte das Buch eventuell zu mehr Respekt gegenüber einem Schlaganfall-Patienten führen. Auch, wenn er hilflos oder stumm ist, auch wenn er sabbert und grunzt statt spricht, auch wenn er unansprechbar oder apathisch ist – er fühlt, er spürt, er leidet. Wie schreibt Taylor in ihren 40 dringende Appelle an meine Umwelt: „Ich bin nicht dumm, ich bin verletzt. Bitte respektiert mich“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2008)

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