Der Stamm der Pima-Indianer in New Mexico liefert ein Beispiel dafür, wie der sogenannte „Western Lifestyle“ – gekennzeichnet durch kalorienreiche Ernährung und Bewegungsarmut – mit der Entwicklung des Diabetes Typ 2 einhergeht. „In ihrer ursprünglichen Heimat Mexico leiden etwa acht Prozent der Pima-Indianer an Typ-2-Diabetes. In der neuen Heimat, im US-Bundesstaat New Mexico, weist bereits jeder zweite ausgewanderte Pima Typ-2-Diabetes auf“, erwähnte der deutsche Stoffwechselspezialist Prof. Dr. Matthias Blüher von der Universität Leipzig kürzlich bei einer Veranstaltung von Boehringer Ingelheim.
Einer der Hauptgründe dafür: Im US-Bundesstaat New Mexico halten die Indianer im Unterschied zu ihren Verwandten in Mexiko nicht mehr den traditionellen Lebensstil ihrer Vorfahren ein, vor allem greifen sie zu kalorienreicher Ernährung.
Weltweit ist Typ-2-Diabetes heute auf dem Vormarsch, wobei Länder wie Indien oder China die rasantesten Zunahmen verzeichnen. Auch in Deutschland oder Österreich sind die Zahlen in den letzten zehn Jahren stark angestiegen, sodass heute bereits jeder Zehnte betroffen ist. Besonders alarmierend für Blüher: „Die Patienten werden immer jünger. Längst sind nicht mehr nur Erwachsene betroffen, mein jüngster Patient war erst zehn Jahre alt.“
Warnung vor Übergewicht
Diese Entwicklung bestätigt auch der Wiener Diabetes-Spezialist Univ.-Prof. Dr. Rudolf Prager, Vorstand der 3. Medizinischen Abteilung am Krankenhaus Hietzing. „Betroffene Kinder sahen wir vor 20 Jahren überhaupt nicht, heute gibt es ebenso viele Typ-2-Diabetiker unter Jugendlichen wie Typ-1-Diabetiker.“ Hauptverursacher ist dabei laut Prager der Konsum von schnell resorbierbaren Kohlenhydraten in Form von Süßgetränken in Kombination mit fettreicher Nahrung.
Diabetes Typ 2 geht häufig eine Insulinresistenz voraus. „Insulinresistenz bedeutet, dass Insulin bei Übergewichtigen einfach weniger wirksam ist als bei schlanken Personen. Wir kennen das auch von insulinpflichtigen Typ-1-Diabetikern, wo schlanke Patienten weniger Insulin benötigen als Übergewichtige.“ Vor Übergewicht warnt Prager deshalb, weil es – vor allem in Form von Fett im Bauchraum – als eigenes Stoffwechselzentrum fungiert, das unter anderem appetitsteigernde Hormone produziert und damit einen gefährlichen Kreislauf in Gang hält.
Abnehmen wirkt Wunder
Sind die Körperzellen gegen Insulin resistent geworden, kurbelt die Bauchspeicheldrüse gleichsam den Stoffwechselmotor an, indem sie mehr davon produziert, „irgendwann ist dieser Motor überfordert.“ Erste Maßnahme im Frühstadium von Typ-2-Diabetes ist die Empfehlung, den ungesunden Lebensstil zu ändern. „Schon eine Gewichtsabnahme von fünf Kilogramm kann so manches Wunder bewirken, genauso gehören dreimal pro Woche 60 Minuten Bewegung zum Erfolgsrezept, das Typ-2-Diabetes verhindern kann – das ist in zahlreichen Studien belegt“, betont Prager.
Bleibt der Blutzuckerspiegel in Folge der geschwächten Insulin-produktion durch die Bauchspeicheldrüse jedoch hoch, dann müssen Medikamente den Zuckerspiegel regulieren – einerseits um drohende Zuckerentgleisungen zu vermeiden, andererseits um Spätfolgen wie Schäden an Gefäßen oder Nerven bis hin zur Erblindung zu verhindern. „Heute verwendete orale Antidiabetika können entweder die Insulinproduktion direkt in der Bauchspeicheldrüse steigern oder die Empfindlichkeit der Zellen für Insulin wieder verbessern“, erklärt Prager. Im Krankheitsverlauf benötigen jedoch bis zu 40 Prozent der Typ-2-Diabetiker regelmäßig Insulin, mitunter auch in Kombination mit Antidiabetika.
Neue Medikamente
Eine neuere Entwicklung auf dem Gebiet der Antidiabetika stellen die sogenannten DPP-4-Hemmer beziehungsweise Inkretin-Mimetika dar, die entweder oral verabreicht oder wie Insulin selbst injiziert werden müssen. Diese Arzneien erhöhen die Insulinsekretion der Bauchspeicheldrüse und hemmen Gegenspieler der Insulinwirkung. Als besondere Vorteile dieser Substanzklasse gilt ihr geringes Risiko für Unterzuckerungen und ihr günstiger Effekt auf das Körpergewicht, das heißt, sie führen nicht zu einer Gewichtszunahme.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2008)

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''Bleiben die Patienten auf der Strecke?'' Ein Gesundheitsgespräch mit ''Presse'' und Pharmig.















