Psychische Krankheiten nehmen dramatisch zu. Seit den Neunzigerjahren hat sich die Zahl der Krankenstände wegen psychiatrischer Leiden mehr als verdoppelt. Mittlerweile ist die häufigste Ursache für die (vorzeitige) Invaliditätspension bei Frauen eine Krankheit aus dieser Gruppe. Das schlägt sich auch im Medikamentenverbrauch nieder: Die Ausgaben der Krankenkassen für Psychopharmaka sind stark gestiegen. Die Zahl ärztlicher Verordnungen stieg von 2000 auf 2007 um 2,5 Millionen auf 10,56 Millionen an. Auch hier ist auffällig: Weit mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer bekommen zum Beispiel Antidepressiva.
Was ist nur mit den Frauen los? Die Statistik zeigt, dass die Vierzigjährigen besonders gefährdet sind, psychisch zu erkranken. Die Betroffenen sind mehrfach belastet, kommen aus unteren Sozialschichten (oft mit Migrationshintergrund) und leiden unter mangelnder Selbstbestimmung, beschreibt Gabriele Fischer, Psychiaterin an der Wiener Uniklinik, den „klassischen“ Fall. „Diese Frau ist arm, arbeitet unter schlechten Bedingungen und muss befürchten, noch weiter abzurutschen“, ergänzt ihre Fachkollegin, die Vizerektorin an der Med-Uni Wien, Karin Gutierrez-Lobos. Frauen scheinen auch unter Veränderungen durch das Altern stärker zu leiden: Loslösung von den Kindern, Verlust der Rolle als aktiver Teilnehmer am sozialen Leben, Verlust des Partners sind oft Auslöser von Depressionen, so Fischer.
Arbeitsmedizin gefordert
Aber auch die Arbeitsmedizin ist stärker gefordert. Nicht nur der ergonomische Sitzplatz, auch psychische Gefährdungen müssten beachtet werden. Hinter der Modekrankheit Burn-out verberge sich oft eine Depression, sagt Psychiaterin Gutierrez.
Bedarf bei Jugendlichen
Wobei in der Psychiatrie ein heftiger Wissenschaftsstreit darüber tobt, ob tatsächlich die psychischen Leiden zugenommen haben– oder sich nur die Diagnosen sowie die Inanspruchnahme der Therapien verbessert haben. Gutierrez glaubt eher Letzteres: Als Indikator führt sie die Selbstmordrate an. Diese sei insgesamt gesunken, und Depressionen seien oft Auslöser für einen Suizid. Klar sei aber, dass der Bedarf an Psychotherapie auf Krankenschein (seit 2001 möglich) das Angebot noch bei Weitem überschreite. Bei den Zahlern in der Sozialversicherung sieht man das nicht so dramatisch. In der Wiener Kasse räumt man allerdings einen „starken Nachfragedruck“ im Bereich von Kindern und Jugendlichen ein. Deshalb sei hier auch eine Kontingentausweitung geplant, so Direktor Jan Pazourek.
Zumindest in den Städten ist es längst kein Tabu mehr, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Wenig überraschend hat Wien daher auch die beste Ausstattung. Auffallend unterdurchschnittlich ist die Versorgung in Oberösterreich. Die Wartezeiten für eine Therapie auf Krankenschein seien noch immer zu lang, finden die Psychiaterinnen. Weil die Patienten durch ihre Krankheit oft arbeitsunfähig werden, könnten sie auch nicht in private Therapien ausweichen.
Solche Kunden sind auch für Ärzte nicht lukrativ. Sie brauchen intensive Gespräche – und landen oft beim Allgemeinmediziner, der für die Kommunikation mit einem Depressiven nicht mehr Geld bekommt als für die Behandlung von Bluthochdruck. Personalmangel herrscht bei den psychiatrischen Stellen im Spital: Die Jobs sind nicht attraktiv, weil das Grundgehalt niedrig und Klassegebühren kaum zu lukrieren sind. Psychiatriepatienten können sich ja kaum eine Zusatzversicherung leisten. Arme Patienten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2009)















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