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Erst der Schlüssel, dann die Tochter

25.04.2009 | 17:31 |  von CLAUDIA RICHTER (Die Presse)

Um das 30.Lebensjahr beginnt das Hirn, organisch zu altern. Jetzt setzen erste Prozesse ein, die später zu einer Demenz führen können. Vorbeugen kann man mit den fünf L: Liebe, Lachen, Lernen, Laufen, Lachs.

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Sie sind um die 30? Nicht der geringste Gedanke an eine Demenz? Da sollte man vorsichtig sein, denn in diesem Alter fängt es an, geistig bergab zu gehen. Da beginnt sich bei Alzheimer-Kandidaten im Kopf jener Prozess aufzubauen, der 25, 30 Jahre später zu Morbus Alzheimer führt. Das Vergessen hat eben eine lange Vorlaufzeit. Die gute Nachricht: Man kann der Krankheit, bei der Gehirnzellen aus noch nicht ganz geklärten Gründen absterben, bis zu einem gewissen Grad vorbeugen, die Werkzeuge dazu heißen: Liebe, Lachen, Lernen, Laufen, Lachs.

Kein Problem mit der Liebe? Nun denn, da ist nicht in erster Linie Sex gemeint, sondern noch mehr ein soziales Netzwerk. Freunde, Spielgefährten, Kameraden, Kollegen, Kontakte. Vereinsamung ist nämlich ein echter Risikofaktor für Alzheimer. Es lohnt sich also auch der grauen Zellen wegen, Freundschaften ordentlich zu hegen und zu pflegen.

Und wo lacht es sich besser als in geselliger Runde? Bei einem Brettspiel, beim Heurigen, beim gemeinsamen Besuch im Kabarett. Dass Lachen Medizin ist, ist inzwischen ohnehin schon fast ein alter Hut. Unter anderem lindert es Stress, senkt den Blutdruck und fördert die Ausscheidung von Cholesterin. Ein Zuviel dieses Lipids führt zu vermehrter Bildung von Proteinen, die die Nervenzellen im Gehirn schädigen können.

Aktiv bleiben. Nützlich für die Zellen im Gehirn ist hingegen Lernen, das Geistig-aktiv-Bleiben. Erwiesen ist: Menschen mit einem höheren Bildungsgrad, die ihre Denkzentrale nicht rosten lassen, sind eher vor Alzheimer gefeit. Auch, weil bei ihnen die Nervenzellverbindung wesentlich dichter ist. Ja, selbst der Hype Sudoku kann ein bisschen Futter für unser Hirn liefern. Bei schwierigeren Denksportaufgaben werden nämlich Nervenzellverbände aktiviert und Nervenkontaktstellen gebildet. Und klar: Je praller man sein Hirnkonto in jüngeren Jahren auffüllt, desto mehr kann man im Alter davon zehren.

Neben dem Gehirnjogging hilft aber auch landläufiges Joggen der geistigen Fitness auf die Sprünge – weil Laufen und andere Sportarten etliche Risikofaktoren für eine Demenz ausradieren oder mindern. Also Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Diabetes. „Alles, was Herz und Nieren schadet, ist auch der Alzheimer-Krankheit förderlich, da gehört auch Nikotinmissbrauch dazu“, vermerkt Peter Dal-Bianco, Leiter der Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen an der Wiener Universitätsklinik für Neurologie.

Auf dem Menüplan für ein gesundes Gehirn sollten unter anderem fettarme Kost, viel Vitamine, Früchte und Gemüse sowie Omega-3-Fettsäuren stehen, wie sie reichlich in Lachs und anderen Fischsorten enthalten sind. Die Mittelmeer-Diät kann die Alzheimer-Gefahr um 13Prozent senken. Schnitzel- und Stelzen-Fans tun ihrem geistigen Vermögen indes nichts Gutes: Wer zu viel gesättigte tierische Fette zu sich nimmt, erhöht sein Alzheimer-Risiko signifikant. Dafür darf's durchaus ein Glas Bier oder ein Achtel Wein sein. Alkohol – Betonung auf geringe Mengen – wirkt sich nämlich günstig auf die Gehirnfunktion aus.

Wenig bis nichts bringen hingegen alle möglichen Mittelchen, die gegen Altersbeschwerden wie Vergesslichkeit helfen sollen. „Konsument“ hat jetzt 13 solcher Präparate – von Lecithin über Knoblauch bis Ginseng – getestet. Die ernüchternde Bilanz: häufig teuer, immer wirkungslos.

Auch eine andere Hoffnung hat sich jetzt mehr oder weniger zerschlagen: Eine Zeit lang war man ja der Meinung, Schmerzmittel der Gruppe nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) könnten eine präventive Wirkung gegen Hirnleistungsstörungen ausüben – die jüngste US-Studie enttäuschte diesbezüglich sehr. Für NSAR wurde keine schützende Wirkung nachgewiesen, im Gegenteil: Bei Personen, die viele dieser Medikamente schluckten, war das Demenzrisiko sogar gewaltig erhöht.

Tabletten zu schlucken ist also in Hinsicht auf die Prävention von Alzheimer allemal zu wenig. Es zahlt sich wirklich aus, in seinen Lebensstil die fünf L einzubauen. Und zwar lange bevor sich erste Anzeichen einer Demenz bemerkbar machen. Erst vergisst man Namen, Nummern oder Ereignisse oder verlegt Gegenstände. Das wird meist noch kaschiert, da gelingt es vielen noch, die Unzulänglichkeiten vor der Umwelt, ja selbst vor den nächsten Angehörigen zu verstecken. Irgendwann ist es vorbei, das Versteckspiel zu Ende, das Vollbild von Morbus Alzheimer erreicht. Irgendwann erkennt man seine eigene Tochter nicht mehr.


Noch keine Heilung. Auf dem Markt befindliche Medikamente können nur das Fortschreiten der Krankheit hinauszögern, die Symptome eine Zeit lang lindern. Dass die derzeit im klinischen Test befindliche Impfung eines österreichischen Unternehmens den therapeutischen Durchbruch schafft, wäre wünschenswert, ist aber nicht voraussagbar.

Ohne Chance auf Heilung aber wird es dramatisch, die Prognosen können schon erschrecken: Heute leben an die 100.000 Demenzkranke in Österreich, zwei Drittel davon sind Frauen. Im Jahr 2050 sollen es vorsichtigen Schätzungen zufolge 270.000 sein, da könnte jeder zwölfte Österreicher über 60 dement sein. Eine sozialpolitische Bombe, die freilich auch die Kosten explodieren lässt – von derzeit rund 1,7Milliarden Euro jährlicher Gesundheits- und Pflegekosten auf 4,6 Mrd. Euro im Jahr 2050.

Der heute 30-Jährige wird dann 71 sein. Und geistig rege? Oder dement? Er kann die Entscheidung mittragen. Zum Teil zumindest, denn Alzheimer ist nicht nur Schicksal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2009)

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