Es sind in erster Linie Verzweiflung, Hilflosigkeit und Angst, die aggressiv machen – Alzheimerkranke wie deren pflegende Angehörige. Szenen aus einem Alltag: Die Ehefrau des mittelschwer dementen 70-jährigen Martin P. will mit ihm kurz spazieren gehen; ein bisschen frische Luft; ein bisschen Bewegung; das braucht er doch; sie bittet ihn, fordert ihn auf, animiert ihn zum 30., zum 40. Mal. Irgendwann kann sie nicht mehr, ist entnervt, ja, ist zornig.
Ihr Mann spürt das, denn Emotionen bekommen Alzheimerkranke häufig sehr lange mit. Martin P. ist verunsichert, er ist nervös, seine Merkfähigkeit dadurch noch mehr beeinträchtigt. Er kennt sich nicht mehr aus, er ist hilflos, verängstigt, verschüchtert. Und aus dieser Hilflosigkeit heraus wirft er seiner Frau einen Gegenstand nach. Die ist vollkommen am Boden zerstört. Da kümmert sie sich seit Jahren um ihn, versucht, das Beste zu geben, hat keine Zeit mehr für sich und ihre Interessen – und dann das. Verzweiflung, Ohnmacht, die Frau schlägt zu.
Es tut unendlich weh
In der Gruppe der älteren, mehrfach kranken und dementen Pflegebedürftigen haben schon sehr viele Gewalterfahrung gemacht – im institutionellen wie im häuslichen Bereich. Angehörige, die pflegen, gehen sehr oft an und über die Grenze ihrer Belastbarkeit. Sie haben häufig keine Pause, einen „24-Stunden-Job“.
„Wenn man nicht mehr kann, erschöpft und ausgepowert ist und keinen Lichtblick mehr sieht, ist der Weg zur Gewalt ein kurzer“, weiß die Psychologin Dr. Doris Bach mit Spezialgebiet Geronto-Psychologie.
Die Tochter, die die Mutter, die Frau, die den Ehemann pflegt – und zum größten Teil sind es Frauen, die sich um Demenzkranke kümmern –, hat ja meist keine Ausbildung in der Pflege, versteht nicht, warum der Angehörige so und so reagiert.
Dann kommt die große Betroffenheit dazu. Es tut unendlich weh, mitzuerleben, wie der Partner, der Vater sich langsam geistig aus dieser Welt verabschiedet; wie er orientierungslos wird; wie er sein Wesen verändert; vergessen hat, dass man ihm vor zwei Stunden sein Lieblingsgericht gekocht hat. Er entgleitet einem, langsam. Er ist da, fassbar nahe, und doch unendlich weit weg. Der Schmerz ist manchmal nicht mehr zu ertragen, die Seele brennt; ein Fegefeuer der Gefühle.
Aber es geht weiter. Tag für Tag, sieben Tage die Woche, Monat für Monat, zwölf Monate im Jahr. Antonia Croy, Leiterin der Selbsthilfegruppe Alzheimer Angehörige Austria: „Seelische und körperliche Dauerbelastung macht krank, Burn-out und Depressionen sind vorprogrammiert, wenn pflegende Angehörige keine Auszeit haben. Die brauchen sie dringend.“
Leichter gesagt als getan! Wer soll denn dann für den Alzheimerkranken sorgen? Seit Jahren betonen Politiker und für das Gesundheitswesen Verantwortliche, dass mehr für die, die sich um ihre dementen Väter und Ehemänner kümmern, getan werden müsse. Denn die ersparen dem Staat schließlich viel Geld, immerhin werden etwa 80 Prozent der Dementen zu Hause betreut. Geschehen ist bis jetzt wenig.
Man sollte die Ärzte schulen
„Seit Kurzem ist es leichter geworden, für Alzheimerpatienten eine höhere Pflegegeldstufe zu bekommen“, erwähnte Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, bei der Vorstellung des ersten österreichischen Demenz-Berichtes. „Das Problem können wir nicht allein mit der Erhöhung des Pflegegeldes lösen. Da muss noch vieles anderes getan werden“, betont Univ.-Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Leiter der Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen an der Wiener Universitätsklinik für Neurologie.
Ein weiteres Problem ist die Einstufung beim Pflegegeld: Häufig sind es keine Fachärzte, die den Dementen zu Hause besuchen. Der reißt sich dann zusammen, behauptet, er würde ohnehin alles alleine schaffen, einkaufen gehen und so weiter. Und der nicht geschulte Allgemeinarzt oder Orthopäde lässt sich – aus welchen Gründen auch immer – blenden, gewährt Pflegestufe eins – oder gar keine.
„Man sollte die Ärzte schulen, die in zehn Minuten die Höhe der Pflegegeldstufe beurteilen, damit sie sich nicht von einer Fassade blenden lassen“, empfiehlt Dal-Bianco. „Wenn das begutachtende Organ den Patienten auffordert, ein Glas Wasser zu trinken, und wenn dieser das schafft, wird dann oft ein Gutachten geschrieben, das zu keiner Unterstützung führt.“
Gutachter lassen sich täuschen
„Wir empfehlen das Führen eines Pflegeprotokolls, in dem genau angeführt wird, wo die Schwierigkeiten sind. Beispielsweise, wenn man zwei Stunden für die Körperpflege braucht, weil der Kranke sich immer wieder wehrt dagegen, oder zwei-, dreimal das Essen aufwärmen muss, weil der Alzheimerpatient so langsam isst“, sagt Croy. „Bevor der Arzt zur Pflegegeld-Einstufung ins Haus kommt, sollte man sich unbedingt ein Gutachten eines Neurologen besorgen oder einen MRT-Befund. Denn der kann den wahren Schweregrad objektiver beurteilen, weil Demente ja oft hervorragend kaschieren und einem mit Demenz nicht so vertrauten Gutachter etwas vorspielen können“, rät Psychologin Bach.
„Pflegende Angehörige haben einen Rechtsanspruch auf psychologische Betreuung und Urlaub“, fordert Bittner. Schöne Worte, die Realität ist eine andere. Aber es gibt Wege, diese Realität wenigstens ein bisschen erträglicher zu machen. Beispielsweise durch Inanspruchnahme von Tagesstätten für Alzheimerkranke; oder durch Anforderung von Heimhilfe oder Besuchsdiensten. Selbsthilfegruppen informieren da, aber auch das Pflegetelefon und andere (Infos dazu links unter „Wertvolle Infos“).
Zurück bleibt bittere Einsamkeit
„Einen Dementen zu pflegen ist beinhart, Knochenarbeit ohne Unterbrechung“, betont Dal-Bianco. „Da bedarf es immer wieder einer Auszeit, wenigstens für ein paar Stunden, das ist lebenswichtig.“ Denn sonst, so der Experte, vereinsamen zwei Menschen. Der Demente und der, der ihn pflegt. Der Alzheimerkranke stirbt meist früher. Zurück bleibt der Betreuer, mit Depressionen, mit Schlafstörungen, mit Schuldgefühlen und in bitterer Einsamkeit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2009)

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