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Seelengefängnis: Verbitterung als Krankheitsherd

12.10.2009 | 18:23 |  CLAUDIA RICHTER (Die Presse)

Wer nicht vergeben kann, mauert sich selbst einen psychischen Kerker. Letztlich ist Versöhnung oder Unversöhnlichkeit eine Frage der eigenen Entscheidung.

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Es darf kränken, wenn einem gekündigt wird. Es tut weh, wenn einen der Partner verlässt. Es darf durchaus verärgern, wenn der weniger Fähige Karriere macht, während man selbst stehen bleibt. Es verletzt, wenn ein guter Freund einen belügt. Es darf wütend machen, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Verletzt werden wir alle irgendwann, manche öfter, manche seltener.

Manche können damit umgehen, gar nicht so wenige landen im Käfig der Verbitterung. Und das tut erst recht weh, raubt Lebensfreude und Energie, macht letztendlich krank. „Diese Menschen kommen nicht weg von dem negativen Erlebnis, sie jammern und klagen. Der Chef, der Partner, der Freund ist schuld, dass es ihnen so schlecht geht. Sie verbohren sich in ihr Leid und fühlen sich dabei gar nicht wohl. Aus dem ständigen Hadern mit dem widerfahrenen Schicksal können sich lang anhaltende psychische Krankheiten entwickeln“, schildert der Wiener Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe Dr. Raphael Bonelli, der sich seit geraumer Zeit dem Thema Verbitterung widmet und am letzten Samstag die Fachtagung „Verletzung – Verbitterung – Vergebung“ mitorganisiert hat.

 

Zerstörerische Emotion

Verbitterung respektive der vom deutschen Psychotherapeuten und Psychiater Univ.-Prof. Dr. Michael Linden 2003 eingeführte Begriff der posttraumatischen Verbitterungsstörung ist also eine junge Wissenschaft der Psychotherapie. „Obwohl Verbitterung eine eindrucksvollere und vor allem auch zerstörerischere Emotion ist als Depression oder Angst, gibt es bislang noch vergleichsweise wenig Forschung darüber“, sagt Bonelli.

Hingegen, so der Wiener Experte, werde vor allem in den USA sehr viel zum Thema Unversöhnlichkeit geforscht. „Und da gibt es sehr viele Parallelen zur Verbitterung, weil das eine viel mit dem anderen zu tun hat. Bei meinen verbitterten Patienten sehe ich oft viel Unversöhnlichkeit, die den Betroffenen oft gar nicht bewusst ist.“

Derjenige, der nicht vergeben kann, mauert sich damit selbst eine Art Seelengefängnis. „Indem er stets einem anderen die Schuld an seinem Zustand gibt, drängt er sich selbst in die Rolle des handlungsunfähigen Opfers.“ Verbitterung bedeute auch, in eine Opferrolle zu schlüpfen und sein Leben tatenlos von diesem Unglück abhängig zu machen.

Wenn man immer nur darüber nachgrüble, wer aller wie gemein zu einem war, würde man nie damit fertig. Seelische Wunden könnten so nicht verheilen, würden stets aufs Neue aufgerissen und sich mit der Zeit nur noch vergrößern. Wer sich Kränkungen immer wieder in Erinnerung ruft, blutet ewig. Wenn man solchen Menschen aber widerspiegeln könne, dass Versöhnung oder Unversöhnlichkeit eine Frage der eigenen Entscheidung ist, sei schon oft viel geholfen, erwähnt der Experte.

Ohne Hilfe jedoch könne der Traumatisierte immer tiefer in den Strudel aus Vorwürfen, Unglücklichsein und Verbitterung geraten. „Verbitterte entwickeln mit der Zeit eine immer größere Empfindlichkeit. In der Extremform finden sie jedes und alles gegen sich selbst gerichtet und leiden sehr.“

 

Innere und äußere Erstarrung

Die physischen Folgen des psychischen Leids sind noch relativ wenig untersucht, dürften aber jenen einer Depression ähneln; also Rückzug, Isolation, Vernachlässigung der eigenen Gesundheit mit all den negativen Folgen – von Alkoholismus über Fettleibigkeit bis Herzinfarkt. Eine weitere negative praktische Folge: Der Gekündigte sucht keinen neuen Arbeitsplatz, die Verlassene verharrt in ihren Vorwürfen gegenüber dem „bösen“ Partner und bleibt alleine, verliert allmählich den Boden unter den Füßen. Solchermaßen kann Verbitterung zur inneren und äußeren Erstarrung führen. „Je narzisstischer ein Mensch ist, desto verletzbarer ist er, desto stärker ist die Gefahr, dass er in der Sackgasse Verbitterung landet.“

 

Gefahr Großstadt

Auch die Großstadt birgt irgendwie eine Gefahr in sich. Bonelli: „Im anonymen Lebensstil einer Großstadt sind Menschen weitaus verletzlicher als in einem stabilen sozialen Umfeld, wie es am Land häufig noch vorhanden ist.“ Heraushelfen kann unter anderem professionelle Hilfe durch Psychotherapie. Linden nennt es „Weisheitstherapie“ (Unterform der Verhaltenstherapie; es geht dabei auch um Perspektivenwechsel, Verständnis der Situation des „Täters“, Relativierung der Subjektivität).

Bonelli setzt zudem gerne die systemische Therapie ein. „Wenn sich der Klient darauf wirklich einlässt, kann er in drei bis zwölf Monaten geheilt sein.“ Wichtig, so Bonelli, sei dabei auch, Unveränderliches zu akzeptieren und nach vorne zu blicken anstatt in der Vergangenheit zu wühlen und in der Schuldzuweisung-Maschinerie zu versteinern. „Sonst bleibt man ewiger Verlierer und Glücklichsein ein Fremdwort.“ Und wer wollte das schon?

AUF EINEN BLICK

Kränkungen erlebt jeder von uns – gar nicht so wenige können damit nicht umgehen und landen im Käfig der Verbitterung.

Aus dem ständigen Hadern mit dem Schicksal können sich lang anhaltende psychische Leiden, aber auch physische Krankheiten entwickeln.

Manche finden nicht mehr von selbst aus der Sackgasse Verbitterung heraus – da bedarf es professioneller Unterstützung. Psychotherapie kann helfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2009)

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14 Kommentare
Gast: Dr. phil. J. van Boekmann
25.09.2010 22:08
0 0

Fehlende Tiefe

Ich halte den Artikel für oberflächlich verfasst, da er die Vielschichtigkeit, die eine solche Verbitterungsstörung mitsich bringen kann, nicht im Geringsten erfasst!
Indem sich der Autor stets nur mit dem Problem des "Vergebens" quasi im Dauerdisput befindet, erwähnt er mit keiner Silbe, dass die von Michael Linden verfassten Essays, das konkrete Problem als nebensächlich bezeichnen. Auch statistisch betrachtet, gibt es keine Studien, die belegen, dass die Mehrheit der PTED-Erkrankten ein konkretes Problem wie dieses benennt. Viel eher stehen mehrere einzenlne Erfahrungen im Vordergrund, welche eher dazu führen, die Schuld an gewisse Gruppen weiterzuleiten (z.B. Frauen, Männer, Mitarbeiter etc.). Einzelpersonen sind hierbei meist nur repräsentativ zu betrachten.
Ferner möchte ich noch erwähnen, dass die Auslegung der "Opferrolle" hier einen sehr einseitigen Blick vermittelt und so wie im Artikel erwähnt, stark aus dem Kontext gerissen ist.

MfG

-TRIBUN-
13.10.2009 17:57
0 0

guter Artikel,

meine ich. Jedoch ist das bitte nichts Neues. Wir brauchen hiezu nur die großartige Bergpredigt in Erinnerung rufen - shalom

Antonio
13.10.2009 15:32
0 0

Sehr interessant und wichtig

Einen zweitägigen Fachkongress zusammenzufassen und gleichzeitig für Laien verständlich zu sein ist sicher schwierig. Aber die Kernbotschaft in den Aussagen ist für mich sehr wichtig: Ständig in Verbitterung über den Anderen und erlittene Enttäuschungen zu verharren macht krank. Wer die Fähigkeit erlernt hat, zu vergeben (ist übrigens ein Kernthema christlicher Bootschaft) braucht selten einen Psychiater.

Antworten Gast: arthur
13.10.2009 23:29
0 0

Re: Sehr interessant und wichtig

"wer die Faehigkeit erlernt hat, zu vergeben...braucht selten einen Psychiater"

und dann brauchen wir auch keine Gefaengnisse (die Gesellschaft soll einem halt alles verzeihen und vergeben, statt "in Verbitterung verharren"), niemand braucht Schulden zurueckzuzahlen (warum vergibt und verzeiht die Bank einem das nicht?), und ich kann mich also dauernd wie ein groessenwahnsinniger Psychopath auffuehren, weil ich mir ja erwarten kann, dass niemand "in Verbitterung" ueber mich "verharrt" - weil das macht ihn ja "ungluecklich"... absurd, oder??

Antworten Antworten Antonio
14.10.2009 12:27
0 0

Ich glaube, Sie interpretieren das falsch

Ein einfaches Beispiel: Wie oft habe ich schon gehört: „Das verzeihe ich ihm/ihr nie“, banales Beispiel, Seitensprung: Er/Sie kann es nicht rückgängig machen, er/sie kann sich jedoch entschuldigen, er/sie kann verzeihen, statt in Verbitterung zu verharren. Natürlich ist Haltungsänderung notwendig. Oder nehmen Sie das schreckliche Beispiel, wo unlängst ein Rennfahrer Mutter und Tochter zu Tode gebracht hat. Der Vater kann nun ein Leben lang verbittert sein, von Hass erfüllt sein oder doch eines Tages dem Unglücksfahrer verzeihen.

Antworten Antworten Antworten Gast: arthur
14.10.2009 22:13
0 0

Re: Ich glaube, Sie interpretieren das falsch

Oder man kann aus dem Seitensprung des Partners lernen, dass es vielleicht Zeit fuer eine Scheidung ist - und nachher ist es fuer beide (bzw. alle drei) besser. Zumindest kann man seine Illusionen loswerden. Bloss weil man nicht "verzeiht" und nicht so tut als waere nichts gewesen (Schwamm drueber, nach vorne schauen, bla bla bla) muss man nicht unbedingt verbittert sein: vielleicht gibt es auch die Moeglichkeit, der haesslichen, unangenehmen Wahrheit bezueglich der menschlichen Existenz furchtlos ins Gesicht zu schauen - unsere beste Chance, etwas zu lernen und das Grundgefuege der Existenz zu erkennen. Irgendwie kommt mir all dieses Gerede von "verzeihen" einfach seicht und scheinheilig vor: man tut so, als sei nichts gewesen, will vergessen und verdraengen, Augen zu und "positive Gedanken" haben - ? Aber es funktioniert eh nicht, oder zumindest nur eine Zeitlang. Interpretiere ich noch immer falsch?

Antworten Antworten Antworten Antworten Antonio
15.10.2009 14:09
0 0

Ich denke Sie interpretieren nicht falsch,

sondern nachdem Sie Verzeihen als "Gerede" bezeichnen, haben Sie für so ein Thema einfach keine Antennen und verstehen daher auch so einen Kongress nicht. Das macht nichts, wenn Sie auch ohne Verzeihen glücklich sind. Ich fände, das Leben ohne Versöhnung, Verzeihung ziemlich erbärmlich.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: arthur
17.10.2009 14:14
0 0

Re: Ich denke Sie interpretieren nicht falsch,

Das menschliche Leben ist "erbaermlich" ganz egal ob man andauernd "verzeiht" oder nicht. Bei Schopenhauer (und vielen anderen scharfsinnigen Menschen) wunderschoen und ueberzeugend nachzulesen. Sie glauben es vielleicht nicht, aber das auf diesem Pop-Psychologie-"Kongress" propagierte naive "verzeihen" und "vergeben" ist einfach ein cop-out, ein sich-vor-der-Realitaet-druecken.
Es geht im menschlichen Leben eben nicht primaer um irgendsoein oberflaechliches "Gluecklich-sein," sondern um Einsicht und wahres Verstaendnis der Dinge wie sie sind, und das ist eben (leider) nicht immer angenehm. Alsdann, viel Glueck!

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antonio
19.10.2009 10:51
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OK, Sie haben Recht!

Mit Blinden über Farben reden ist ein dummes Unterfangen! Ich lebe zufrieden, Sie leben - möglicher Weise - auch zufrieden, bleiben Sie ruhig unversöhnlich.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: gast
29.10.2009 16:20
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Re: OK, Sie haben Recht!

Die Frage ist nur: Wer ist der Blinde?

Gast: Nadesha
13.10.2009 13:57
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So ein Schwachfug,

natürlich gibt es pathologische Fälle, aber ich würde einem Betrüger, oder Chef der Kündigung als Dank für langjährige gute Mitarbeit ausspricht, ohne Grund niemals verzeihen.
Ich gehe heute noch in Saft wenn ich zufällig meine Ex-Chef sehe (ist mittlerweile 8 Jahre her) und noch heute würde ich mich, wenn ich könnte, für diese Schmach rächen. Nur leider wird mir die Möglichkeit nicht gegeben, also verdrängt man solche Erlebnisse aus dem Gedächtnis.

Gast: arthur
13.10.2009 10:28
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eine sehr oberflaechliche und einseitige Darstellung

Es stimmt sicherlich, dass manche Menschen nicht sehr geschickt mit den Widrigkeiten des Daseins umgehen und dadurch zusaetzlich leiden.
Aber die Schlussfolgerung sollte nicht sein, dass wir uns alle mit professioneller Psychologen-Hilfe rosa Brillen aufsetzen und dadurch scheinbar "gluecklich" werden und alles vergessen und vergeben .... das klare und nicht beschoenigende Auseinandersetzen mit den negativen Aspekten des Lebens war nicht nur Schopenhauer und Buddha von Nutzen, sondern ist auch die eigentliche Inspiration fuer alle (echte) Kunst und weiters die Quelle der Inspiration, etwas (und vor allem sich selbst) zu veraendern und aus dem Ganzen zu lernen.



Heraushelfen kann unter anderem professionelle Hilfe durch Psychotherapie.

Unbezahlte Werbung für Dienstleistungen. Darum geht's also.

Antworten dojon86
30.10.2009 10:44
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@Anton auf der Wieden

Richtig, das ist`s.

Schlagzeilen Gesundheit