Österreichischen Medizinern ist ein bahnbrechender Erfolg in der Behandlung von Brustkrebs gelungen. Auf Europas größtem Krebskongress in Berlin präsentierten der Onkochirurg Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant und der Internist und Chemotherapeut Univ.-Prof. Dr. Günther Steger (beide Medizinische Universität Wien) erstmals eine Kombi-Behandlung mit einer bereits etablierten Chemotherapie und einem neu entwickelten Medikament, das auf molekularer Ebene wirkt.
„Mit dieser Therapie gelingt es, schon vor einer Operation den Tumor zu verkleinern und in manchen Fällen sogar alle Krebszellen zum Verschwinden zu bringen“, erklärt Gnant. Allerdings ist die Therapie nicht für alle Patientinnen angebracht, sondern nur für jene, bei denen die Brustkrebszellen hohe Konzentrationen des Proteins HER2 aufweisen – etwa 20 bis 30 Prozent sind betroffen, und sie haben eine besonders schlechte Prognose.„Auf diese Weise können wir noch brusterhaltender operieren als bisher, und die langfristige Überlebensrate kann bis um das Doppelte erhöht werden“, unterstreicht Gnant.
Gefährdetes (Über-)Leben
Aber auch nach einer operativen Entfernung des Tumors müssen adjuvante Therapien konsequent befolgt werden, um Rückfälle zu vermeiden. Viele Patientinnen seien sich nicht bewusst, dass sie mit einer Unterbrechung der Medikamenteneinnahme den Therapieerfolg und damit ihr (Über-)Leben gefährden würden, warnen die Experten.Umfangreiche Studien zeigen zweierlei: Patientinnen, die ihre Medikamente therapiegetreu nehmen, leben tatsächlich länger. Aber im vierten Therapiejahr nehmen nur noch 50 Prozent der Brustkrebspatientinnen ihre Medikamente so ein, wie sie verschrieben worden sind.
Die eingangs beschriebene neue Brustkrebstherapie ist ein bezeichnendes Beispiel für die Wende in der Krebsbehandlung. Krebsdiagnose bedeutet heute nicht mehr generell schwere Operationen, nebenwirkungsreiche Chemotherapie, Radiotherapie – man behandelt nicht mehr alle Patienten nach ein und demselben Schema. Die neuen Strategien richten sich nach den speziellen Eigenschaften des Tumors und der individuellen Veranlagung des Patienten.
„Die Krebstherapie wird immer gezielter und individueller“, betonte Univ.-Prof. Dr. Michael Hallek, Klinik für Innere Medizin Köln. „Wir haben keinen universellen Rasenmäher für jeden Grashalm, wir brauchen verschiedene Instrumente. So können wir mit einer individuell maßgeschneiderten Therapie etwa 90 Prozent der Patienten mit bestimmten Arten von Lungenkrebs helfen.“
Derzeit gibt es etwa 200 Substanzen, die gezielt eingesetzt werden können. Einige von ihnen greifen mutierte Formen bestimmter Gene an. Eine andere Gruppe, die Angiogenesehemmer, stoppen die Entwicklung von Blutgefäßen, über die sich der Tumor ernährt – solchermaßen wird er ausgehungert.
Chemotherapie als Tablette
Bei Dickdarmkrebs etwa senkt ein neues Medikament, kombiniert mit einer Chemotherapie, über einen Zeitraum von drei Jahren die Sterblichkeit um rund 20 Prozent. Auch mithilfe von Antikörpern, die bestimmte Proteine angreifen, kann das Tumorwachstum gestoppt werden. Eine wesentliche Erleichterung für den Patienten bringt auch eine neue Chemotherapie in Form einer Tablette. „Der Patient erhält das Medikament bei seinem Arzt und kann es zu Hause einnehmen. Er muss nicht ins Spital gehen, er braucht keine Infusion. Da auch die Nebenwirkungen geringer sind, wird die Lebensqualität deutlich verbessert“, berichtet der Wiener Onkologe Univ.-Prof. Dr. Heinz Ludwig, Wilhelminenspital.
Die Überlebenschancen nach einer Operation können bei Brustkrebs, Darm- und Magenkrebs durch neue Strategien um bis zu 20 Jahre erhöht werden. Durch die kontinuierliche Einnahme innovativer Arzneimittel ist es möglich, auch noch „schlafende“ Krebszellen frühzeitig zu erreichen. Besonders ausschlaggebend für eine erfolgreiche Therapie hält Ludwig die Kenntnis der genetischen Bedingungen, das Herausfinden von genetischen Defekten und Mutationen, hier könnte auch das Anlegen von Datenbanken hilfreich sein. „Dann könnten wir uns so manche Chemotherapie ersparen oder wirksamer machen.“
Es geht auch um Lebensqualität
Das bedeutet aber auch, dass das Ärzteteam schon vorausplanen kann, welche langfristigen Erfolge oder Nebenwirkungen eine Therapie hat, und wie sie die Lebensqualität des Patienten beeinträchtigt. Ludwig: „Es geht ja nicht nur um ein verlängertes Leben, sondern auch um Lebensqualität.“
■Rund 5000 Frauen erkranken jährlich in Österreich an Brustkrebs. Jede achte bis zehnte Frau wird im Laufe ihres Lebens mit der Diagnose konfrontiert.Österreichische Ärzte haben beim europäischen Krebskongress in Berlin eine bahnbrechende Brustkrebstherapie vorgestellt, die das Überleben deutlich erhöht.
■Pro Jahr werden in Österreich etwa 19.500 Männer und 17.400 Frauen mit einer Krebsdiagnose konfrontiert. Jährlich sterben 9.000 Frauen und 10.000 Männer an Krebs. Krebsleiden sind damit in Österreich zweithäufigste Todesursache und für etwas mehr als ein Viertel aller Todesfälle verantwortlich.
■Jedes Jahr wird weltweit beimehr als elf Millionen Menschen die Diagnose Krebs gestellt. In Europa ist einer von drei Menschen betroffen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2009)

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''Bleiben die Patienten auf der Strecke?'' Ein Gesundheitsgespräch mit ''Presse'' und Pharmig.















