„90 Prozent aller osteoporotischen Brüche sind Folgen von Stürzen, nicht in erster Linie Folgen verminderter Knochendichte“, betont der Orthopäde Dr. Christoph Michlmayr aus Rohrbach. Wie aber lassen sich Stürze, ein eklatantes Problem alter Menschen, vermeiden oder zumindest reduzieren?Die einfache Antwort lautet: Training. Das eher Komplizierte dabei: Welches Training, wie oft, wie intensiv und vor allem: Wie bringt man ältere Menschen dazu? Indem man ihnen zum Beispiel einen Schaukelstuhl kauft.
Wirksamer als Medikamente
„Der gute alte Schaukelstuhl ist leider aus der Mode gekommen. Dabei stellt die regelmäßige Benutzung eines Schaukelstuhls ein wunderbares Koordinationstraining für das Gleichgewichtsorgan dar. Das ist potenter und wirksamer in der Sturzprophylaxe als jedes Medikament zur Frakturvermeidung.“
Der Schaukelstuhl war also auch ein fixer Bestandteil einer österreichweit einzigartigen Pilotstudie im Seniorenwohnheim Rohrbach mit dem Ziel, die körperliche Leistungsfähigkeit der Bewohner zu erhalten beziehungsweise zu verbessern. Kern des Projekts war ein kleiner Gesundheitsparcours, bestehend aus einer fünf Meter langen Gesundheitsmatte kyBounder, drei Hürden, einem Sessel und dem erwähnten Schaukelstuhl. Die Senioren sollten diesen einfachen Parcours drei Monate lang zweimal täglich absolvieren und jeweils drei Durchgänge machen. „Fünfmal in der Woche“, detailliert Studienleiter Michlmayr.
„KyBounder ermöglicht aufgrund des schiebenden, weichen und instabilen Untergrunds ein Gehtraining wie auf Sand, wie in der Natur, wo ja Unebenheiten die Norm sind.“ Durch die Bewegung auf dieser Matte sollen die Tiefenmuskulatur gestärkt und das Balancesystem trainiert werden. Die Hürden bieten zusätzliches Balancetraining. An einem Ende der Matte wird im Schaukelstuhl trainiert, am anderen Krafttraining mit dem Sessel gemacht – beim wiederholten Aufstehen und Niedersetzen. „Gleichzeitig wird ergonomisch richtiges Aufstehen geübt.“
Ergebnis nach drei Monaten: Leistungsfähigkeit, Koordination, Beweglichkeit und Stabilität verbesserten sich bei allen Teilnehmern bereits binnen dieser kurzen Zeit, und zwar proportional mit der Häufigkeit der Übungen: Je öfter der Parcours absolviert wurde, desto besser die Resultate.
Vitamin D für die Muskeln
Das bedeutet freilich auch Sturzprophylaxe, mehr Sicherheit. „So könnten sich ältere Leute wieder Spaziergänge und Bewegung im Freien zutrauen“, meint Michlmayr. Damit wäre auch die Versorgung mit Vitamin D, dessen Produktion durch Sonnenlicht gefördert wird, erleichtert. „Vitamin D ist nicht nur für die Knochen wichtig, sondern auch für die Funktion des Muskels ganz entscheidend.“
Die weniger gute Nachricht: Die Studie wurde mit nur neun Teilnehmern durchgeführt. „Daher würde ich hier nur von einem Trend sprechen, ich bin aber überzeugt, dass große Studien dasselbe Ergebnis bringen“, sagt Michlmayr und hofft, dass derlei Projekte in größerem Rahmen durchgeführt werden. Denn nicht nur viel menschliches Leid könne solchermaßen verhindert, auch Kosten könnten eingespart werden. „Man bedenke nur, was ein einziger Oberschenkelhalsbruch kostet.“
Die Kosten für einen derartigen Parcours seien dagegen verschwindend klein. Ebenso die Hemmschwelle der Senioren, „über so eine einfache Sache trauen sich die meisten drüber“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2010)















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