1,5 Kilo Bakterien tragen wir im Darm mit uns herum – nach Köpfen gezählt, sind das zehnmal so viel wie unser ganzer Körper Zellen hat –, und ohne sie wären wir nichts. Sie füttern uns, kauen Unverdauliches vor; sie schützen uns, zumindest die uns gut gesinnten, die auf Dauer mit uns zusammenleben („kommensal“), sie halten gefährliche Bakterien von der verletzlichen Darmhaut fern; und sie kommunizieren auch mit dieser Haut, steuern die Aktivitäten ihrer Gene: Ist der Darm wohl gefüllt, werden auf Veranlassung der Bakterien neue Blutgefäße in der Wand gebildet; ist er bedroht, sorgen sie dafür, dass das Immunsystem aktiver wird.
So steuern sie den Darm. Aber nicht nur ihn: Manche Bakterien im Darm nehmen direkten Einfluss auf das Gehirn. Zumindest bei Mäusen ist das so, und an ihnen bzw. Ratten hat man zuerst ganz grundsätzlich bemerkt, dass Einzeller die Macht im Gehirn von Tieren übernehmen können: Toxoplasma gondii ist ein Parasit, der von Ratten zu seinem nächsten Wirt gelangen muss: Katzen. Deshalb manipuliert er Rattengehirne so, dass die Tiere ihre größte Furcht verlieren, die vor Katzenurin. Auch bei Menschen steht der Parasit im Verdacht, die Psyche auf Dauer zu verändern.
Bakterien machen/nehmen Furcht
Immerhin: Toxoplasma nistet sich ins Gehirn selbst ein. Die Bakterien hingegen sitzen im Darm. Dass sie von dort eine spukhafte Fernwirkung ausüben, bemerkte Sven Pettersson (Stockholm) zu Jahresbeginn an Mäusen: Es gibt Labormäuse ohne Bakterien im Darm – man bringt sie mit Kaiserschnitt zur Welt und verhindert damit den sonst normalen Erstkontakt mit Bakterien im Geburtskanal –, sie verhalten sich anders als Mäuse mit Bakterien, furchtloser und neugieriger (Pnas, 108, S.3047). Dabei ging es ganz unspezifisch um die gesamte Bakteriengemeinschaft, aber nun hat eine Gruppe um John Cryan (Cork, Irland) mit einem einzelnen Bakterium experimentiert, Lactobacillus rhamnosus. Das wird schon als „Probiotikum“ eingesetzt, in der Hoffnung, es könne die körperliche Gesundheit fördern. Offenbar hilft es auch der Psyche: Cryan hat Mäusen unterschiedliches Futter gegeben, im einen war das Bakterium, im anderen nicht.
Die Mäuse, die es im Futter hatten, waren angst- und stressfreier. Das kam von einer veränderten Aktivierung der Gene für Rezeptoren des Neurotransmitters GABA im Gehirn. Und diese Änderung wurde von Bakterien aus dem Darm bewerkstelligt, ihre Botschaften kamen via Vagusnerv. War der durchtrennt, änderten sich Gehirne und Verhalten nicht (Pnas, 29.8.). Kann man sich also Angst wegessen, mit Lactobacillus? Cryan hofft auf therapeutischen Nutzen, andere sind skeptisch, weil Menschen nun einmal keine Mäuse sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2011)















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