Milch hat schon bessere Zeiten gesehen. Früher sprach man noch vom Land, in dem Milch und Honig fließt, und meinte damit das Paradies. Doch heute machen die meisten Menschen einen Bogen um die weiße Flüssigkeit. Milch verschleimt, macht dick, übersäuert, führt zu Eisenmangel und ist ohnehin nicht für Menschen gedacht, sondern nur für Kälber. Außerdem wäre da noch die Sache mit der Laktose-Unverträglichkeit. Das Wort ist seit ein paar Jahren derart präsent, dass manche schon vorbeugend zur laktosefreien Variante oder gleich zu Sojamilch greifen, als auch nur ein Gläschen Milch zu kosten.
Die deutsche Ernährungswissenschaftlerin Franca Mangiameli hat sich nun dem verschmähten Lebenssaft angenommen und eine Art Propagandaschrift der Milch geschrieben. In ihrem Buch „Die Milchdiät. Abnehmen mit dem Kalzium-Kick“ kämpft sie gegen die gängigen Milchmythen an, bricht eine Lanze für Milchkalzium und sieht im Kalziummangel gar die Ursache von Übergewicht und Fettleibigkeit. „Bei Milch gibt es zwei Lager: die Befürworter und jene, die Milch hassen. Ich habe mir all diese Mythen angesehen und bin doch recht ins Staunen gekommen. Milchgegner beziehen sich nur auf Hypothesen und sind meist Vertreter der Naturheilkunde“, sagt Mangiameli. So wirke etwa Milcheiweiß nicht sauer, sondern basisch. Für die Verschleimung gibt es keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg. Und dick mache Milch ohnehin nicht – im Gegenteil, Milchkalzium soll nicht nur die Fettverbrennung fördern, sondern auch den Muskelaufbau unterstützen.
Auch wenn sich Mangiamelis Buch wie ein klassisches Diätbuch liest, das sich etwa bei den Argumenten mit Floskeln wie „wissenschaftliche Studien haben ergeben“ begnügt, hat die Ernährungswissenschaftlerin nicht ganz unrecht, was unseren stiefmütterlichen Umgang mit Milch betrifft.
Zu wenig, zu selten. Fakt ist, dass wir zu wenig Milch und Milchprodukte zu uns nehmen. Laut Österreichischem Ernährungsbericht kommen Frauen (zwischen 18 und 65 Jahren) im Schnitt auf 194 Gramm pro Tag und Männer in der gleichen Altersgruppe auf 167 Gramm. Empfohlen werden 340 Gramm. Auch Kinder kommen in keiner Altersgruppe auf die Richtwerte.
Umgerechnet auf Portionen bedeutet die Empfehlung dreimal Milch am Tag. Das kann vom Glas Milch über einen Joghurtbecher oder einer Portion Topfen (etwa 200 Gramm) bis zu 50 bis 60 Gramm Käse gehen. Selbst beim Käse kommen wir im Schnitt auf lediglich 33 Gramm pro Tag.
Petra Rust vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien hat dafür zwei Gründe ausgemacht: einerseits die Laktose-Unverträglichkeit. „Es glauben viel mehr, dass sie darunter leiden, als diagnostiziert wurde.“ Und andererseits die Beliebtheit der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), die der Meinung ist, dass Milch verschleimt – wofür es aber keine Belege gibt. In den letzten 50 Jahren ist der Milchkonsum in Österreich stetig zurückgegangen. „Milch ist nicht mehr in“, sagt Rust.
Kalzium und Vitamine. Dabei wäre sie nicht nur als Kalzium-, Eiweiß- und Vitaminlieferant wichtig, sondern kann auch tatsächlich bei der Gewichtsreduktion hilfreich sein. Laut Rust haben Untersuchungen gezeigt, dass das Milchkalzium bei Übergewichtigen im Rahmen einer Diät das Abnehmen begünstigt hat. Ob Schaf-, Ziegen- oder Kuhmilch – das macht im Hinblick auf die Nährstoffe nur wenig Unterschied. Lediglich der Fettgehalt ist unterschiedlich (Schaf: 6,3 Prozent, Ziege: 3,9, Kuh: 3,5). Und auch die Frage, ob bio oder konventionell, ist eher eine Glaubensfrage.
Franca Mangiameli ist davon überzeugt, dass Milchkalzium die Fettverbrennung (auch bei Normalgewicht) ankurbelt und die Aminosäure Leucin den Muskelerhalt begünstigt. Außerdem mache Milch schneller und länger satt. Aber trotz aller Begeisterung muss auch Mangiameli zugeben: Milch ist kein Allheilmittel. Und Abnehmen geht sowieso nur, wenn man mehr Kalorien verbrennt, als man zu sich nimmt.
TIPP: Die Milchdiät von Franca Mangiameli (Südwest Verlag, 15,50 Euro)
Die deutsche Ernährungswissenschaftlerin Franca Mangiameli will mit der Milchdiät eine „revolutionäre Diätformel“ entdeckt haben. In ihrem Buch bricht sie eine Lanze für Milchkalzium, kämpft gegen Vorurteile („Milch macht dick“) und liefert Rezepte sowie Fitnesstipps.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2012)















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