Ist es Unwissen, Bequemlichkeit oder eine Mischung aus beiden, wenn ein Arzt zu seinem alten Patienten sagt: „Da kann man nichts machen, das ist das Alter.“ Das aber stimmt in sehr vielen Fällen einfach nicht! Und es ist ethisch und medizinisch falsch, dass man altersbedingte Störungen und Leiden mit einem Achselzucken abtut – zum Beispiel das wichtige Thema Frailty, Gebrechlichkeit also, „Hinfälligkeit“, ein großes, aber von Medizinern häufig vernachlässigtes Problem betagter Menschen. Da wird das neue Additivfach Geriatrie hoffentlich einiges in Bewegung und zum Besseren bringen.
Schon länger gibt es das Geriatrie-Diplom der österreichischen Ärztekammer und seit den 1990er-Jahren Spitalsabteilungen für Akutgeriatrie und Remobilisation. „Denn die medizinischen, aber auch die körperlichen, psychischen und sozialen Bedürfnisse eines 90-Jährigen sind ganz andere als etwa eines 45-Jährigen“, weiß Hannes Plank, Vorstand der Abteilung Akutgeriatrie und Remobilisation am LKH Villach. „Es ist inzwischen bekannt, dass ein alter Mensch auf Medikamente und Therapien oft ganz anders reagiert als ein jüngerer“, betont der Internist und Geriater, der sich schon mehr als 20 Jahre intensiv mit den Problemen des alten Patienten auseinandersetzt.
Auf einer Geriatrie-Station seien alte Menschen wesentlich besser und vor allem sicherer aufgehoben, meinte Jean Pierre Baeyens, Past President der Europäischen Gesellschaft für Gerontologie beim letzten European Health Forum Gastein zum Thema „Aktives und gesundes Altern“. Baeyens: „Eine stationäre Aufnahme im normalen Spitalsbetrieb ist für alte Patienten lebensgefährlich. Das wird meist übersehen.“
„Man darf bei einem alten Menschen als Arzt auch nicht nur auf die Krankheit selbst schauen, sondern auch darauf, wie gebrechlich er ist“, fügt Plank hinzu. Oft sei Gebrechlichkeit nämlich das Hauptsymptom, das ihm Beschwerden macht.
Symptome der Gebrechlichkeit: allmählicher, unfreiwilliger und augenscheinlich grundloser Gewichtsverlust (etwa vier Kilogramm in einem halben Jahr), abnehmende Muskulatur und Kraft, Appetitlosigkeit, allgemeiner Erschöpfungszustand, gebeugter Rücken, kleinschrittiger Gang, langsame Gehgeschwindigkeit, Antriebs- und Lustlosigkeit, Depression, Rückzug, massiv erhöhte Sturzgefahr. Wenn ein Arzt nun sagt, „dagegen kann man nichts machen, das ist das Alter“, ist das ein unvertretbarer Kunstfehler, der mitunter letal endet.
Gebrechlichkeit behandeln
„Ein Geriater ist darauf geschult, die ersten Anzeichen einer Frailty zu erkennen“, erwähnt Katharina Pils, Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie und Vorstand des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation am Wiener Sophienspital. Denn, so die Fachärztin, man könne Frailty sehr wohl behandeln, den Abbauprozess stoppen und vielleicht sogar ein wenig zurückdrehen.
„Zunächst muss man den Hauptauslöser von Frailty eruieren“, so Pils. Das ist oft chronischer Schmerz. Der führt dazu, dass Betroffene sich weniger bewegen, weniger essen – und der Teufelskreis beginnt sich zu drehen. Also sollte in diesem Fall eine effektive Schmerztherapie am Anfang stehen. Unfreiwilliger Gewichtsverlust am Beginn der Gebrechlichkeitsspirale kann auch auf schlecht sitzende Zahnprothesen zurückzuführen sein. Da sind Zahnärzte, -techniker und -prothetiker gefragt.
Im Falle einer Depression wiederum können Psychotherapie und Antidepressiva sehr hilfreich sein, bei Schluckstörungen eine Koständerung und Logotherapie, bei unerwünschten Nebenwirkungen und Interaktionen von Medikamenten ein Hinterfragen, ob alle Arzneimittel auch wirklich notwendig sind. „Ich schaue immer, ob ich nicht eines der vielen Medikamente, die alte Menschen oft nehmen, ruhigen Gewissens absetzen kann“, vermerkt Plank.
Gefährlich: Zu viele Medikamente
„Einige Beruhigungsmittel wie etwa Lexotanil können auf Dauer eine Einwirkung auf die Blase haben, im schlimmsten Fall kann das bis zur Inkontinenz gehen“, fügt Pils hinzu. Gefährlich könne es werden, wenn jemand zusätzlich zum gerinnungshemmenden Marcoumar ein Aspirin nimmt. Nur: Fragen sollte jemand danach.
Fragt aber ein praktischer Arzt nach einer schlecht sitzenden Zahnprothese oder nach Schluckstörungen? Einige tun es, viele nicht. Dabei sind Tests auf Frailty keine Hexerei, etwa der Chair-raising-Test: Wer nicht fünf Mal hintereinander ohne Hilfe und Anhalten von einem Sessel aufstehen kann, gehört zur Risikogruppe für Gebrechlichkeit und Stürze. „Mindern kann man das unter anderem mit adäquater Physio- und Ergotherapie und zusätzlich mit richtiger Ernährung“, erwähnt Regina Roller-Wirnsberger, seit Kurzem Professorin für Geriatrie an der medizinischen Universität Graz (es ist die erste Professur für dieses Fachgebiet an einer öffentlichen medizinischen Universität in Österreich).
„Unsere Absolventen“, so Roller-Wirnsberger, „sollen über die Kernkompetenz verfügen, auf ältere, multimorbide Patienten adäquat einzugehen und auf deren besondere Bedürfnisse in rehabilitativer, psychosozialer und psychosomatischer Hinsicht.“
Stiegen steigen, Flaschen heben
„Wer dazu fähig ist, sollte alle Stufen zu Fuß gehen und den Lift meiden“, rät Pils. Auch Gartenarbeit wäre ein wunderbares Kraft– und Ausdauertraining, Stemmübungen mit Halbliterflaschen oder im Sitzen Arme verschränken und mehrmals aufstehen. Und spazierengehen, hinaus in die frische Luft, das tut der Seele und dem Vitamin-D-Spiegel gleichermaßen gut.
Pils abschließend: „Wenn jeder bereits in jüngeren Jahren, aber allerspätestens ab 60, mit regelmäßiger Bewegung und vernünftiger Ernährung beginnt, ist das eine sehr gute Voraussetzung für ein gesundes und aktives Altern.“
Endlich hat nun unlängst auch Österreich darauf reagiert und als eines der letzten EU-Länder den Additivfacharzt oder Facharzt für Geriatrie eingeführt (das Geriatrie-Diplom der österreichischen Ärztekammer gibt es schon länger). Der Facharzt für Geriatrie soll über den Tellerrand von Kardiologie, Nephrologie, Neurologie, Onkologie und anderen Fachdisziplinen blicken und der multidimensionalen Pathologie des alten Menschen gerecht werden.
Der Fachbereich Geriatrie umfasst die Lehre von den Krankheiten des alten Menschen und erhebt Anspruch auf ganzheitliche Sichtweise des betagten Patienten.
Als erste öffentliche Universität in Österreich hat die medizinische Universität Graz seit Ende 2011 eine Professur für Geriatrie besetzt. Inne hat diese Regina Roller-Wirnsberger, die bis jetzt schon das Wahlfach Geriatrie für interessierte Studierende angeboten hat (Anm: Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg hat bereits seit 2006 eine Professur für Geriatrie).















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