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Normaler Spitalsbetrieb für Alte sehr gefährlich

23.01.2012 | 17:02 |  von Claudia Richter (Die Presse)

Ältere Patienten haben andere Bedürfnisse als jüngere und reagieren auf Medikamente oft ganz anders. Auf einer Geriatrie-Station seien alte Menschen besser und sicherer aufgehoben, als im normalen Spitalsbetrieb.

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Ist es Unwissen, Bequemlichkeit oder eine Mischung aus beiden, wenn ein Arzt zu seinem alten Patienten sagt: „Da kann man nichts machen, das ist das Alter.“ Das aber stimmt in sehr vielen Fällen einfach nicht! Und es ist ethisch und medizinisch falsch, dass man altersbedingte Störungen und Leiden mit einem Achselzucken abtut – zum Beispiel das wichtige Thema Frailty, Gebrechlichkeit also, „Hinfälligkeit“, ein großes, aber von Medizinern häufig vernachlässigtes Problem betagter Menschen. Da wird das neue Additivfach Geriatrie hoffentlich einiges in Bewegung und zum Besseren bringen.

Schon länger gibt es das Geriatrie-Diplom der österreichischen Ärztekammer und seit den 1990er-Jahren Spitalsabteilungen für Akutgeriatrie und Remobilisation. „Denn die medizinischen, aber auch die körperlichen, psychischen und sozialen Bedürfnisse eines 90-Jährigen sind ganz andere als etwa eines 45-Jährigen“, weiß Hannes Plank, Vorstand der Abteilung Akutgeriatrie und Remobilisation am LKH Villach. „Es ist inzwischen bekannt, dass ein alter Mensch auf Medikamente und Therapien oft ganz anders reagiert als ein jüngerer“, betont der Internist und Geriater, der sich schon mehr als 20 Jahre intensiv mit den Problemen des alten Patienten auseinandersetzt.

Auf einer Geriatrie-Station seien alte Menschen wesentlich besser und vor allem sicherer aufgehoben, meinte Jean Pierre Baeyens, Past President der Europäischen Gesellschaft für Gerontologie beim letzten European Health Forum Gastein zum Thema „Aktives und gesundes Altern“. Baeyens: „Eine stationäre Aufnahme im normalen Spitalsbetrieb ist für alte Patienten lebensgefährlich. Das wird meist übersehen.“

„Man darf bei einem alten Menschen als Arzt auch nicht nur auf die Krankheit selbst schauen, sondern auch darauf, wie gebrechlich er ist“, fügt Plank hinzu. Oft sei Gebrechlichkeit nämlich das Hauptsymptom, das ihm Beschwerden macht.

Symptome der Gebrechlichkeit: allmählicher, unfreiwilliger und augenscheinlich grundloser Gewichtsverlust (etwa vier Kilogramm in einem halben Jahr), abnehmende Muskulatur und Kraft, Appetitlosigkeit, allgemeiner Erschöpfungszustand, gebeugter Rücken, kleinschrittiger Gang, langsame Gehgeschwindigkeit, Antriebs- und Lustlosigkeit, Depression, Rückzug, massiv erhöhte Sturzgefahr. Wenn ein Arzt nun sagt, „dagegen kann man nichts machen, das ist das Alter“, ist das ein unvertretbarer Kunstfehler, der mitunter letal endet.

Gebrechlichkeit behandeln

„Ein Geriater ist darauf geschult, die ersten Anzeichen einer Frailty zu erkennen“, erwähnt Katharina Pils, Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie und Vorstand des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation am Wiener Sophienspital. Denn, so die Fachärztin, man könne Frailty sehr wohl behandeln, den Abbauprozess stoppen und vielleicht sogar ein wenig zurückdrehen.

„Zunächst muss man den Hauptauslöser von Frailty eruieren“, so Pils. Das ist oft chronischer Schmerz. Der führt dazu, dass Betroffene sich weniger bewegen, weniger essen – und der Teufelskreis beginnt sich zu drehen. Also sollte in diesem Fall eine effektive Schmerztherapie am Anfang stehen. Unfreiwilliger Gewichtsverlust am Beginn der Gebrechlichkeitsspirale kann auch auf schlecht sitzende Zahnprothesen zurückzuführen sein. Da sind Zahnärzte, -techniker und -prothetiker gefragt.

Im Falle einer Depression wiederum können Psychotherapie und Antidepressiva sehr hilfreich sein, bei Schluckstörungen eine Koständerung und Logotherapie, bei unerwünschten Nebenwirkungen und Interaktionen von Medikamenten ein Hinterfragen, ob alle Arzneimittel auch wirklich notwendig sind. „Ich schaue immer, ob ich nicht eines der vielen Medikamente, die alte Menschen oft nehmen, ruhigen Gewissens absetzen kann“, vermerkt Plank.

Gefährlich: Zu viele Medikamente

„Einige Beruhigungsmittel wie etwa Lexotanil können auf Dauer eine Einwirkung auf die Blase haben, im schlimmsten Fall kann das bis zur Inkontinenz gehen“, fügt Pils hinzu. Gefährlich könne es werden, wenn jemand zusätzlich zum gerinnungshemmenden Marcoumar ein Aspirin nimmt. Nur: Fragen sollte jemand danach.

Fragt aber ein praktischer Arzt nach einer schlecht sitzenden Zahnprothese oder nach Schluckstörungen? Einige tun es, viele nicht. Dabei sind Tests auf Frailty keine Hexerei, etwa der Chair-raising-Test: Wer nicht fünf Mal hintereinander ohne Hilfe und Anhalten von einem Sessel aufstehen kann, gehört zur Risikogruppe für Gebrechlichkeit und Stürze. „Mindern kann man das unter anderem mit adäquater Physio- und Ergotherapie und zusätzlich mit richtiger Ernährung“, erwähnt Regina Roller-Wirnsberger, seit Kurzem Professorin für Geriatrie an der medizinischen Universität Graz (es ist die erste Professur für dieses Fachgebiet an einer öffentlichen medizinischen Universität in Österreich).

„Unsere Absolventen“, so Roller-Wirnsberger, „sollen über die Kernkompetenz verfügen, auf ältere, multimorbide Patienten adäquat einzugehen und auf deren besondere Bedürfnisse in rehabilitativer, psychosozialer und psychosomatischer Hinsicht.“

Stiegen steigen, Flaschen heben

„Wer dazu fähig ist, sollte alle Stufen zu Fuß gehen und den Lift meiden“, rät Pils. Auch Gartenarbeit wäre ein wunderbares Kraft– und Ausdauertraining, Stemmübungen mit Halbliterflaschen oder im Sitzen Arme verschränken und mehrmals aufstehen. Und spazierengehen, hinaus in die frische Luft, das tut der Seele und dem Vitamin-D-Spiegel gleichermaßen gut.

Pils abschließend: „Wenn jeder bereits in jüngeren Jahren, aber allerspätestens ab 60, mit regelmäßiger Bewegung und vernünftiger Ernährung beginnt, ist das eine sehr gute Voraussetzung für ein gesundes und aktives Altern.“

Geriatrie im Brennpunkt
Ein geriatrischer Patient ist laut Definition ein Mensch ab 70 mit mehreren Krankheiten, also multimorbid. Die Gruppe der über 65-jährigen Österreicher soll von derzeit 1,35 auf 2,47 Millionen in den nächsten 18 Jahren steigen.
Endlich hat nun unlängst auch Österreich darauf reagiert und als eines der letzten EU-Länder den Additivfacharzt oder Facharzt für Geriatrie eingeführt (das Geriatrie-Diplom der österreichischen Ärztekammer gibt es schon länger). Der Facharzt für Geriatrie soll über den Tellerrand von Kardiologie, Nephrologie, Neurologie, Onkologie und anderen Fachdisziplinen blicken und der multidimensionalen Pathologie des alten Menschen gerecht werden.
Der Fachbereich Geriatrie umfasst die Lehre von den Krankheiten des alten Menschen und erhebt Anspruch auf ganzheitliche Sichtweise des betagten Patienten.
Als erste öffentliche Universität in Österreich hat die medizinische Universität Graz seit Ende 2011 eine Professur für Geriatrie besetzt. Inne hat diese Regina Roller-Wirnsberger, die bis jetzt schon das Wahlfach Geriatrie für interessierte Studierende angeboten hat (Anm: Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg hat bereits seit 2006 eine Professur für Geriatrie).

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9 Kommentare
miMg
04.02.2012 13:23
0 0

Auf einer Geriatrie-Station seien alte Menschen besser und sicherer aufgehoben

na Danke!!
sicher nicht in L*inz
und wahrscheinlich auch in
etlichen anderen nicht!!

2 0

Guter Artikel, wie von Fr. Dr. Richter zu erwarten.

Nur ein kleiner Lapsus ist mir aufgefallen:

"Logotherapie" ist meines Wissens die dritte psychotherapeutische Wiener Schule, sprich: die von Viktor Frankl begründete Richtung.

Was hier gegen Schluckstörungen helfen soll, ist aber doch eher LOGOPÄDIE, oder?

17und4
28.01.2012 17:52
0 0

ist man mit 60 schon alt?


Antworten Gast: Messalina-X
29.01.2012 10:26
1 0

Re: ist man mit 60 schon alt?

das kommt wahrscheinlich auf die Perspektive an, für Kinder sind 25-Jährige schon alt, für einen 80-Jahrigen sind 60-Jährige junge Spunde,
ich bin 58 und fühle mich nicht alt - habe allerdings auch kein Problem mit meinem Alter - es ist so, wie es ist

0 0

Re: ist man mit 60 schon alt?

Manche schon...

aquilo
24.01.2012 08:37
1 0

Frailty Wir danken für den Englischunterricht!!!

Wie gut, dass so ein Bericht mit einem englischen Vokabel verwürzt wird. Gebrechlichkeit ist doch ein Begriff unter dem sich hierzulande niemand etwas vorstellen kann! Und der Rest, der unter dem Stichwort Frailty geboten wird, sind lauter no-na-ned-Weisheiten, die wenn man Gebrechlichkeit sich vorstellt Selbstverständlichkeiten sind.

Gast: Claus F. Dieterle
24.01.2012 00:00
1 0

Biblische Krankenheilung

Zur Behandlung von Depressionen möchte ich auch auf die Biblische Krankenheilung (Aufklärung und Beratung) hinweisen. Grundlage sind Aussagen der Bibel.
Jesus Christus spricht in Matthäus 11,28:
Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich will euch erquicken.
Psalm 146,8:
Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind.

Antworten miMg
04.02.2012 13:38
0 0

Re: Biblische Krankenheilung... das gehört sicher zur Seelsorge!

aber einen alten Menschen der nicht mehr weit von der Ewigkeit entfernt ist
kann es schon eine Hilfe sein
außerdem sieht ein alter Mensch(wenn das Hirn noch funkt)
Sachen ganz anders
manches wichtiges von wird oft ganz unwichtig
und einen sterbenden Menschen nimmt oft seine Maske ab
es kann noch Versöhnung mit Verwandten geben
in Frieden zu sterben wünsche ich vielen

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Antworten aquilo
24.01.2012 08:30
2 0

Re: Biblische Krankenheilung

Wir sind hier nicht in der Religionsstunde!

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