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Mündiger Partner statt "Niere vom Zimmer elf"

06.02.2012 | 18:28 |  Von Claudia Richter (Die Presse)

Patienten, die Missstände aufzeigen und fragen, können die Zahl der Krankenhausfehler senken, werden vom Spitalspersonal jedoch oft als lästige Störfaktoren gesehen. Es bestehen Chancen auf Besserung.

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Die Infusionsflasche war gestern mit Stanniolpapier umwickelt, heute nicht. Patientin Josefine R. macht die Krankenschwester darauf aufmerksam. „Vielen Dank“, sagt die Krankenschwester, wechselt die Flasche aus. Jetzt erhält Josefine R. gottlob die richtige Infusion.

Der Arzt kommt von einem hoch fiebernden Kind mit Lungenentzündung. Patient Alois R.: „Geht das eh in Ordnung mit dem Händewaschen?“ Der Arzt bedankt sich, dass ihn Alfons R. erinnert hat und wäscht sich die Hände – das wäre im Trubel des Spitalsalltags beinahe untergegangen.

 

„Entmündigte, hilflose Bettlieger“

Das Idealste: Es kommt gar nicht zu solchen Zwischenfällen. Aber Ärzte, Krankenschwestern und Pflegepersonal sind auch nur Menschen. In Europa gibt es laut OECD-Studie bei acht bis zwölf Prozent aller Krankenhausaufenthalte unerwünschte (gesundheitsschädigende) Zwischenfälle. Etwa die Hälfte der misslichen Vorfälle ist vermeidbar, vor allem durch bessere Kommunikation des Spitalspersonals untereinander und zwischen Personal und Patient.

Daher die zweitbeste Möglichkeit: Der Patient, der vieles sieht, was anderen entgeht, wird aktiv, macht auf Missstände aufmerksam, das Spitalspersonal reagiert nicht beleidigt oder angefressen, sondern nimmt derlei dankend an und agiert entsprechend.

Für den zweitbesten Zustand bedarf es allerdings gewaltigen Umdenkens: Ärzte und Krankenschwestern müssen Patienten als gleichberechtigte Partner akzeptieren; müssen davon abgehen, Patienten als entmündigte, hilflose Bettlieger, als „Niere vom Zimmer elf“, als folgsame Nummer zu sehen und zu behandeln. Und statt auf Patientenkritik mit Ärger, Beleidigtsein oder Missachtung zu reagieren, müsste das Spitalspersonal derlei Kritik als positiven Input im Sinne der Patientensicherheit ansehen. Und Patienten wiederum müssten sich mehr getrauen, ohne Angst haben zu müssen, deswegen links liegen gelassen oder schlechter behandelt zu werden.

 

Für sichereren Spitalsaufenthalt

Einen Sieben-Meilen-Schritt in diese Richtung hat Brigitte Ettl, ärztliche Leiterin des Krankenhauses Hietzing sowie Mitgründerin und Präsidentin der österreichischen Plattform Patientensicherheit, initiiert. „Ich habe mich ein bisschen an die Dänen angelehnt, die bezüglich Patientensicherheit Vorreiter in Europa sind.“ So haben die Dänen seit Jahren ein verpflichtendes Fehlermeldesystem und ein Patientenhandbuch, das Patienten auffordert, aktiv in ihre Behandlung, ins Spitalsgeschehen einzugreifen und das Tipps gibt, wie man das macht, wie man fragt und dergleichen.

 

Fragende Patienten unerwünscht

Dieses dänische Buch war Basis des österreichischen Patientenhandbuches („Ihr Patientenhandbuch. Leitfaden für einen sicheren Krankenhausaufenthalt“), das im Frühjahr in drei Spitälern Patienten verschiedener Abteilungen ausgehändigt werden wird. „Natürlich nicht ohne entsprechende Erklärungen“, betont Ettl. Und selbstverständlich nicht ohne Vorbereitung von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern. Denn hier muss sich ja ein Kulturwandel vollziehen.

„Unser jetziges System goutiert nicht wirklich, wenn sich Patienten einmischen, viele trauen sich das daher gar nicht. Das Buch soll eine Änderung bewirken und Patienten aufmuntern, Fragen zu stellen und Missstände aufzuzeigen. Es soll zu einer offeneren und transparenteren Kommunikation beitragen.“

Finanziert wurde das Buch, in dem viel Platz für persönliche Notizen ist, von der Plattform Patientensicherheit und vom Gesundheitsministerium – Minister Alois Stöger zeigte sich von dieser Idee begeistert. Die Bücher werden in der 2.Chirurgie des Krankenhauses Hietzing, in der onkologischen Abteilung des Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spitals sowie am AKH Linz durch viele Hände gehen. Dessen ärztlicher Direktor, Heinz Brock: „Die Einbeziehung des Patienten in Entscheidungsprozesse ist unbedingt notwendig. Damit wird die Gesundheitsversorgung verbessert, die Patientenzufriedenheit und -sicherheit werden erhöht.“

 

Krankenhäuser erst reif machen

Freilich gelte es, so Brock, psychologische Barrieren bei Patienten abzubauen, die sich oft nichts zu sagen getrauen. „Der Patient soll ein Stück mehr befähigt werden, Irrtümer und Fehler im Ablauf zu erkennen und darauf hinzuweisen.“ Und freilich müsse sich auch bei den Ärzten einiges in ihrer Einstellung ändern. „Sie müssen den Patienten als Partner in diesem Prozess ernst nehmen und als Garant für mehr Sicherheit sehen.“ „Dazu muss man ein Krankenhaus oder eine Abteilung erst einmal reif machen, dass Patienten ohne Angst fragen dürfen, dass sie nicht als Störfaktor, sondern als fruchtbare Quelle gesehen werden“, wirft Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte, ein. Da sei sehr viel Schulung beim Personal nötig, damit es Patientenhinweise nicht als Kritik oder Angriff sehe, sondern als Beitrag zur Sicherheit. Da seien noch viel Arbeit notwendig und ein steiniger Weg zu gehen, „aber das ist es zweifellos wert“. Denn, so Bachinger, das Projekt sei mehr als begrüßenswert. „Allerdings gibt es auch eine Gefahr. Es darf nicht in die Richtung gehen, dass man Verantwortung auf den Patienten abwälzt.“ Das Handbuch sei sehr umfangreich und stelle schon hohe Anforderungen an den Patienten.

 

Spitalskultur noch nicht so weit

„Jeder kann sich genau das aus dem Buch nehmen, das er braucht, das für ihn gerade jetzt wichtig ist, es ist wirklich einfach geschrieben und soll den Patienten verleiten zum Lesen und zum Aktivwerden“, kontert Ettl. Nach einer Pilotphase soll das Projekt evaluiert und bei Erfolg in weiteren Krankenhäusern implementiert werden.

„Ich habe den Eindruck, dass die Spitalskultur in Österreich noch nicht so weit ist“, zweifelt Norbert Pateisky, Gynäkologe und Spezialist für Patientensicherheit, der sich mit dem Unternehmen AssekuRisk lieber um „die Dinge von innen heraus kümmert“. Vom Prinzip her sei die Sache jedoch gut und positiv, denn „man muss auf allen Schienen fahren, damit sich das System endlich zu ändern beginnt.“ Er jedenfalls wünsche dem Projekt viel Erfolg.

 

Partnerschaft statt Abwertung

Bei Erfolg wird dann ein Patient auf die Frage, welche Tablette, welche Injektion er denn da bekomme, eine partnerschaftliche Aufklärung erhalten und erfahren, was denn nun in seinen Körper hineinkommt. Und nicht mehr die abwertende Antwort erhalten, wie es heute noch an sehr vielen Spitalsabteilungen üblich ist (so man nicht Klassepatient ist): „Nehmen S' das nur, das passt schon.“

Auf einen Blick

Spitalspatienten, die fragen oder sich gar in Entscheidungsprozesse einmischen, werden vom Krankenhauspersonal häufig als Störfaktoren betrachtet.

Patienten sehen aber vieles, was dem Spitalspersonal oft entgeht. Werden sie als gleichberechtigte Partner anerkannt, könnten sie die eigene Sicherheit erhöhen und Fehler im Krankenhaus reduzieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)

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14 Kommentare
Gast: krankenhausarzt
08.02.2012 11:14
0 1

Zeit für Patienten

wie schön wäre es wenn das system sich so ändert, dass wir so arbeiten könnten.
als arzt in einem NÖ spital kann ich nur lachen.
wenn der Patient / die Bevölkerung glaubt das Ärzte die schlecht Bezahlt werden eine Spitzenarbeit erbringen sollen, dann legen sie am Mond.
Ich glaube man sollte die Gesellschaft aufklähren: gute (fachlich+menschlich) Arbeit sollte auch durch Wertschätzung honoriert werden. In dem Wort Wertschätzung liegt auch schon die Antwort, es ist mir etwas wert. Also bezahlt eure Ärzte und Schwestern adequat dann bekommt ihr auch die adequate Medizin.
Für einen netto Stundenlohn von 1370 Euro ist wohl kein Arzt bereit mehr als die Routine zu Leisten- kann auch nicht erwartet werden.

MFG
Krankenhausarzt

Antworten Gast: Ernsthaft
13.02.2012 22:15
2 1

Re: Zeit für Patienten

Ernsthaft: Für einen Netto- Stundenlohn von 1370€ sind Sie nicht bereit, erstklassige Arbeit zu leisten?

Antworten Gast: Nix wie weg
08.02.2012 14:27
3 1

Re: Zeit für Patienten

Mein Gott, wenn Sie so behandeln, wie Sie rechtschreiben...

Antworten Antworten fefe
17.02.2012 03:59
0 0

Re: Re: Zeit für Patienten

Ich denke, der ist eher in Behandlung. Pavillon 17.

Gast: Dr. Fronkensteen
07.02.2012 12:13
0 1

Aussen hui, innen ...

Superteure Geräte, Dr. Acula seien sie froh.
Bei den Erlanger Unikliniken sind nur die Baumassnahmen superteuer und Gigantomanie pur. Mit Bauträgern lässt es sich halt am besten mauscheln und Geld abzweigen. Bsp: Innenhof der HNO Klinik wurde mit Millionenaufwand saniert, während die Patienten der Station weiterhin mit Betten und xmal reparierter Technik aus den 70er Jahren "versorgt" werden müssen.
Selbiges in der inneren Medizin. Neueste Gebäude (in die es überall reinregnet) und uralte Medizintechnik. Auch Röntgenpraxen arbeiten hier gern mit längst abgeschriebenen Geräten aus den 70ern, rechnen aber trotzdem die volle Leistung ab.

Korruption und Ausbeutung soweit das Auge reicht.

Dr. Acula
07.02.2012 10:58
1 2

Qualitätssicherung usw....

könnte man bei gleichbleibenden Kosten auch dadurch erreichen, indem man weniger superteure Geräte anschafft, dafür aber mehr Ärzte.
Das ist aber bei unserer Führung recht unpopulär.
Und auch die Patienten fordern, zurecht, beste Spitzenmedizin, verwechseln dabei aber, dass diese nicht nur durch die teuersten Geräte sondern durch gute Ärzte zustandekommt, die auch Zeit haben und fit sind und nicht gerade einen 30-Stundendienst hinter sich haben.

Antworten Gast: Ordinationsangestellte
22.02.2012 23:33
0 0

Re: Qualitätssicherung usw....

Man könnte auch im niedergelassenen Bereich deutlich einsparen. Tlw laufen Patienten von Arzt zu Arzt nur weil sie ein MRT wünschen wofür keine Indikation vorhaben ist. Meist schreibt denen dann irgendein praktischer Arzt eine Zuweisung dass Ruhe herrscht. Das darf einfach nicht sein. Hier ist großes Einsparungspotential. Auch Doppeltuntersuchungen müssen vermieden werden. Seitens Patienten und Ärzten. Patienten finden oft den Befund von vor 2 Monaten nicht mehr usw.......

Antworten Antworten Birgit 68
27.02.2012 11:57
0 0

Re: Re: Qualitätssicherung usw....

Zu einer Zweituntersuchung kommt es meistens dann, wenn dem Patienten das Ergebnis aus der 1. Untersuchung nicht gefällt, und er eine Zweitmeinung einholen will. Um den Arzt dabei nicht zu verärgern, fordert man den Befund nicht zum Weiterreichen an, sondern lässt die Untersuchung lieber noch einmal machen, wenn das problemlos möglich ist. Es geht ja auch nicht nur um die richtige Interpretation eines Befundes. Manchmal läuft auch bei der Untersuchung selbst etwas falsch.

Antworten fefe
17.02.2012 03:53
0 0

Re: Qualitätssicherung usw....

Vielleicht weil es keine Seminare in der Südsee gibt, wenn man Ärzte einstellt.

Gast: Saiffenstayn
07.02.2012 08:02
4 0

das geht nicht

zugleich
Effizienz erhöhen,
Kosten Senken,
Personal einsparen

und dann auch noch;
Zeit nehmen,
Patienten zuhören,
auf Beschwerden eingehen

für irgendwas muß man sich entscheiden,
... in allen Instanzen

Gast: GastA
06.02.2012 23:08
4 0

Gute Idee. Aber:

Wer zahlt das?
Gerne nimmt sich der Spitalsarzt 30 Minuten für den mündigen Patienten Zeit und erklärt ihm alles. D.h. bei 12 Stunden Dienst widmet er sich gerade einmal 24 Patienten. Auf die Mittagspause verzichtet er natürlich, die ist im Spitalsärztegesetzt ja eh nicht vorgesehen. Schwestern oder Schreibkräfte unterstützen ihn bei der akribischen Dokumentation des Gespräches (Qualitätssicherung) natürlich nicht. Das ist zu teuer. Zeit für andere wichtige Tätigkeiten wie Statistiken ausfüllen, Briefe tippen, u.s.w. findet er an diesem Tag dann leider nicht. Untersuchungen durchführen oder operieren? Vielleicht morgen. Nachdem er sich 24 neuen Patienten gewidmet hat.

Antworten Birgit 68
27.02.2012 13:25
0 0

Re: Gute Idee. Aber:

Von mündig kann dann aber nicht mehr die Rede sein. -Wie, bitte schön, soll der Patient die Verantwortung für seine Behandlung übernehmen können, wenn er doch gar nicht aufgeklärt wird?
Ich würde einem solchen Arzt, der mir ohne Kommentar ein Medikament verschreibt, auf dessen Risiken und Nebenwirkungen ich per Zufall selbst draufkomme, sofort den Rücken zukehren! Wozu brauche ich da noch eine Verschreibungspflicht für ein Medikament, für das der Arzt sowieso keine Verantwortung übernimmt, und ich mich um alles selbst kümmern muss?

Antworten fefe
17.02.2012 03:49
0 0

Re: Gute Idee. Aber:

Der Terror, der gegen Ärzte nun schon seit Jahren gespielt wird, wird dazu führen, dass es sich jeder genauer überlegt, ob er den Rest seines Lebens ständig niedergeklagt werden oder lieber ein menschenwürdiges Dasein bevorzugt.

Das wird genau so lange gehen bis es so weit ist wie in England, wo jene, die sich keinen Privatarzt leisten können sich Zahn-Reparatursets für die Selbstbehandlung kaufen.

Schon heute tun sich nur hoffnungslose Idealisten eine Kassenpraxis an.

Dank EDV-Verarbeitung könnte man 90% des Personals bei den Krankenkassen rauswerfen und das Geld für Behandlung - d.h. angemessene Honorierung der Arztleistungen - einsetzen. Es ist auch nicht "nötig", dass Krankenkassen Gewinne machen.

Antworten gamikoe
07.02.2012 09:07
1 0

Re: Gute Idee. Aber:

Prinzipiell muss ich Ihnen recht geben, allerdings würden 5 Minuten auch reichen (für ein Gespräch) -- und natürlich muss ins Gesundheitssystem mehr Geld fließen und somit mehr Personal möglich sein....
Ich zahle lieber einen höheren SV-Beitrag und weiss dass ich im Falle eines Falles gut beraten und betreut werde...

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