23.05.2013 13:36 Merkliste 0

Gefährlich: Hygienemängel im Spital

04.06.2012 | 16:08 |  VON CLAUDIA RICHTER (Die Presse)

Krankenhauskeime töten in Österreich rund 1500 Menschen jährlich. Mindestens 300 sterben allein deswegen, weil das Spitalspersonal die Handhygiene sträflich vernachlässigt. Auch Checklislten würden helfen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Als „gefährlichsten Ort der Welt“ bezeichnete der medizinkritische Journalist und Buchautor Kurt Langbein einmal das Krankenhaus. Auch der bekannte Gesundheitsökonom Christian Köck meint, dass Krankenhäuser mitunter gefährliche Orte seien. Wahr ist: Auf der einen Seite werden in Spitälern viele Leben gerettet, auf der anderen Seite droht Gefahr infolge unzureichender Hygienestandards: Sehr viele Patienten stecken sich mit Krankenhauskeimen an – 55.000 bis 60.000 sind's jährlich in Österreich, etwa 1500 sterben daran. Die Zahlen für die EU: Rund 4,1 Millionen Patienten werden jährlich durch Krankenhauskeime infiziert, für etwa 37.000 endet das tödlich.

Mindestens 40 % vermeidbar

Diese Klinikkeime wären nicht immer, aber häufig vermeidbar – wie auch mindestens 40 Prozent der Todesfälle in ihrem Gefolge. Etwa durch simple Handhygiene, an die sich aber rund 70 Prozent des Krankenhauspersonals nicht hält. Das besagen internationalen Daten. „Allein mangelnde Handhygiene verursacht in Österreich mindestens 300 Tote jährlich“, kritisiert Norbert Pateisky, der sich die Patientensicherheit in Österreichs Spitälern auf seine Fahnen geheftet hat. Pateisky hat im Rahmen seiner Arbeit mit der Assekurisk-AG (www.assekurisk.eu) den „Hygiene-Kopiloten“ enwickelt, ein einfaches Konzept, welches die Zahl der Infektionen signifikant reduzieren konnte. Täglich wird jemand, der bei der Visite mitgeht, zum „Hygiene-Kopilot“ des Tages ernannt. Er hat die Aufgabe, das Krankenhauspersonal – Ärzte wie Krankenschwestern und Pfleger – jedesmal, wenn Hände desinfiziert werden sollten, daran zu erinnern.

Aufholbedarf bei Spitalshygiene

„Die Hände sind die häufigsten Überträger von Krankheitserregern“, sagt auch Elisabeth Presterl, Leiterin des Klinischen Instituts für Krankenhaushygiene an der Medizinischen Universität Wien, in einem Interview in der „Österreichischen Ärztezeitung“.

Eine weitere Möglichkeit der Keimreduzierung und damit der Patientensicherheit wäre die Einführung von Checklisten. Derlei Listen sind einfach und wirkungsvoll, dennoch verweigern sie viele Krankenhäuser. Und das, obwohl zahlreiche Studien auf die Effizienz derartiger Checklisten verweisen. Vor sechs Jahren schon hat der Arzt und Wissenschaftler Peter Pronovost von der Johns Hopkins University gezeigt, dass das Auftreten von katheter-assoziierten Bakteriämien (das Eindringen der Bakterien in die Blutbahn wie zum Beispiel nach einem Abszess) auf Intensivstationen durch die Befolgung fünf einfacher, auf einer Checkliste vermerkten Regeln um sage und schreibe zwei Drittel gesenkt werden kann.
„Wir wissen, dass Österreichs Spitäler im Bereich der Hygiene durchaus Aufholbedarf haben“, kritisiert auch Gerald Bachinger, Sprecher der österreichischen Patientenanwälte.

Handhygiene ist zum Beispiel eine wirkungsvolle Maßnahme gegen die Verbreitung von MSRA, einer bakteriellen Spitalsinfektion, die gegen sehr viele Antibiotika resistent ist. Symptome sind in den meisten Fällen Hautinfektionen und Muskelerkrankungen, bei einem ungünstigen Verlauf kann aber auch eine Lungen- beziehungsweise Herzentzündung zum Tod führen.

Hohe Sterblichkeit

Infektionen mit MSRA haben in den letzten Jahren aber an Bedeutung verloren. „Bis zu dreimal so häufig treten heute Infektionen mit Clostridium difficile auf, die vor allem in Krankenhäusern, Altenheimen und anderen Langzeitpflegeeinrichtungen ein erhebliches Problem darstellen“, meint Christoph Wenisch, Vorstand der 4. Medizinischen Abteilung mit Infektions- und Tropenmedizin am Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital. „Derlei Infektionen haben seit Beginn des Milleniums zugenommen und bleiben seit etwa fünf Jahren auf einem hohen Plateau. Die Sterblichkeit der Clostridium-difficile-Infektion liegt bei zehn bis 30 Prozent und ist damit höher als bei Herzinfarkten.“

Eine Clostridium-difficile-Infektion (CDI) ist eine klassische Infektionserkrankung des Alters, die Menschen ab 65 betrifft. „Junge Menschen bekommen die nicht, außer ihr Immunsystem ist stark geschwächt, etwa durch eine Chemotherapie.“ Die Bakterien werden entweder eingeatmet, eine Infektion ist aber auch häufig Folge einer Therapie mit einem Breitbandantibiotikum.
„Breitbandantibiotika machen ja alle Bakterien kaputt, auch die gesunden Darmbakterien. Die Darmflora ist also massiv beeinträchtigt, und so kommt es immer wieder vor, dass von den schädlichen Clostridien mehr überleben und die dann zu wuchern beginnen. Sie haben ja keine gesunde Konkurrenz mehr. Außerdem sind sie resistent gegenüber einer Vielzahl von Antibiotika.“

Neues Medikament

Clostridien verursachen schwere Durchfälle, die im schlimmsten Fall zu Bauchfellentzündungen, Nierenversagen, septischem Schock und Tod führen können. Ein weiteres großes Problem einer Infektion mit Clostridium difficile sei die hohe Rezidivrate, „bei 20 bis 50 Prozent der Patienten kommt diese Krankheit immer wieder“.

Ein neues Medikament mit dem Wirkstoff Fidaxomicin, welches gezielt Clostridium difficile abtöte und daher die gesunde Darmflora weniger schädige, könne diese Rezidivrate um 50 Prozent senken. „Das ist schon ein tolle Bilanz“, betont Wenisch, „vor Kurzem hat der Einsatz des neuen Präparats im klinischen Alltag begonnen. Nach 20 Jahren endlich wieder eine erfreuliche Innovation im Bereich der Clostridium-difficile-Infektionen.“

Auf einen Blick
Krankenhauskeime: Rund 60.000 Österreicher stecken sich jährlich damit an, 1500 sterben, in der EU sind es 37.000. Mindestens 40 % der Todesfälle wären vermeidbar.
Weil das Spitalspersonal Handhygiene sträflich vernachlässigt, sterben mindestens 300 Österreicher im Jahr.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

23 Kommentare
Gast: whiteball
29.08.2012 11:50
0 0

Unterschied zwischen Spital und Privathaushalt

weil hier einige poster meinen, zuviel Hygiene wäre für das Immunsystem schlecht:

Im Krankenhaus liegen Patienten mit geschwächtem Immunsystem und es fliegen gefährliche Keime (MRSA etc) herum.

Wenn jetzt ein Arzt unhygienisch bei einer OP, beim Blutabnehmen arbeitet, können Keime direkt in die Blutbahn kommen.

Deswegen KANN man im Krankenhaus HYGIENE gar nicht übertreiben!

als Medizinstudentin seh ich, dass es häufig anders ist. Haben Sie als Patient auch ein Auge darauf, ob sich der Arzt die Hände desinifziert.

Gast: Betriebsarzt
08.06.2012 07:00
1 0

KEINE ZEIT

Wie soll das Personal noch hygienisch arbeiten können, wenn man ihnen keine Zeit lässt, um die Arbeit qualitativ gut auszuführen. Zeit kostet Geld. Wartet nur, bis viele im Gesundheitssektor den Job aufgeben. Die Turnusärzte beginnen bereits:
http://vorarlberg.orf.at/news/stories/2535552/

Antworten Gast: jiri
11.06.2012 09:00
0 0

Re: KEINE ZEIT

Weil sie in die Schweiz gehen?

Gast: paneu
05.06.2012 23:39
2 3

was und wieviel ist nun wirklich sinnvoll?

Mir ist zu Ohren gekommen dass übertriebene Sauberkeit und Hygiene dazu führen können, dass sich das Immunsystem nicht so gut entwickelt bzw. das Immunsystem geschwächt wird und man erst anfälliger zb auf Allergien oder Infektionen ist.

In einem Krankenhausbetrieb muss man das natürlich differenzierter betrachten - soll nicht heißen dass man dort "unrein" arbeiten soll.

2 0

Re: was und wieviel ist nun wirklich sinnvoll?

Übertriebene Sauberkeit und Hygiene kann zu Allergien führen. Eine Allergie ist aber nicht Ausdruck eines geschwächten Immunsystems. Bei einer Allergie läuft ein starkes, unterbeschäftigtes Immunsystem gegen harmlose Reizstoffe Amok.

Übertriebene Sauberkeit und Hygiene daheim kann allerdings auch dazu führen, dass im Sinne von Darwins "survival of the fittest" vor allem die resistentesten Keime überleben. Da kann es mitunter wirklich gesünder sein, die natürliche Bakterienflora nicht zu stark zu stören, wie "Effektiv Bio" unten ganz richtig schreibt.

Gast: relativ
05.06.2012 23:21
2 0

zu tode geführchtet ist auch gestorben

gewisse hygenische maßnahmen sind mit sicherheit sinnvoll (vor allem in einem op, usw.)

ABER man kann alles übertreiben - sowohl in die eine als auch in die andere richtung.

ob es so gut ist sich darauf zu beschrenken sämtliche keime abzutöten - nämlich auch die guten, die unserem organismus dienlich sind?

sollten wir nicht eher daran arbeiten unser immunsystem aufzubauen?

und irgendwann kommt man im leben auf dem punkt wo der körper seine letzte lebenskraft aufgibt - das gehört auch zum leben - und wir sollten das akzeptieren.

Gast: Effektiv Bio
05.06.2012 13:05
1 1

Hygiene - aber richtig!

Es wurden bereits vor Jahren in Zusammenarbeit mit australischen Hygiene-Abteilungen Bakterienreiniger (eMC-Reiniger) entwickelt, die eine rein positive (gesunde) Bakterienmischung zum Putzen ausbringen und bis zu 2 Wochen schädliche Keime verdrängen. In ein paar Versuchen konnten sogar MRSA-Keime verdrängt werde. Überall, wo keine Intensivbahnlung nötig ist (normale Stationszimmer) ist Desinfektion völlig kontraproduktiv. Patienten, die von einer positiven Bakterienmischung umgeben sind werden schneller gesünder bzw. bleiben es länger.
Da ist noch viel aufzuholen in Österreich!

Gast: HelleOlga
05.06.2012 09:42
0 0

Wen wundert's

Wer schon mal im AKH war, weiss, wie es nach abgestandenem, tiefschwarzem und dreckigen Wasser stinkt, welches vom Reinigungspersonal verwendet wird.

Wasser wird wohl nicht öfter als 1x in der Woche gewechselt.

Nasenabstrich bei jedem Patienten der in die Klinik muss

Man weiss mittlerweile dass dieser Keim in den Nasenlöchern nachweisbar ist und kann speziell diese Patienten desinfizieren, da sie sich später selbst angesteckt würden.

Antworten Gast: jiri
11.06.2012 09:04
0 0

Re: Nasenabstrich bei jedem Patienten der in die Klinik muss

In anderen Laendern kommen Patienten aus Hochrisikoberufen fur MRSA-Keime, wie Landwirte (wegen der hohen Antibiotikaeinsaetze in unserer Landwirtschaft) ohne vorherigen Test gar nicht ins Krankenhaus rein.

0 0

Re: Nasenabstrich bei jedem Patienten der in die Klinik muss

Und wie wollen Sie diese Patienten "desinfizieren". Ein Desinfektionsmittel in die Nasenlöcher schütten?
Ein Krankenhaus heißt so, weil dort Kranke drinnen sind und die tragen natürlich alle möglichen Keime mit sich herum. Die Lösung kann aber nur sein zu verhindern, dass diese Keime nicht auf andere Patienten übergehen können.

Gast: Dr.PResse
05.06.2012 07:30
1 2

Wer schreibt das?

Handhygiene ist zum Beispiel eine wirkungsvolle Maßnahme gegen die Verbreitung von MSRA, einer bakteriellen Spitalsinfektion.........

MRSA ist ein grosses Problem, das durch die Massentierhaltung massiv verstärkt wird. In der Viehindustrie wird prophylaktisch Antibiotika gefüttert!!! Das gehört als Erstes abgestellt.

Warum vergisst die Presse dieses Faktum?

Antworten Gast: jiri
11.06.2012 09:07
0 0

Re: Wer schreibt das?

Richtig!

Antworten Gast: Frühling
05.06.2012 10:07
1 0

Re: Wer schreibt das?

Kurz zur Info:
In Europa ist die Fütterung von Tieren mit Antibiotika als Growth Promotor (prophlaktische Fütterung in niedriger Dosierung) seit 2006 verboten.

Was jetzt?

MSRA oder MRSA? Oder vielleicht RMAS?

Gast: Arztbeobachter
05.06.2012 06:38
2 2

Ignaz Semmelweis

Wuerde auch vom heutigen medizinischen Establishment in das Irrenhaus gesperrt werden. NICHTS hat sich geaendert, in den letzten 150 Jahren. Sind halt immer noch alles Schmutzfinken. die "Goetter" in weiss.

Re: Ignaz Semmelweis

Dafür wird diese "Irrenanstalt" heute fleißig zur weiteren Konditionierung des Semmelweis-Reflexes genutzt. Von der Justiz als "BG Döbling"....mittlerweile wird dort unter Führung einer Heligen alles für verrückt erklärt, was die Stirn hat, Amtshaftungs-Ansprüche an das "Rote Wien" zu stellen ...

"...Verbreitung von MSRA..."

Schon wieder ein neuer Keim? Bisher war vor allem der MRSA-Keim bekannt. (Methicillin-resistant Staphylococcus aureus)
Aber vielleicht hat die Nobelpreisträgerin in spe Claudia Richter einen bisher unbekannten Keim entdeckt?

0 0

Man glaubt es nicht ...

... aber VRSA gibt's auch scho seit einiger Zeit ....

0 0

Was ich interessieren würde ...

... wie der permanente Kontakt der Haut mit Desinfektionsmittel sich dermatologisch auswirkt.

und

Händedesinfektion gilt für alle im Krankenhaus, auch für Besucher!!

Antworten Gast: how to do?
05.06.2012 23:29
1 0

Re: Was ich interessieren würde ...

ich hab noch keinen besucher in einem krankenhaus oder einer pflegeeinrichtung bei der händedesinfktion beobachten können.

zu beachten wäre die richtige technik und das mindestens 30 sekunden lang.

Antworten Gast: DerPresse
05.06.2012 07:32
2 0

Re: Was ich interessieren würde ...

Die Desinfektionsmittel sind rückfettend. Normalerweise keine Probleme mit Händedesi.
Es kann aber auch Allergien, Ausschläge,.. verursachen.

Antworten Gast: Nixistwurscht
05.06.2012 06:44
2 0

Re: Was ich interessieren würde ...

Ja genau. Und dann kommt man in das WC eines Bezirkskrankenhauses und die Seife ist nicht aufgefüllt ( selbst erlebt). Bevor die chemische und biochemische Keule eingesetzt wird, sollte man sich physikalisch entkeimen, das ist wohl selbstverständlich.

Schlagzeilen Gesundheit