In Kellerverliesen werden Kinder wie Tiere gehalten und missbraucht, eigene Töchter und Ehefrauen werden wie Sklavinnen behandelt, Menschen werden jahrelang gefangen gehalten und ihre Seelen gebrochen. Immer wieder dringen derartige Unfassbarkeiten ans Licht der Öffentlichkeit, und immer wieder taucht die Frage auf, wie Derartiges in einer „modernen“ Gesellschaft passieren kann.
Auffallend oft hört man dann Aussagen von Nachbarn, dass der Täter als freundlich und hilfsbereit galt, unauffällig und bieder. Auf die Fragen, die sich daraus ableiten lassen – ob denn hinter jeder Ecke das Böse lauert, ob in jedem von uns ein Monster steckt, ob es eines kranken Geistes bedarf, um tatsächlich das Böse zu tun, und ob sich so ein Geist therapieren lässt –, versucht die Wiener Psychologin und Psychotherapeutin Beate Handler Antworten zu finden.
In ihrem neuen Buch „Monster von nebenan“ erzählt sie über die scheinbar ganz normalen Auffälligkeiten und vom Abstieg in die schwärzesten Schluchten menschlichen Verhaltens. Sie berichtet über die Rolle der Kindheit als Schlüssel zur Psyche, über Ängste und Phobien und, was es bedeutet, „geistig abnorm“ zu sein.
Therapie enorm wichtig
Wird ein Täter gefasst und verurteilt, stellt sich die Frage, wie man mit ihm umgehen soll. Lebenslang wegsperren oder ihm nach Verbüßung der Strafe doch eine zweite Chance geben? Wie wichtig es ist, geistig abnorme Rechtsbrecher zu therapieren, kann man an Zahlen ablesen. Nach der bedingten Entlassung von therapeutisch behandelten Rechtsbrechern aus dem Maßnahmenvollzug kam es nach fünf Jahren nur bei zwölf Prozent zu einer Wiederverurteilung. Wurden „normale“ Häftlinge (solche, die zurechnungsfähig und nicht geistig abnorm waren) jedoch ohne Therapie wieder auf freien Fuß gesetzt, wurden nach fünf Jahren 59 Prozent wegen neuerlicher Vergehen wieder verurteilt.
Laut Handler kann es ohne Problem- oder Krankheitseinsicht zu keiner „Heilung“ kommen. „Hat ein Mensch keine Krankheitseinsicht und/oder kein Problembewusstsein, warum sollte er dann ein Medikament nehmen?“, so die Psychologin. Etwas zu erkennen, benennen und verändern sei das Herzstück jeder psychologischen Behandlung. Bestehende Symptome zu mildern oder zu beseitigen, gestörte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern und die emotionale Reifung zu fördern sei nur dann möglich, wenn die Behandelten mitarbeiten.
Auch Täter haben Verantwortung
Bei der Kriminaltherapie geht es nicht zwingend um Heilung, wohl aber um den Aufbau einer besseren Beherrschung und Steuerung problematischer Verhaltensmuster. Handler über ihr Buch: „Mein Ziel war es, sachliche Erklärungen zu geben, warum Menschen schreckliche Gräueltaten begehen. Sie weder anzuklagen noch zu entschuldigen – auch nicht, wenn diese selbst eine Kindheit voller Gewalt hatten. Täter haben nämlich sehr wohl die Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, egal wie schrecklich die Kindheit auch war.
Sonst müssten ja alle Menschen, die keine glückliche Kindheit hatten – und derer gibt es genug –, zu Verbrechern werden.“ Und das ist ja gottlob keineswegs der Fall. (th)
„Monster von nebenan. Wie gut kennen Sie Ihren Nachbarn?“, Goldegg Verlag, 364 Seiten, 22 €.















