Nichts ist mehr so, wie es vorher war: Die Diagnose Krebs bringt die Welt ins Wanken. Das mögliche Ende des Lebens vor Augen – das löst Panik, Verzweiflung aus. In dieser Schocksituation steht der Mensch vor der schwierigen Entscheidung, wie er mit der Diagnose umgehen, welcher Behandlung er sich unterziehen soll. Auf der einen Seite steht die Schulmedizin mit ihren bewährten Methoden Chemotherapie, Bestrahlung, Operation. Auf der anderen Seite gibt es Methoden, von denen man meist von Bekannten gehört hat: Dies und jenes Mittel aus der Naturheilkunde, geheime Rezepte und allerlei „Hokuspokus“.
„Viele Patienten haben mehr Angst vor der Tumormedizin als vor dem Tumor selbst“, schreiben die deutschen Krebsspezialisten und Mediziner Gustav Dobos und Sherko Kümmel in dem Buch „Gemeinsam gegen Krebs – Naturheilkunde und Onkologie“. Der Titel des Buches ist Programm. Einerseits plädieren die Autoren für eine Allianz von Onkologie und Naturheilkunde, eine für manch konservative Schulmediziner nicht leicht zu verdauende Kost, andererseits treten sie für eine zweite Allianz ein, die eigentlich selbstverständlich sein sollte: Die der Partnerschaft von Patient und Arzt. Die hier vorgestellte integrative Onkologie will den Erkrankten dazu animieren, selbstverantwortlich mitzuwirken und so die immensen Selbstheilungskräfte, die jeder von uns in sich trägt, zu aktivieren.
Aufbruchstimmung in Onkologie
Man könnte von einer Aufbruchstimmung in der Onkologie sprechen, die Autoren sehen gar einen Paradigmenwechsel. Sie treten freilich für schulmedizinische Verfahren ein, holen aber viele neue Elemente mit ins Boot. So etwa Psyche und Spiritualität. Damit nähern sie sich einer ganzheitlichen Sicht des Menschen, deren positive Auswirkungen auch in der Medizin heutzutage kaum mehr wegzudiskutieren sind.
Die Medizin trägt mit diesem Schwenk im Grunde nur der gelebten Realität Rechnung. Denn ein Großteil der Krebspatienten sucht Hilfe längst nicht nur in der Schulmedizin. Weiß der Arzt von diesen anderen Aktivitäten nichts, kann das fatale Folgen haben: Der falsche Einsatz von gewissen Heilkräutern oder Vitaminen kann zu massiven Störungen oder gar Versagen der Krebstherapie führen.
Diese Risiken werden im Buch erläutert, und es wird erklärt, wie Naturheilkunde und Schulmedizin sinnvoll miteinander kombiniert werden können. Im Buch findet sich eine Liste mit jenen Substanzen, die während einer Tumorbehandlung indiziert oder kontraindiziert sind. Zudem, welche Verfahren als seriös angesehen werden können und worauf man bei der Anwendung achten muss. Es belegt außerdem mit wissenschaftlichen Studien, welche Erfolge bei Patienten mit dieser Kombinationstherapie erzielt wurden. Auch die Psyche kommt nicht zu kurz: In einem ausführlichen Kapitel „Mind-Body-Medizin“ werden Strategien gegen Angst und Stress vorgestellt, ergänzt durch zahlreiche praktische Tipps für eine bessere Bewältigung der Krankheit.
Schluss mit den Grabenkämpfen
Der Schwerpunkt des Buches liegt in der Naturheilkunde. Ihr großes Potenzial in der Krebsbehandlung wird so beschrieben: Sie lindert Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie, sie nimmt Schmerzen sowie Angst und Unruhe. Vor allem aber befähigt sie die Betroffenen, selbst etwas für sich und ihre Gesundheit zu tun – zum Beispiel mit Methoden des Stressabbaus, aber auch mit Ernährung und Bewegung.
Die Autoren fordern einen Schluss der Grabenkämpfe in der Medizin. Es sei Zeit, mit gegenseitigen Vorurteilen aufzuräumen. Vorbild sind die USA, wo „integrative Onkologie“ längst kein Fremdwort mehr ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)















