Die Krise – schon wieder vorbei

ZWEI JAHRE LEHMAN-PLEITE.Beschleunigtes Wirtschaftswachstum – und trotzdem Sorge bei den Ökonomen und Zurückhaltung bei den Unternehmern. Hat der Kapitalismus seine Bewährungsprobe bestanden? Michael Prüller

Die Weltgeschichte hat einen Sinn für feine Ironie: Da taumelt die Marktwirtschaft zwei Jahre lang durch die tiefste Krise seit 75 Jahren – und am Ende ist es das kommunistische Kuba, das sich am dramatischsten ändern muss. Eine Million Staatsbedienstete – jeder fünfte – wird im Laufe des kommenden Jahres gekündigt, hat die kubanische Regierung just gestern am Vorabend des zweiten Jahrestags der Lehman-Pleite verkündet.

Hat der Kapitalismus schon wieder einmal gewonnen? Ist die Krise schon wieder vorbei?

Die unmittelbare Gefahr eines Zusammenbruchs der Weltwirtschaft, wie wir sie kennen, scheint vorbei. Aber das war's dann doch noch nicht: Wie es im menschlichen Organismus oft eine akute Krankheit gibt, hinter der ein chronisches Problem steht, etwa ein schwaches Immunsystem, so ist es auch mit der Weltwirtschaft – und das chronische Problem ist noch langte nicht behoben. Im Gegenteil: Die Krisenbekämpfung, so notwendig sie für das Überleben im Augenblick auch gewesen sein mag, hat es noch verschärft.

Dieses chronische Problem ist ein multiples, ineinander verwobenes. Ein Bestandteil ist, dass spätestens seit der überzogenen Niedrigzinspolitik nach dem 11. September 2001 zu viel billiges Geld verfügbar ist. Und das hat sich eher noch verschlimmert. Eine Blase wie bei dem durch staatliche Anreize („Jedem Amerikaner sein Eigenheim!“) angeheizten Immobilienboom in den USA kann durchaus anderswo passieren und einen welterschütternden Knall produzieren.


Inflation oder eisernes Sparen

Ein weiterer Bestandteil ist die hohe Staatsverschuldung, die ebenfalls durch Konjunkturpakete und Bankenhilfen noch verschärft worden ist. Diese Cortisonkur hat vielleicht dem Patienten das Leben gerettet, ihn aber vollends abhängig gemacht. Mit den Konjunkturpaketen haben die Regierungen nämlich noch keinen selbsttragenden Aufschwung geschafft, der irgendwann die Schuldenrückzahlung finanziert, sondern nur Zeit gekauft. Der Zahltag naht, aber die Probleme sind nicht samt und sonders gelöst worden. Der Abbau der aufgehäuften Staatsschulden wird also entweder stattfinden und damit möglicherweise den Konjunkturaufschwung dämpfen. Oder er wird nicht stattfinden – und durch Inflationierung erträglich gemacht.

Daher herrscht derzeit bei den Wirtschaftsforschern trotz aktuell guter Wirtschaftswachstums-Daten angespannte Stimmung. Viel vom derzeitigen Aufschwung ist bloß ein Aufholen dessen, was im Jahr 2009 aufgeschoben worden war. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft bringt das so auf den Punkt: „Nur aufzuholen, was man verloren hat, kennzeichnet nicht wirklich eine Wachstumslokomotive“.

Wie wackelig der Aufschwung ist, sieht man an der Investitions-Zurückhaltung der Industrie. Die Manager wissen um die möglichen negativen Langzeit-Effekte der Krisenbekämpfung. Sie kennen vor allem die drohenden Steuererhöhungen und wissen, wie prekär es mit den Staatsaufträgen ist – gerade auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung. Und halten sich zurück.

Womit wir beim dritten Problembestandteil sind – dem allgemeinen Sentiment. Dem beträchtlichen Restübermut der – allenthalben „geretteten“ – Banker steht auf der Unternehmerseite ein ziemlich starker Restpessimismus gegenüber. Das ist keine gute Ausgangsbasis für nachhaltiges Wachstum. Wo es keine weitgehende Übereinstimmung in den Grundannahmen über die Zukunft gibt, gibt es keinen Boom.


Robuste Marktwirtschaft

Daran ändern auch die halbherzig betriebenen Wähler-Beschwichtigungs-Programme nichts – wie die Errichtung einer europäischen Ratingagentur, die Stärkung der Bankenaufsicht, die kosmetische Operation Basel III oder die Finanztransaktionssteuer.

Auf der Habenseite ist allerdings die Erfahrung zu verbuchen, dass der Kapitalismus ziemlich robust geworden ist, auch wenn gern das Gegenteil behauptet wird. In nicht wenigen Schwellenländern und ehemals kommunistischen Ländern geht der Aufholprozess nach einer Schrecksekunde stetig weiter. Die Wirtschaft zeigt sich erfreulich gut kapitalisiert. Und vor allem: Die öffentliche Zustimmung zur Marktwirtschaft hält.

Die Marktwirtschaft – und damit die globale Wohlstandsentwicklung – wird noch einige Zeit an ihrer chronischen Krankheit leiden. Nach Exitus sieht's aber nicht aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2010)

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