"Die Sorgen sind sicherlich gerechtfertigt"

JEANNINE HIERLÄNDER (Die Presse)

Der Südosteuropa-Experte Vladimir Preveden erklärt, warum Kroatien bisher nicht einmal im Tourismus profitabel ist - und wie das Land aufholen kann.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Die Presse: Werden die Österreicher den EU-Beitritt Kroatiens bemerken?

Vladimir Preveden: Ja, denn die Österreicher sind ja unter den wichtigsten Gästen des kroatischen Tourismus. Sie werden das durch Erleichterungen bei der Reise spüren. Mittelfristig wird man das Gefühl haben, man ist im Heimatland.

 

Österreich will den Arbeitsmarkt für Kroaten erst nach sieben Jahren öffnen. Ist die Angst vor der Billigkonkurrenz berechtigt?

Gerade die weniger gut ausgebildeten Kroaten sind nicht so mobil, das ist ja auch in Kroatien ein Problem. Diese Arbeitskräfte wird es sicher nicht nach Österreich ziehen. Kroatien ist Österreich in jeder Hinsicht schon lange sehr nahe, viele Kroaten studieren hier. Auch die Unternehmen, die ins Ausland gehen wollten, haben das schon gemacht. All diese Effekte werden in der Regel immer schon vor dem EU-Beitritt vollzogen.

 

Österreichische Firmen suchen Fachkräfte. Wird man nach dem EU-Beitritt mehr in Kroatien fischen?

Da wird sich überhaupt nichts ändern. Die talentierten Kroaten haben ja nicht auf den EU-Beitritt gewartet. Österreich ist auch nicht das primäre Ziel, Deutschland etwa ist eine Alternative, auch dort werden Fachkräfte gesucht. Für kroatische Unternehmen hingegen wird es mit dem EU-Beitritt leichter, ausländische Fachkräfte zu beschäftigen, auch aus Nicht-EU-Ländern. Das wird zu einem Know-how-Zufluss für kroatische Unternehmen führen und kann die Wettbewerbsfähigkeit der Kroaten stärken.

Die Arbeitslosigkeit ist ja mit 18 Prozent hoch.

Richtig, und die Jugendarbeitslosigkeit ist noch deutlich höher, sie liegt bei 50 Prozent. Das ist natürlich ein Riesenproblem.

 

Kroatien tritt mitten in der Wirtschaftskrise bei und steckt selbst in der Rezession. Wird es das nächste Sorgenkind der EU?

Die Sorgen sind sicherlich gerechtfertigt, wenngleich Slowenien wohl das größere Sorgenkind ist. Kroatien hat noch etwas Puffer bei der Verschuldung. Aber der Trend ist natürlich erschreckend. Kroatien gehört zu den Ländern Europas, die sich in den letzten Jahren am stärksten verschuldet haben (auf 56 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, Anm.). Ein großes Problem ist die generelle Schwäche der Wirtschaft. In der ganzen Transformationsperiode seit 1989 gehörte Kroatien leider zu den Verlierern. Man hat es damals nicht so gespürt, aber da hat sich ein strategischer Nachteil aufgebaut, der nur schwer wieder aufzuholen ist. Kroatien hat nach Griechenland seit Ausbruch der Krise 2008 am meisten an Wirtschaftskraft verloren und steckt als einziges Land neben den Griechen seit fünf Jahren konstant in der Rezession. So gesehen kommt den Kroaten der EU-Beitritt sehr gelegen, weil sie notfalls zusätzliche Mechanismen aktivieren können.

 

Das sollte wohl eher nicht die Motivation sein.

Der Prozess läuft ja schon seit 15 Jahren, die Motive waren natürlich ganz andere. Das Problem ist, dass aus Kroatien heraus zu wenig Innovationskraft, zu wenig neue Wertschöpfung kommt. Wesentlich wird sein, die EU-Förderungen, die es gibt, das sind bis zu 13 Milliarden Euro bis 2020, zu aktivieren.

In Rumänien und Bulgarien sind EU-Förderungen wegen Korruption und Misswirtschaft versandet. Besteht diese Gefahr auch in Kroatien?

Ja. Aber die EU hat ja aus diesen Beispielen gelernt. Für diese Länder kam der Beitritt wahrscheinlich wirklich zu früh. Daher wurden die Auflagen für Kroatien deutlich verschärft. Es gab ein eigenes Monitoring zum Thema Korruption. Auch im Rechtssystem hat Kroatien viel getan, Manager und Politiker verhaftet, und Signale in die richtige Richtung gesetzt. Kroatien passt, was das betrifft, wesentlich besser in die EU.

Wo ist Kroatien wirtschaftlich stark?

Es gibt im Prinzip nur zwei Faktoren: Tourismus und Landwirtschaft bzw. Nahrungsmittelindustrie. Die Schiffswerften wurden privatisiert, man muss sehen, ob sie nun profitabel werden. Und dann gibt es viele wenig bis nicht profitable Industrien.

 

Und wo kann Kroatien noch stark werden?

Kroatien muss sich viel stärker auf Zukunftsindustrien fokussieren, wie nachhaltigen Tourismus, zum Beispiel Fahrradtourismus. Wenn man es schafft, das auf das ganze Jahr auszudehnen, kann das Land eigentlich schon vom Tourismus leben. Dann wird der Sektor auch profitabel.

 

Was ist das Problem mit dem Tourismus?

Kroatien hat die kürzeste Saison in der EU. Drei Monate, mit Trend Richtung vier. Kein Hotel, Restaurant oder Bootsvermieter kann profitabel sein, wenn er nur drei Monate im Jahr ausgelastet ist. Zudem geben Touristen in Kroatien nur 88 Euro am Tag aus, in Österreich 115 Euro. Die Branche hat in den wenigen vollen Monaten auch noch dramatische Preisnachlässe gegeben. Der wichtigste Sektor, der ohnehin schon unprofitabel ist, verdient also zunehmend weniger.

 

Gibt es sonst noch aussichtsreiche Branchen?

Die Landwirtschaft, Biolandwirtschaft, das lokale Essen. Da gibt es Potenzial. Auch bei erneuerbaren Energien und IT. Österreichische Unternehmen haben noch Chancen im Tourismus und in der städtischen Infrastruktur, da gibt es viel nachzuholen.

 

Die Kroaten fürchten sich doch auch, dass ihr Markt überschwemmt wird mit billigeren Produkten, vor allem Nahrungsmitteln, weil ihre Produkte nicht konkurrenzfähig sind.

Ja, und die Befürchtung ist berechtigt. Es wird für internationale Firmen noch einfacher, ihre Produkte zu platzieren. Die kroatische Nahrungsmittelindustrie muss sich auf jeden Fall auf größeren Wettbewerb einstellen. Und nach Strategien suchen, um zu wachsen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News

AnmeldenAnmelden