Studie: Präsenzdiener verdienen 77.500 Euro weniger

Minister Darabos setzt seinen Werbefeldzug für die Einführung eines Berufsheers fort. Die Wehrpflicht verursacht laut einer von Darabos präsentierten Studie geringere Wertschöpfung und Einkommensverluste.

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Norbert Darabos – (c) APA HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Wien. Verteidigungsminister Norbert Darabos setzt seinen Werbefeldzug für die Einführung eines Berufsheers fort. Am Donnerstag präsentierte er gemeinsam mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Gudrun Biffl eine Studie, der zufolge die Wehrpflicht sowohl volkswirtschaftlichen Schaden verursacht als auch jedem einzelnen Grundwehrdiener erhebliche finanzielle Nachteile beschert.

Laut Biffl sind es 300 Millionen Euro im Jahr, die dem Land an Wertschöpfung entgehen. Diese Zahl resultiert aus dem späteren Einstieg ins Berufsleben und verpassten Qualifikations- und Weiterbildungschancen. „Ohne die Wehrpflicht wäre das Wirtschaftswachstum um 0,25 Prozent im Jahr höher“, glaubt Biffl.

Aber auch jeder einzelne Grundwehrdiener erleide erhebliche Nachteile. Vergleicht man die Einkommensentwicklung von jungen Männern, die einen Grundwehrdienst abgeleistet haben, mit jenen, die das nicht gemacht haben, zeigt sich, dass ehemalige Grundwehrdiener um fünf Prozent weniger verdienen. „In der Folge gibt es Nachwehen über den gesamten Lebenszeitraum“, so Biffl. Dieser Befund wundere sie nicht: Auch Frauen, die durch die Babypause aus dem Berufsleben gerissen werden, müssten ähnliche langfristige Einkommenseinbußen hinnehmen.

In Summe soll der Schaden für jeden Grundwehrdiener – zusammengesetzt aus geringerer Bezahlung während des Militärdienstes und späteren Einkommensverlusten – bei 77.500 Euro liegen. Vor diesem Hintergrund sei es „zynisch“ zu behaupten, der Grundwehrdienst habe noch niemandem geschadet, sagt Darabos. Biffl sieht aber noch einen weiteren Grund für einen Systemwandel: Durch die demografische Entwicklung würden dem Bundesheer die jungen Männer ausgehen. Ab dem Jahr 2015 würden geburtenschwächere Jahrgänge einberufen. Damit lasse sich das derzeitige System, basierend auf mindestens 21.800 Rekruten jährlich, nicht mehr aufrechterhalten.
Kritik an der Untersuchung, die auf einer älteren Studie aus dem Jahr 2001 aufbaut, gibt es von der ÖVP. Wehrsprecher Oswald Klikovits kritisiert, dass einige Teile der ursprünglichen Studie „seltsamerweise verschwunden“ seien. Dort stehe nämlich, dass eine Berufsarmee teurer sei und weniger Leistung bringe als ein Mischsystem mit Wehrpflicht.

Auch von wissenschaftlicher Seite gibt es Kritik. Der Linzer Volkswirtschaftler Friedrich Schneider hält zwar die Grundaussage, die Wehrpflicht koste ein Viertelprozent Wachstum, für „völlig richtig“, das sei aber nur ein Teilaspekt. Schneider hat die Kosten einer Berufsarmee ausgerechnet und kommt dabei auf plus 219 Millionen Euro. Dabei geht Schneider allerdings von der Annahme aus, dass die Grundwehrdiener zur Gänze durch Berufssoldaten ersetzt werden müssten. Das Modell von Minister Darabos sieht dagegen nur eine geringfügige Aufstockung der Berufskader vor.

Befragung: Ausgang offen

Laut Umfragen werden sich die Wehrpflichtbefürworter bei der Befragung am 20. Jänner klar durchsetzen. Für Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung ist das aber noch nicht sicher. Seinen Befragungen zufolge ist die Zustimmung zum Berufsheer umso größer, je besser informiert die Befragten sind. Außerdem steige die Zustimmung, wenn man das Thema vom Zivildienst entkoppele. Ein Aufholen der Berufsheerbefürworter sei also noch möglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2013)

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