Sexismus in der Politik: Lacht da jemand?

Die Affäre um den deutschen FDP-Politiker Rainer Brüderle hat eine Debatte über Sexismus in der Politik ausgelöst. Auch in Österreich. Hat sich seit der "Lutsch-Affäre" im Parlament vor 20 Jahren eigentlich etwas verändert?

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Frage ist nur Theorie, aber interessant: Hätte es 1993 Twitter gegeben, hätte die „Lutsch-Affäre“ auch zu einem #aufschrei! geführt? Oder bloß zu #gemurmel? Damals rief der ÖVP-Nationalratsabgeordnete Paul Burgstaller der Grünen Terezija Stoisits (sie stand beim Mikrofon) launig zu: „In den Mund nehmen und fest dran lutschen.“ Hat sich seitdem eigentlich etwas geändert? Könnte der aktuelle deutsche Fall – der FDP-Politiker Rainer Brüderle machte gegenüber „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich anzüglichen Bemerkungen (s. Lexikon) – ein österreichischer sein? Oder gibt es gar kein Problem? Wie gehen Frauen und Männer in der Politik, im Politikjournalismus miteinander um? Ein Rundruf.


Ich muss vorausschicken, dass ich so etwas wie das Lieblingsfeindbild der FPK bin. Im Wahlkampf 2009 hat mich der damalige Obmann Uwe Scheuch bei allen Wahlkampfkundgebungen attackiert. Zum Gaudium des Publikums hat er mich dabei Antonia G. genannt (gesprochen als G-Punkt; weibliche erogene Zone, Anm.) – mit Pause danach für das Gelächter. Ich habe ihn gestellt und gesagt, ich wünsche seiner Tochter nicht, dass sie es einmal mit so primitiven Männern zu tun bekommt. Er hat einen roten Kopf bekommen, sich aber nicht entschuldigt. Ich weiß, dass in Parteisitzungen über mich Witze gerissen werden – Tenor, ich bin eine frustrierte alte Schachtel, darum schreibe ich so böse. Ich glaube nicht, dass man so über männliche Kollegen reden würde.

Antonia Gössinger, Politikjournalistin, Kleine Zeitung

 

Ich bin schockiert, dass man mir Sexismus unterstellt. Ich habe nur den Namen der Frau G. abgekürzt. Fragen Sie die Leute, die gelacht haben. Ich habe nicht gelacht.

Uwe Scheuch, Ex-FPK-Parteiobmann

 

Im Wahlkreis Tirol gibt es ab und zu einen kleinen flotten Spruch, der aber meist nicht stört. Die Brüderle-Debatte ist übertrieben, ich will keine amerikanischen Verhältnisse.

Carmen Gartlgruber, FPÖ-Frauensprecherin

 

Sexismus gibt es in allen Parteien, es geht um Macht. Ich kenne das auch von älteren Politikerinnen, die junge Politiker als Buben abtun. Zwischen Politikern und Journalistinnen beobachte ich das weniger, Politiker misstrauen Medienmenschen. Wenn männliche Journalisten und Politiker zusammensitzen, rennt aber der Schmäh. Man sucht nach Verbindendem, manchmal ist Sexismus der kleinste gemeinsame Nenner.

Peko Baxant, Wiener SPÖ-Gemeinderat

 

Das Aussehen hat zwischen Politikern und Journalistinnen kein Thema zu sein. Mir hat einer einmal gesagt, ich sei so fesch, ich könnte für den Jungbäuerinnen-Kalender posieren. Das ist sexistisch! Ich kann auch nicht als Chefredakteurin zu Staatssekretär Kurz sagen: „Sie schauen aber super aus.“ Andererseits gibt es die Girlie-Falle: Journalistinnen, die bewusst ihre Reize einsetzen. Wenn sie damit spielen, müssen sie wissen, was sie auslösen. Wollen sie über ihre Arbeit definiert werden, passt das nicht.

Karin Strobl, Chefredakteurin Regionalmedien Austria, Vorsitzende des Frauennetzwerks Medien

 

Es gibt keine Rechtfertigung für blödes Machoverhalten, das macht ein Gentleman nicht. Andererseits sind die Zeiten hysterischer geworden. In letzter Konsequenz heißt das, dass ich nicht allein mit einer Journalistin im Lift fahren darf. Das ist scheinheilig. Auch Journalistinnen haben sich in Szene gesetzt, ob aus natürlicher Weiblichkeit oder mit Hintergedanken, weiß ich nicht. Hätte ich alle Beziehungen gehabt, die man mir angedichtet hat, ich weiß nicht, ob ich das überlebt hätte.

Hannes Androsch, Ex-SPÖ-Finanzminister

 

Diverse Herren reden nicht mehr mit mir, weil ich nicht mit ihnen Abendessen gegangen bin oder ihnen sonst einen Korb gegeben habe. Das trifft nicht nur auf Personen in der Politik oder Wirtschaft zu, sondern auch auf Männer aus der Journalistenszene. Sicher habe ich mir so schon Karrierechancen verbaut.

Journalistin (anonym), Wien

 

Damals als Landesgeschäftsführer der steirischen ÖVP habe ich öfter verbale und körperliche Belästigungen von Angestellten beobachtet. Ich bin da gegen jedes falsche Augenzwinkern. Sexismus gibt es vor allem in ländlichen Wahlkreisen. Wobei sich Politikerinnen kaum beschweren, sogar Diktionen übernehmen, z.B. von sich als „alte Häsinnen“ reden. In der aktuellen Debatte wird aber geheuchelt. Ein Politiker muss aufpassen, dass etwas, das nicht sexistisch gemeint war, keinen Spin bekommt.

Reinhold Lopatka, ÖVP-Staatssekretär

 

Nachdem der ÖVP-Abgeordnete Burgstaller das damals gesagt hatte, gab es überhaupt erst eine Debatte über Alltagssexismus in Österreich. Heute wären solche Worte im Nationalrat undenkbar. Sexismus ist jetzt subtiler: Heute werden Frauen kategorisiert, als hysterisch zum Beispiel.

Terezija Stoisits, Volksanwältin


Ich habe als Fotografin für eine Partei gearbeitet. Der Pressesprecher hat mich immer auf Cocktails eingeladen. Ich habe mich gedrückt. Da gab es keine Aufträge mehr. Ein Jahr später hat mich der Geschäftsführer explizit angefordert. Der Pressesprecher hat lachend angerufen: Siehst du, ich engagiere dich, obwohl du nichts mit mir trinkst.

Freie Fotografin (anonym), Wien

 

In meinen neun Jahren im Parlament habe ich oft erlebt, wie Frauen am Rednerpult durch Zwischenrufe herabgewürdigt wurden. Es hat mich aufgeregt, dass ein Abgeordneter (ÖVP-Mandatar Großruck, Anm.) nicht einmal einen Ordnungsruf nach seinem Strauss-Kahn-Zweizeiler bekommen hat („Obwohl er schon ein reiferer Mann ist, zeigt Dominique Strauss, was er noch kann“).

Gabriele Heinisch-Hosek, SPÖ-Frauenministerin

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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