"Seid ihr alle Homos?": Beschwerden im Heer nehmen ab

Knapp 400-mal beschwerten sich Soldaten im Jahr 2012 bei der parlamentarischen Kommission. Jeder Vierte war ein Grundwehrdiener, Rekruten fordern vor allem mehr Geld.

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Grundwehrdienst Bundesheer
Grundwehrdienst Bundesheer – (c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

Wien/Ib. Noch nie hatte sich die heimische Politik wohl so sehr um das Wohl der Grundwehrdiener gesorgt wie im Jahr 2012. ÖVP-Chef Michael Spindelegger schulterte einen Rucksack und ließ den jungen Männern ausrichten, dass er den Dienst „megacool“ finde – und ihn noch verbessern wolle. Ex-Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) hingegen wollte sie vom „megasinnlosen“ Zwangsdienst befreien.

Nun, nach der Volksbefragung im Jänner und dem Sieg für die Wehrpflicht, ist Darabos weg, der Grundwehrdienst bleibt, und sein Nachfolger, Gerald Klug, ist um eine Reform des Grundwehrdienstes bemüht. Dazu hat er auch einen Bogen an alle 11.800 Grundwehrdiener verteilen lassen, auf dem sie Verbesserungsvorschläge und Wünsche notieren sollen. Er wolle wissen, „wo der Schuh drückt“, Ergebnisse soll es nach Ostern geben.

Wo der Schuh im Heer drückt – oder zumindest im Vorjahr gedrückt hat –, zeigt allerdings bereits der Jahresbericht der parlamentarischen Bundesheerkommission, der am Mittwoch präsentiert wurde. Fazit: Die Beschwerden nehmen langsam wieder ab. Ganze 3077 Anfragen wurden zwar an die Kommission gestellt, doch nur in 394 Fällen kam es tatsächlich zu einem Beschwerdeverfahren. 79 Prozent davon wurden von der Kommission auch als „berechtigt“ eingestuft.Im Jahr 2006 gab es noch über 660 solcher Beschwerdeverfahren, 2011 waren es 504.

Auffällig ist das Jahr 2010, damals wandten sich – wie im Vorjahr – vergleichsweise wenig Uniformierte an die Kommission: Knapp 340-mal wurde damals Beschwerde eingereicht. Doch was stört die Frauen und Männer beim Heer genau?

Die Hälfte der Beschwerden betraf die Bereiche Ausbildung und Dienstbetrieb, 24Prozent bezogen sich auf Personalangelegenheiten, zwölf Prozent auf Versorgung und Infrastruktur. Außerdem gab es 41 Beschwerden im Zusammenhang mit Beschimpfungen, die als berechtigt anerkannt wurden. Ein Unteroffizier soll Aussagen wie „Seid ihr alle Homos?“ fallen gelassen haben. Ein Truppenarzt fragte auch: „Sind Sie geistig zurückgeblieben oder nur dumm?“ Auch unter Rekruten selbst kam es zu Beschimpfungen wie „Saujud!“ und „Gfrast“.

 

Keine Sommeruniformen bei 36 Grad

Schikanen kamen ebenfalls vor: Bei einem Auslandseinsatz bekam ein Soldat einen „Eierklatscher“ verpasst, wie im Bericht zu lesen ist. Im Einsatzgebiet Kosovo beschwerten sich die Soldaten außerdem darüber, dass es keinen Militärseelsorger gäbe – oder aber auch keine Sommeruniformen, trotz Temperaturen von bis zu 36 Grad.

Ganz allgemein waren es gar nicht so sehr die Grundwehrdiener, die die Kommission als Anlaufstelle nutzten: Nur je ein Viertel der Beschwerdeführer waren Rekruten, ein Viertel Unteroffiziere und je rund 20 Prozent Chargen und Offiziere. In diesen Fällen ging es hauptsächlich um Beförderungen und (mangelhafte) Aufstiegschancen.

 

Reform nur mit mehr Budget möglich

Wenn sich Grundwehrdiener aber doch an die Kommission wandten, ging es oft um die Besoldung von 300 Euro – sie forderten mehr Geld. Laut Walter Seledec, dem Vorsitzenden der Kommission, braucht es für eine „Attraktivierung“ des Präsenzdienstes, wie es die Regierung bis Herbst plant, tatsächlich mehr finanzielle Mittel.

Das fange schon bei der Unterkunft an: Es gebe noch immer 16-Mann-Zimmer mit nur einer Dusche und mangelhaften Sanitäranlagen – was solle daran attraktiv sein? „Und wie soll es mehr Übungen geben, wenn Geld für Munition fehlt?“, fragt Seledec weiter. „Ich attestiere dem Minister zwar den Willen, bessere Schritt zu setzen“ – aber mit einem Budget von weit unter einem Prozent des BIPs sei es schlicht unmöglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2013)

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