Werner Kogler: Ein Peter Pilz minus Egozentrik

Immer dann, wenn die Republik mit einem Finanzskandal beschäftigt ist, schlägt die Stunde Werner Koglers. Die Reden des grünen Vizeparteichefs kommen nicht nur in den eigenen Reihen gut an.

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Werner Kogler – (c) APA/GEORG HOCHMUTH

Wien. Wenn sich Werner Kogler von seinem Sitzplatz im Parlament, erste Reihe Mitte neben Eva Glawischnig, erhebt und die paar Schritte zum Rednerpult marschiert, tritt für gewöhnlich der Josef-Cap-Effekt im Plenum ein: Die Abgeordneten stecken ihre Handys weg, klappen ihre Laptops zu, legen die Zeitungen beiseite und hören aufmerksam zu.

Denn Kogler, die Nummer zwei in der Grünen-Hierarchie, hat immer etwas zu sagen, meistens sogar sehr viel davon, und nicht selten auch etwas völlig Neues, Aufdeckerisches. Dass er zu den besten Rednern im Nationalrat gehört, ist parteiübergreifend unumstritten: Pointiert, emotional und authentisch, auch weil ihm regelmäßig das Steirische dazwischenkommt. Kogler ist eine Art später Josef Cap plus Fachwissen. Oder ein Peter Pilz minus Egozentrik.

Nach Alexander Van der Bellens Rückzug im Jahr 2008 war der Volkswirt zum Chefökonomen seiner Partei aufgestiegen. Öffentlich rückt er immer dann in den Mittelpunkt, wenn die Republik wieder einmal mit einem Finanzskandal beschäftigt ist. Schon die ORF-Sendung „Im Zentrum“ am Sonntagabend zur Pleite der Hypo Alpe Adria hatte Kogler argumentativ dominiert. Zur Höchstform lief er dann am Montag in der Sondersitzung des Nationalrats auf.

In seiner 21-minütigen Rede zeichnete der grüne Finanzsprecher die Versagenskette rund um die Kärntner Landesbank nach: von den Haftungen über die Verstaatlichung bis ins Heute, wo „den Steuerzahlern die Milliarden unter dem Hintern weggeklaut werden“. Koglers Übersetzung des Wortes distressed – „Altenglisch für hinnig“ – entlockte sogar dem Generalsekretär und Hausdichter der FPÖ, Herbert Kickl, ein mildes Lächeln.

 

Kleine Gemeinheiten

Wenn er sich in Rage redet, tänzelt Kogler wie der Boxer Muhammad Ali hinter dem Rednerpult umher, während seine Handbewegungen eher an einen überforderten Verkehrspolizisten erinnern. Mitunter verliert er sich dann zu sehr in Details und kommt vom Hundertsten ins Tausendste, als wäre sein Mundwerk eine vollautomatische Waffe, die so lange Wörter von sich gibt, bis ihm die Luft ausgeht.

Auch die Kunst der kleinen Gemeinheit beherrscht der 52-Jährige. Seinem Landsmann Reinhold Lopatka, Klubobmann und Pflichtverteidiger der ÖVP, empfahl er am Montag angesichts des Hypo-Krisenmanagements „Beichte, Buße, Besserung“. Mit dem Nachsatz: „Das ist Ihnen ja vertraut.“

Wer Kogler einmal live erlebt hat, glaubt gern, was seine Parteikollegen erzählen: Dass es schon einiger Anstrengung bedarf, um im persönlichen Gespräch mit ihm zu Wort zu kommen. Abgesehen davon ist Glawischnigs Stellvertreter in Partei und Klub sehr gut angeschrieben. Idealismus wird ihm attestiert. Und Ausdauer.

Zumindest Zweiteres hat Kogler auch schon öffentlich bewiesen. Im Dezember 2010 protestierte er mit einem Redemarathon, Filibustern genannt, in einer Sitzung des zuständigen parlamentarischen Ausschusses gegen die Budgetvorlage der Regierung. Kogler sprach zwölf Stunden und 42 Minuten ohne (Toiletten-)Pause, von 13.18 Uhr bis zwei Uhr morgens, und stellte damit einen neuen österreichischen Rekord auf. Seine Rede beendete er mit dem denkwürdigen Satz: „Das ist eigentlich schon alles, was ich sagen wollte.“

Geredet hat der Sohn eines Getreidehändlers aus St.Johann in der Haide immer schon gern. Kogler ist der klassische Berufspolitiker, einen anderen Job hatte er nie. Er war Gründungsmitglied der Grazer Grünen und wurde noch während des Studiums Gemeinderatsabgeordneter. Ein ziemlich ungemütlicher, wie die Kollegen der anderen Fraktionen gefunden hatten.

Für Kogler, der 1994 als Mitarbeiter in den Grünen Klub nach Wien wechselte und fünf Jahre später selbst Nationalratsmandatar wurde, sind solche Zuschreibungen ein Kompliment. Gern erzählt er auch, dass er wegen seines nimmermüden Sprechorgans zweimal fast vom Gymnasium Gleisdorf geflogen wäre, ehe er 1980 dort maturierte. Mit Auszeichnung.

 

Linker Realo

Weltanschaulich war Kogler auch damals schon schwer einzuordnen, zumindest für grüne Verhältnisse. Er steht wohl ziemlich genau in der Mitte zwischen den beiden Polen seiner Partei: Ein Fundi ohne Berührungsangst zur ÖVP und ein Realo mit ausgeprägter Affinität zu Vermögensteuern und anderen Instrumenten der Umverteilung.

Auf Spekulationen zu seinem weiteren Karriereweg lässt sich Kogler nicht gern ein. Bundessprecher wolle er jedenfalls nicht werden, er sei niemand für die erste Reihe, hat er einmal gemeint. Manche seiner Aussagen lassen dann aber doch gewisse Rückschlüsse zu. Seine Parlamentsrede am Montag beendete Kogler mit einer Aufforderung an die Regierungsparteien: „Geben Sie uns das Finanzministerium, wir zeigen Ihnen, wie das geht.“ Und spätestens da war klar, wen die Grünen mit diesem Amt betrauen würden, wenn sie dereinst die Möglichkeit dazu hätten.

Und das ist eigentlich schon alles, was wir über Werner Kogler sagen wollten.

ZUR PERSON

Werner Kogler ist stellvertretender Bundessprecher der Grünen und Landessprecher in der Steiermark, außerdem Vizeklubchef sowie Finanz- und Europasprecher seiner Partei. Dem Nationalrat gehört er seit 1999 an. Die Laufbahn des heute 52-Jährigen begann 1981 in Graz. Kogler war Gründungsmitglied der Alternativen Liste Graz, der späteren Grünen. 1985 wurde er Gemeinderat, 1994 wechselte er als Mitarbeiter in den Parlamentsklub nach Wien. Kogler stammt aus St.Johann in der Haide und hat Volkswirtschaft studiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2014)

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