Stieger: „Wir brauchen ein neues Pensionsmodell“

Mit der Plattform „seniors4success“ will Leopold Stieger Bewusstsein für das Potenzial der Alten schaffen.

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Die Presse (Clemens Fabry)

WIEN. Leopold Stieger ist Betriebswirt und Professor, zählt 68 Lenze und sagt: „Ich werde nie aufhören, zu arbeiten.“ Hätte er auch nur einen Tag die Allmacht in Österreich, er würde das Pensionssystem von Grund auf reformieren.

Stieger schwebt eine „Membran aus Zu- und Abschlägen“ vor; er würde finanzielle Anreize für Menschen schaffen, die über das gesetzliche Pensionsantrittsalter (60 für Frauen, 65 für Männer) hinaus arbeiten – und im Gegenzug die Frühpension „mit ordentlichen Abschlägen“ quasi sanktionieren.


„Parameter stimmen nicht“

Mit dem heutigen Modell kann sich der 68-Jährige so gar nicht anfreunden, „weil nämlich die Parameter überhaupt nicht mehr stimmen“. Die Lebenserwartung steige stetig, und dennoch gingen die Österreicher mit durchschnittlich 59 Jahren in Frühpension. Problematisch dabei: „Sie nehmen einen Rucksack an Wissen mit, der im Ruhestand dann plötzlich brach liegt, obwohl die meisten noch 20 Jahre fit, fähig und frei sind.“

Also hat der Professor für jene, die weiter arbeiten wollen, eine Plattform ins Leben gerufen. Sie nennt sich, durchaus juvenil, „seniors4success“. Das Ziel? Bewusstsein dafür schaffen, „dass es eine Verschwendung ist, wenn das Potenzial und Know-How der älteren Generation weiter ignoriert wird, obwohl die Jungen immer weniger werden“.


Keine Wegfallbestimmungen

Als ersten Schritt würde Stieger die Wegfallbestimmungen bei der Frühpension entsorgen. Der Status quo: Personen, die ihre ASVG-Pension verfrüht in Anspruch nehmen (müssen), dürfen bis zum 65. (60.) Lebensjahr nur geringfügig dazu verdienen, maximal also 341,16 Euro monatlich.

Eine Regelung, die nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch gesamtwirtschaftlich kontraproduktiv sei: „Die Leute verlieren den Anschluss, wenn sie ein paar Jahre weg sind vom Fenster.“

In großen Teilen Europas seien die Gesetze längst nicht so rigide wie hierzulande, gibt der 68-Jährige zu bedenken. In Frankreich etwa ist ein Zuverdienst in der Frühpension dann zulässig, wenn die Summe aus allen Entgeltsformen nicht höher ist als das letzte Arbeitseinkommen vor der Pension. Und speziell in Skandinavien gebe es Anreizmodelle. Mit dem Effekt, dass deutlich mehr 55- bis 64-Jährige arbeiten, als hier. Zum Vergleich: In Österreich sind es 35,5 Prozent, in Frankreich 37,6 – und in Schweden (EU-Spitzenreiter) gar knapp 70 Prozent.

Über die Finanzierung seiner Maßnahmen hat sich der gewiefte Senior auch so seine Gedanken gemacht: „Zusatzeinkommen generieren neue Steuern und Sozialversicherungsbeiträge.“ Nebenbei könnte Schwarzarbeit verhindert werden, der Zuwanderungsbedarf würde reduziert und das Gesundheitssystem würde entlastet. „Wer länger arbeitet, lebt auch länger.“


„Tod und Teufel ansprechen“

Was er tut, damit seine Thesen auch erhört werden? „Tod und Teufel ansprechen. 30 bis 50 wichtige Leute“ hat Stieger bereits kontaktiert – von der Wirtschaftskammer bis in die höchsten politischen Kreise hinauf. Aufgeben ist seine Sache nicht: „Wer nämlich rastet“, sagt er, „der rostet“.

ZUR PERSON

Im Jahr 1972 gründete Leopold Stieger in Wien die Gesellschaft für Personalentwicklung (GfP) – das Unternehmen hat der promovierte Betriebswirt mittlerweile an seine Söhne übergeben.

Heute beschäftigt sich der 68-Jährige mit dem Thema Pension.

Die Plattform „seniors4success“ ist ein Plädoyer für die ältere Generation:

www.seniors4success.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2008)

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