Türken fühlen sich benachteiligt

Türkischstämmige Wahlberechtigte interessieren sich einer aktuellen Umfrage zufolge unterdurchschnittlich für die österreichische Politik und fühlen sich vom Staat ungleich behandelt.

Wien. Das Politik- und Demokratieverständnis von Menschen mit Migrationshintergrund ähnelt im Großen und Ganzen jenem aller Wahlberechtigten in Österreich. Große Unterschiede gibt es allerdings nach Alter, Geschlecht und Bildungsgrad. Noch spezifischer sind die Unterschiede nach Herkunftsland. Diese drei Schlussfolgerungen sind Politikwissenschaftler Peter Filzmaier zufolge die Quintessenz seiner Studie zu politischen Einstellungen von Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund, die er am Mittwoch mit Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) präsentiert hat. Hier eine Auswahl der wichtigsten Fragen und Antworten aus der Studie.

1. Was denken Migranten über die Demokratie in Österreich?

74 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund sind der Meinung, dass die Demokratie in Österreich „sehr gut“ oder „eher gut“ funktioniert. Lediglich drei Prozent sind unzufrieden und skeptisch. Diese Zahlen decken sich laut Filzmaier im Wesentlichen mit jenen aus Studien mit der Mehrheitsbevölkerung. Die restlichen 23 Prozent schätzen das Funktionieren der Demokratie in Österreich als „eher schlecht“ ein. „Aus meiner Sicht müssen diese Personen die Zielgruppe für politische Bildung sein“, sagt Filzmaier. „Sie sind klar für die Demokratie, aber potenziell gewinnbar für politische Rattenfänger – egal, ob von links oder rechts.“ Besonders zufrieden zeigen sich Einwanderer der ersten Generation und Menschen mit türkischen oder exjugoslawischen Wurzeln. Filzmaier: „Der Grund dafür ist die negativere Vergleichsgröße. Im Verhältnis zur Demokratie in ihren Heimatländern schneidet die in Österreich besser ab.“

2. Wie sehr sind Migranten an der Politik in Österreich interessiert?

Rund ein Viertel der Menschen mit Migrationshintergrund zeigt sich „eher nicht“ oder „gar nicht“ an der österreichischen Politik interessiert. Auch bei dieser Frage ähneln die Antworten jenen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Auffallend hingegen: Männer sind deutlich interessierter als Frauen. Neben kulturellen Ursachen hätten Männer wegen der Doppel- und Mehrfachbelastung von Frauen einfach mehr Zeit, um sich mit Politik zu beschäftigen, meint Filzmaier. Zudem steigt die Neugier an der Politik mit dem Alter. Die größte „Politikverdrossenheit“ herrscht in der türkischstämmigen Bevölkerung. Hier sind 34 Prozent „eher nicht“ oder „gar nicht“ an der österreichischen Politik interessiert. „Grundsätzlich steigt das politische Interesse signifikant mit dem formalen Bildungsgrad“, betont Filzmaier, der auch die Bedeutung politischer Bildung hervorhebt – wohl wissend, dass er als Politikwissenschaftler „positiv voreingenommen“ sei. „Auch ich will in diesem Zusammenhang meine Forderung bekräftigen, dass es mehr politische Bildung in Schulen braucht“, ergänzt Kurz. „Das würde nicht nur Schülern mit Migrationshintergrund, sondern allen guttun.“

3. Fühlen sich Migranten ausreichend informiert, um am politischen System teilzunehmen?

Auch in diesem Punkt unterscheiden sich die Ansichten der Menschen mit Migrationshintergrund kaum von jenen ohne – knapp 70Prozent fühlen sich „ausreichend“ oder „eher ausreichend“ informiert. Wiederum mit einer Ausnahme – der türkischstämmigen Bevölkerung. Hier fühlt sich lediglich die Hälfte ausreichend informiert.

4. Fühlen sich Menschen mit Migrationshintergrund vom Staat gleich behandelt?

Erneut tanzen türkischstämmige Migranten aus der Reihe. Während insgesamt 21Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund der Meinung sind, vom Staat „gar nicht“ gleich behandelt zu werden, sind es bei Türken 37 Prozent. „Das ist natürlich eine subjektive Einschätzung“, so Filzmaier. „Aber es ist nachvollziehbar, dass sich Menschen, die sich in einem Land ungleich behandelt fühlen, kaum Interesse an dessen politischem System zeigen.“ Repräsentative Vergleichswerte zur Mehrheitsbevölkerung gibt es bei dieser Frage nicht.

5. Fühlen sich Migranten eher mit Österreich als mit ihrem Herkunftsland verbunden?

Die Verbundenheit zu Österreich nimmt mit der Zeit zu, während parallel die Verbundenheit zum Herkunftsland abnimmt. So fühlen sich 86 Prozent der Migranten der zweiten Generation mit Österreich „sehr stark“ oder „eher stark“ verbunden. Filzmaier: „Integration funktioniert also, nur dauert sie.“

Faktbox

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2014)

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