Schulexpertin: "Klassen zu wiederholen oft sinnlos"

Bildungs-Forscherin Christa Koenne fordert, dass das jeweilige Fach nachgelernt werden soll. Die Arbeiterkammer hat die Kosten des Sitzen-Bleibens ermittelt: 320 Millionen Euro im Jahr.

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(c) Die Presse (Teresa Zoetl)

Wien (bm). „Noten sind eine politische Maßnahme und keine pädagogische – dafür wäre vielmehr die individuelle Rückmeldung nötig“, betont die Bildungsforscherin Christa Koenne. Selbst jahrelang als Pädagogin tätig, untersucht die promovierte Chemikerin seit 2006 für die Universität Wien die Prüfungskultur an Österreichs Schulen. „Mit Noten vergeben die Schulen Lebenschancen. Ein wiederholtes Jahr wird damit leicht zur Kränkung und richtet oft mehr Schaden an, als es nützt.“ Koenne, die auch an den Pisa-Studien beteiligt war, fordert mehr Flexibilität: Kinder und Jugendliche mit negativem Abschluss sollen als außerordentliche Schüler einzelne Fächer wiederholen können, ohne den Klassenverband verlassen zu müssen.

Reformen sind laut Christa Koenne auch beim Prüfungsmodus unumgänglich: Dass Lehrer an heimischen Schulen zugleich als Prüfer agieren, findet sie „paradox“, denn: „Die Matura wird leicht zur Show, zu einem Initiationsritus, bei dem wir uns durch das System schwindeln.“ Die Noten im Maturazeugnis seien damit oft nicht mehr aussagekräftig, Wirtschaft und Hochschulen reagieren mit eigenen Aufnahmetests.

„Die Matura wird leicht zur Show, bei der wir uns durch das System schwindeln.“

Christa Koenne

Ein Irrweg, dem man nur durch die Zentralmatura entkäme. Besonders sinnvoll sei eine zentrale Matura mit Minimalstandards bei drohendem Versagen: „Schüler mit Schwierigkeiten in einem Fach sollen um eine zentralisierte Prüfung ansuchen können“, fordert Koenne. Für die Art der Prüfung empfiehlt sie den Modus der Pisa-Studie am Beispiel der Mathematik: „Hier wird deutlich getrennt zwischen einfachen Grundtechniken und der Lösung komplexer Probleme, bei der diese Techniken angewandt werden.“ Sehr viel von der Pisa-Philosophie sieht die Expertin in den Schulreformen der letzen Jahre. Ein Umstand, den Koenne positiv bewertet.


Arbeiterkammer: 320 Mio. € Kosten

Die Arbeiterkammer hat die Kosten des Sitzenbleibens ermittelt: 320 Millionen Euro im Jahr seien das, rechnet AK-Wien-Vizedirektorin Johanna Ettl vor. Sie würde dieses Geld lieber in den Ausbau von Förderprogrammen und Unterrichtsschwerpunkten investiert sehen. Sie fordert mehr Freiheit für die Direktoren bei der Wahl von Fachlehrern, Ganztagsschulen und ein verbrieftes Recht auf Förderunterricht – sowohl für schwache, als auch besonders begabte Schüler. Neue Unterrichtsmethoden wie fächerübergreifende Projekte sollen lösungsorientiertes Denken vermitteln.

Vor allem aber kritisiert Ettl die aktuelle Schwerpunktsetzung, die Pflichtschulen im Rahmen ihrer Autonomie durchführen können: In Österreich machen dies derzeit zwei von fünf Hauptschulen und jede dritte AHS. Die Gestaltung der Schwerpunkte sei aber unbefriedigend, meint Ettl: zu wenig an den Wünschen der Eltern orientiert und meistens auf die Besonderheiten des Lehrkörpers zugeschnitten. Im Pflichtschulbereich, wo für Schüler und Eltern keine Wahlfreiheit herrscht, könne ein Schwerpunkt außerdem dazu führen, dass „ein musisch begabtes Kind in naturwissenschaftlichen Fächern besonders gefördert wird.“ Schwerpunkte seien nur dann sinnvoll, wenn die Schüler zwischen verschiedenen Richtungen wählen können. Doch dafür reichen an den meisten Schulen die Mittel nicht. Die Studie soll Unterrichtsministerin Claudia Schmied Anfang Juli präsentiert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2008)

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