Die freiwilligen Helfer vom Hauptbahnhof

In der Betreuung von Flüchtlingen ist der Fokus vor allem auf den Westbahnhof gerichtet. Doch auch auf dem Hauptbahnhof wird geholfen.

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Train of Hope: Julian Pöschl – (C) Kocina

Es wuselt ziemlich am Wiener Hauptbahnhof. Von einem Lkw werden Paletten mit Mineralwasserflaschen abgeladen. Vor einem Stand stellen sich Menschen an, die Kleider und Lebensmittel in Taschen bringen. Im Gebäude verteilt eine junge Frau Äpfel und Getränke. Hinter einem Tisch schenkt eine Frau mit Kopftuch Suppe aus. Daneben stehen Kekse, Datteln, Obst. Ein bisschen wie ein Flohmarkt wirkt es, ein bisschen wie ein Volksfest. Knapp daneben – was sich hier abspielt, ist das, was Julian Pöschl Zivilgesellschaft nennt.

Der 22-Jährige ist einer jener Menschen, die hier seit knapp zwei Wochen die Betreuung tausender Flüchtlinge organisieren, die über Ungarn nach Deutschland fahren. Wobei das Bemerkenswerte daran ist, dass keine Organisation dahinter steckt, sondern sich ein Netzwerk quasi von selbst aufgestellt hat. Es begann mit zwei Steigen Äpfel, die Freiwillige hierher brachten. Und steht bei derzeit mehr als 1000 Freiwilligen, die hier bei der Betreuung der Flüchtlinge helfen.


Persönliches Engagement. Train of Hope war der Slogan, unter dem sich vor allem junge Menschen zusammenfanden, Lebensmittel organisierten, Kleidung sammelten und Medikamente auftrieben. Selbst organisiert, ohne Hilfe von Staat oder etablierten Einrichtungen. Ein wilder Haufen, könnte man meinen. Und anfangs mag es auch noch gestimmt haben, mag das persönliche Engagement und der Idealismus das wichtigste Element gewesen sein. Doch mittlerweile haben die Helfer eine gewisse Struktur aufgebaut. Mittlerweile hat die Truppe so etwas wie Hauptkoordinatoren, die den Überblick bewahren.

Längst hat sich auch eine Arbeitsteilung etabliert. Freiwillige werden gefragt, was sie können – und werden dementsprechend eingeteilt. Die einen können Auto fahren, die anderen kochen, manche sammeln Spenden. Sogar ein eigenes Team für Social Media hat man. Und das braucht man auch – es ist sogar das Rückgrat der Bewegung. Über Facebook wird nach Helfern gesucht, wird verkündet, woran es gerade mangelt. In der Regel dauert es nicht lange, bis die ersten Freiwilligen genau damit beim Hauptbahnhof ankommen. Die Hierarchien sind flach. Der Eintritt ist für jeden möglich. Wer will, kann sich einfach melden. Und wird in der Regel gleich eingesetzt.

Es ist ein anderes Modell als jenes, das man vom Westbahnhof kennt. Dort hat schnell die Caritas die Organisation übernommen, ihre Erfahrung ausgespielt, Netzwerke aktiviert – publikumswirksame Auftritte von Präsident Michael Landau inklusive. Am Hauptbahnhof, wo auch immer wieder Züge mit Flüchtlingen ankommen, hat das zivilgesellschaftliche Kollektiv das Kommando übernommen. „Und das“, sagt Pöschl, „lassen wir uns auch nicht mehr wegnehmen.“ Es habe ein gewisses Misstrauen gegeben vorher. Die ÖBB hofften insgeheim, mit der Caritas einen bekannten und berechenbaren Partner zu haben. Und es gab Murren, als die Organisation dann wirklich die eine oder andere Aufgabe übernahm. Doch mittlerweile sei man im besten Einvernehmen. Sagt Pöschl. Sagt aber auch die Caritas.

Thomas Preindl hat schon viel miterlebt. Als Spezialist für Krisenfälle hat er mit der Caritas unter anderem nach dem Erdbeben in Haiti geholfen, zuletzt in Nepal. Er ist Caritas-Koordinator für den Hauptbahnhof, verantwortlich unter anderem für das Schlafquartier, das in einem für Fahrräder gedachten Raum eingerichtet wurde. Er ist klare Strukturen gewohnt. An die anarchisch anmutende Organisation von Train of Hope musste er sich zunächst gewöhnen. Doch nun arbeite man gut zusammen – und mancher Helfer, der heute im Bettenraum der Caritas steht, hat am Tag davor noch bei Train of Hope mitgemacht.


Enorme Wellenbewegung. Obwohl es rund um und auf dem Bahnhof wuselt, ist der Samstag ein verhältnismäßig ruhiger Tag. Nur einige Dutzend Flüchtlinge kauern am hinteren Ende des Bahnhofs, dort, wo es keine Geschäfte mehr gibt. Wie es hier in den nächsten Tagen weitergeht, weiß niemand. Spärlich sind die Informationen, die aus Ungarn nach Österreich tröpfeln.

3000 Flüchtlinge würden bis zum Abend nach Nickelsdorf kommen, schätzte die burgenländische Polizei am Samstagnachmittag. Aber bei dieser verhältnismäßigen Ruhe werde es wohl nicht bleiben – Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil rechnet mit einer neuen, wie er es nannte, „enormen Wellenbewegung“. Jüngste Schätzungen von 40.000 Flüchtlingen, die in Richtung Österreich unterwegs sein könnten, würden ihn aber nicht schrecken. Für die Helfer am West- und auch am Hauptbahnhof bedeutet das vor allem eines: Es wird auch weiter wuseln. Für Train of Hope wird es also genug Arbeit geben – Selbstbewusstsein dafür hat man mittlerweile: Pöschl: „Wir wollen uns offiziell als Verein gründen und zur NGO werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2015)

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