Islamexperte: "Europäischer Islam" als Strategie gegen den IS

Islamexperte Rüdiger Lohlker über Österreichs Rolle bei Jihadisten und warum in Europa der indonesische Islam bekannter werden sollte.

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Rüdiger Lohlker beschäftigt sich mit Gegenkonzepten zur IS-Propaganda. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Sie sind Jihadismusexperte. Fürchten Sie sich vor Anschlägen, wenn Sie in Österreich mit der U-Bahn fahren?

Rüdiger Lohlker: Nein. Aber dass irgendwann auch in Österreich etwas passieren wird, damit muss man rechnen. Das gilt für alle europäischen Länder. Die Wahrscheinlichkeit ist in Österreich aber eher geringer.

In Österreich sitzen derzeit 40 Jihadisten in Haft, vier davon werden direkt mit den Paris-Attentätern in Verbindung gebracht. Welche Rolle spielt Österreich bei Jihadisten?

Es hatte lange Zeit die Funktion des Transitlands, etwa wegen der Reiseroute von Norddeutschland über Wien nach Bosnien. Die Leute haben in Wien Zwischenhalt gemacht und sind dann weitergereist oder -geschleust worden. Eine einheimische jihadistische Sympathisantenszene ist dazugekommen und in den letzten Jahren auch noch die Szene der Rückkehrer.

Unternimmt die Polizei genug gegen potenzielle Terroristen?

So viel sie kann. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass es dafür mehr Leute braucht. Doch bisher war Österreich eigentlich sehr erfolgreich. In der Verhinderung, aber auch in der Prävention.


Dem Land wird doch immer vorgeworfen, zu wenig zu tun.

Ja, aber man bemüht sich. Ich bin selbst im Radicalisation Awareness Network der EU tätig. Im europäischen Vergleich sind wir nicht schlecht. Wir haben Jugendarbeiter, die sich langsam koordinieren. Wir haben in der Stadt Wien das Deradikalisierungsnetzwerk. Wir haben von schulischer Seite intensive Anstrengungen. Es ist ja nicht nur die Extremismus-Hotline, sondern auch Interventionsarbeit, die angefordert wird. Es beginnt die Arbeit in den Gefängnissen. Vorarlberg baut Strukturen auf. Es passieren viele Dinge, die nicht öffentlichkeitswirksam sind.

Was treibt Jugendliche zum Islamischen Staat (IS, Anm.)?

Die Faszination für Gewalt, für eine Alternative zur westlichen Gesellschaft. Und, dass jemand, der in der Gesellschaft keine große Rolle gespielt hat, plötzlich eine bekommt. Eventuell kommt er sogar in die Zeitung. Da muss man früh mit dem Fußballtraining angefangen haben, um so einen Bekanntheitsgrad zu erreichen.

Der IS mobilisiert durch das Internet. Welche Videos und Botschaften sind im Trend?

Brüssel und Somalia. Im Moment ist der einstürzende Eiffelturm sehr berühmt. Die IS-Videos sind enorm dynamisch. Das reißt mit, wenn man es nicht analysiert. Und was wichtig ist: Eine Frau ist nirgends zu sehen.

Wie sollen wir als Medien über so etwas berichten?

Mit Kurzmeldungen. Es ist fatal, das Video mit dem einstürzenden Eiffelturm in Medien zu finden. Das unterstützt die Terroristen.

Heißt das, Medien sollten nicht über Anschläge berichten?

Doch. Aber die Frage ist, ob ich im Detail darauf eingehe und den Attentätern ein Gesicht gebe. Entpersonalisieren, das wäre wichtig.

Gerade in Gefängnissen werden viele Menschen radikalisiert.

Ja, die Gefahr ist nicht gering zu schätzen. In manchen europäischen Ländern werden jihadistische Rückkehrer deshalb isoliert. Die Idee ist nicht schlecht. Wenn sie mit anderen Gefangenen reden, haben sie sofort einen Bonus, weil sie Staatsfeinde sind.

Braucht es Muslime für die Deradikalisierungsarbeit?

Auf jeden Fall. Bei der Prävention spielt Religion keine Rolle. Da geht es um soziale oder familiäre Probleme. Bei der Deradikalisierung brauche ich aber jemanden, der sich auch mit dem Islam auskennt.

Was kann man aus theologischer Sicht gegen den IS tun?

Was wir gerade an der Uni Wien mit indonesischen Kollegen entwickeln: eine Gegenpräsenz. Einen toleranten Islam, der Pluralismus, Demokratie und ein weltliches Konzept akzeptiert. Einen europäischen Islam.

Aber wie entwickelt man diesen?

Er existiert schon in Indonesien, dem größten islamischen Land der Welt. Aber das ist wenig bekannt. Wir haben dort hoch qualifizierte islamische Gelehrte, die aber nicht online sind. Die Idee ist, kleine Formate mit zehn bis 20 Seiten zu entwickeln, Flyer und Videos, die die Botschaft vermitteln: Es gibt einen anderen Islam. Unser Forschungsprojekt wird vom Innenministerium unterstützt. Es wird im September auch eine Konferenz in Wien geben.

Wann gibt es Ergebnisse?

Hoffentlich im nächsten Monat, weil wir gerade Übersetzungsarbeiten leisten. Alles wird auf Arabisch mit Untertiteln gestaltet. Insgesamt ist es ein sunnitischer Islam, mystisch-sufisch geprägt.

ZUR PERSON

Rüdiger Lohlker ist Professor für Islamwissenschaften an der Uni Wien (Institut für Orientalistik). Er zählt zu den führenden Islamwissenschaftlern im deutschsprachigen Raum und hat sich lang schwerpunktmäßig mit jihadistischer Propaganda beschäftigt. Vor Kurzem erschien sein Buch „Die Theologie der Gewalt am Beispiel IS“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2016)

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