Gesamtschule? „Ganztagsschule hat Priorität“

Bei der Matura werde nichts beschönigt, sagt Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ). Lehrer sollen so viel wie möglich unterrichten. Flüchtlingsklassen gebe es, solange sie nötig sind. Und sie ist weiter für Zugangsregeln an den Unis.

Sonja Hammerschmid
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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Dass die Resultate der Zentralmatura noch nicht veröffentlicht wurden, sorgt für Unmut. Manche hegen den Verdacht, dass etwas beschönigt werden soll.

Sonja Hammerschmid: Nein. Wir warten auf die Rückmeldungen der Schulen. Und es gibt noch die Kompensationsprüfungen, die Teil der schriftlichen Prüfung sind und bei denen Fünfer ausgebessert werden können.

Im Vorjahr wurden die Ergebnisse davor bekannt gegeben. Nun erst Ende Juni.

Wir geben sie so bald als möglich heraus. Wenn sie alle da sind und wenn sie validiert und geprüft sind, werden wir darüber reden.

Und man wird dann auch erfahren, wie die erste schriftliche Klausur ausfiel.

Ja. Aber wir wollen, dass die Schüler jetzt in Ruhe ihre Matura absolvieren können.

Es scheint aber großen Bedarf an Information zu geben. Die Schüler haben eine Umfrage gemacht, Eltern werden aktiv . . .

Es gibt Schulen, an denen die Matura wunderbar funktioniert hat, und Schulen, an denen es Probleme gab. Mir tut es leid, dass so viele bruchstückhafte Informationen unterwegs sind. Das erzeugt einfach Unruhe.

Sie sind in die Politik gegangen, weil Sie gestalten wollen. Jetzt müssen Sie angefangene Projekte fertig machen. Ist das nicht ein bisschen unbefriedigend?

Der „Nationale Bildungsbericht“, der gerade erschienen ist, ist ein wunderbares Einstandsgeschenk, um darauf aufzubauen.

Die Bildungsreform ist aber längst paktiert. Damit müssen Sie jetzt arbeiten.

Da ist viel drin, was ich mittragen kann. Jetzt geht es darum, es mit Leben zu füllen und die Maßnahmen zu den Kindern zu bringen.

Wo fangen Sie an?

Ein Paket, mit dem ich beginnen will, ist Elementarpädagogik. Alle Maßnahmen, die wir da setzen, sind höchst effektiv. Deutsch ist die Drehscheibe. Wenn wir bei Sprachförderung ansetzen, können Kinder leichter dem Unterricht folgen und lernen schnell und gut.

Es gibt immer mehr Flüchtlingsklassen, die die SPÖ lang als Ghettoklassen abgelehnt hat, 17 allein in Wien. Ist das gut so?

Natürlich ist es immer besser, die Kinder in gemischte Klassen zu integrieren. Das ist auch unser Ziel. Aber es gibt ein Problem bei der Verteilung der Flüchtlingskinder, auf das wir nur mittelbar Einfluss haben.

Mittelfristig gibt es weiter eigene Klassen?

Solange es nötig ist, müssen wir sie beibehalten. Wenn es nicht verhinderbar ist, muss man unterstützen. Da kommt die Mittelverteilung ins Spiel: Wo es erhöhten Förderbedarf gibt, braucht es zusätzliches Personal.

144 Millionen Euro werden nun nach sozialen Kriterien an besonders geforderte Schulen vergeben. Soll das mehr werden?

Wir konzentrieren uns jetzt einmal auf die Verteilung dieser Mittel für Integration. Aber natürlich trachten wir danach, generell die Mittel chancengerechter zu verteilen.

Das könnte heißen: Wien bekommt mehr Geld, Oberösterreich weniger als bisher.

Es soll überall dort mehr Geld geben, wo die Herausforderungen besonders groß sind.

Und wenn es weniger gibt, weniger Geld.

Das wäre der Umkehrschluss.

Was Sie auch angehen wollen, ist Autonomie. Nach fünf Jahren an der Spitze einer autonomen Uni: Ist die Autonomie, die die Schulen bekommen sollen, nicht läppisch?

Diese volle Autonomie ins Leben zu bekommen, war bei den Unis auch ein Monsterprogramm. Umso wichtiger ist, dass man diese Autonomie sukzessive einführt.

Viele Direktoren meinen: Was die Autonomie jetzt erlauben soll, tun sie schon lang.

Flächendeckend ist das in der Ausgeprägtheit noch nicht der Fall. Genau deshalb wollen wir die Autonomie stark forcieren.

Die geplanten Bildungsdirektionen statt der Landesschulräte dürften kaum Verbesserungen bringen. Ist es eine Option, sie beiseitezulassen und sich auf die anderen Punkte zu konzentrieren?

Das ist genau meine Herangehensweise. Bei der Schulverwaltung liegen Daten und Modelle vor, unter anderem vom Rechnungshof, von der OECD. Die werden wir diskutieren.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass man die Schulverwaltung wieder aufschnürt.

Hier werde ich mit dem Koalitionspartner die beste Lösung anstreben.

Hat die Gesamtschule für Sie Priorität?

Für mich hat eine Schule mit verschränkter Ganztagsbetreuung Priorität. Dass die Kinder bestmöglich betreut werden, in der Schule alles erledigen können, was Schule anbelangt, und zu Hause dann Familie leben können.

Und das soll für alle verpflichtend sein?

Das Angebot muss ausgeweitet und von den Eltern gern angenommen werden. Wir müssen sie überzeugen, dass das der beste Weg ist, um das Kind zu fördern. Das nehmen jetzt vor allem höher gebildete Eltern an. Wir müssen auch die weniger gebildeten Eltern motivieren, ihr Kind in der Schule zu lassen.

Die Gesamtschule hat nicht Priorität: Ist das nicht eine Abkehr von der SPÖ-Linie?

Es heißt nicht, dass das nie angegangen wird.

Wie sieht es mit den Modellregionen aus?

Das gilt es umzusetzen.

Im Bildungsressort fehlen 550 Millionen Euro. Wie soll das gelöst werden?

Kanzler und Vizekanzler haben erklärt, dass Bildung eines der Themen ist, auf denen die Priorität liegt. Und ich gehe davon aus, dass sich das budgetär niederschlagen wird.

Ist die Lehrerarbeitszeit tabu?

Zentral sind gute Rahmenbedingungen für die Lehrer, damit sie bestmöglich und so viel wie möglich unterrichten können. Derzeit müssen sie viel Verwaltungsarbeit erledigen.

Wenn sie besser unterstützt werden, sollen sie dann auch mehr Stunden lehren?

Das werden wir mit den Partnern dann entsprechend zu verhandeln wissen.

Haben Sie Angst vor der Gewerkschaft?

Nein. Wenn wir das Ziel – die beste Bildung – ins Zentrum stellen, finden wir eine Lösung.

Bei den Uni-Zugangsbeschränkungen sind Sie ja eher auf ÖVP-Linie. Haben Sie vom Kanzler da ein Sprechverbot bekommen?

Natürlich gibt es kein Sprechverbot, aber ich bin nicht auf ÖVP-Linie. Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass das richtig ist.

Wenn das in der Regierung diskutiert wird: Werden Sie Ihre Stimme erheben, oder sagen Sie dem Parteifrieden zuliebe nichts?

Es ist nicht ursächlich meine Aufgabe. Aber ich werde meine Meinung weiter vertreten. Denn die aktuelle Situation an den Unis geht gerade zulasten der sozial Schwächeren.

ZUR PERSON

Sonja Hammerschmid (47) ist seit dem 18. Mai Bildungsministerin für die SPÖ. Die promovierte Molekularbiologin war seit 2010 Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität. Seit Jänner war sie Präsidentin der Universitätenkonferenz. Davor war die Mühlviertlerin in der Forschungs- und Wirtschaftsförderung tätig. Als Bildungsministerin ist sie die Spiegelministerin für das Wissenschaftsressort von Reinhold Mitterlehner (ÖVP).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2016)

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