Die verschollene grüne Kandidatin

Ulrike Lunacek ist in den drei Wochen seit ihrer Kür fast völlig abgetaucht. Das Krisenmanagement machten andere, die Bühne in der Öffentlichkeit gehörte Pilz.

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APA/HERBERT NEUBAUER

Starke politische Ansagen waren von vorneherein nicht zu erwarten. Aber am Sonntagabend  war die grüne Spitzenkandidatin bei der Nationalratswahl, Ulrike Lunacek, immerhin als Gast bei einer Veranstaltung angesagt. Mit den grünen Frauen in Wien stand in einem Cafe im vierten Gemeindebezirk Public Viewing zum Auftakt der Europameisterschaft im Frauenfußball auf dem Programm. Heute, Montag, ist die grüne EU-Abgeordnete ab 20.15 Uhr auf Plus 4 bei Corinna Milborn zu Gast im Sommergespräch.

Vor gerade einmal drei Wochen ist Lucanek mit breiter Unterstützung der Delegierten beim grünen Bundeskongress in Linz zur Spitzenkandidatin für die Wahl am 15. Oktober gewählt worden. Drei Wochen lang war sie seither mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen in der innenpolitischen Debatte komplett abgemeldet.

Ihre Absenz fiel angesichts der Umtriebigkeit der Parteichefs ihrer Mitbewerber im längst angelaufenen Kampf um Wählerstimmen besonders auf. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) und Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) waren auf dem internationalen Parkett aktiv, im Parlament oder bei lupenreinen Wahlkampfaktionen in Pflegeheimen. Auch die konkurrierenden Oppositionsparteien waren ungleich aktiver. FPÖ-Parteiobmann Heinz Christian Strache nützte die Gelegenheit, um aus Anlass des Doppelmordes in Linz vor den Gefahren des Islamismus zu warnen. Neos-Chef Matthias Strolz stellte Ex-Bundespräsidentschaftskandidat Irmgard Griss als Zugpferd auf der pinken Liste und ein Wahlprogramm bei der zweitägigen Mitgliederversammlung vor.

Zwei Grüne im Einsatz

Bei den Grünen gehörte die politische Bühne einem, der bestenfalls als zusätzlicher Konkurrent ins Rennen geht: Peter Pilz. Nach dem Abgang von Parteichefin  Eva Glawischnig Mitte Mai wurde die Führung auf drei Leute aufgeteilt. Zwei davon waren – unfreiwillig – zur Schadensbegrenzung wegen des Abschieds von Pilz im Einsatz: Parteichefin Ingrid Felipe und vor allem Klubobmann Albert Steinhauser.

Felipe, in Tirol unumstrittene grüne Vizelandeshauptfrau, zeigte schon wenige Tage nach ihrer Wahl beim Grünen-Kongress am 25. Juni wegen des Hypes um Pilz Nerven. „Mir geht das schon so auf den Zeiger, wie jetzt auf den Grünen herumgehackt wird“, lautete ein Facebook-Eintrag. Steinhauser blieb die Aufgabe, die Scheidung im Klub von Pilz zu bestätigen.

Korb von Pilz bekommen

Und Lunacek? Die grüne Spitzenkandidatin hielt sich zuletzt bewusst aus den Scheidungswehen um Pilz heraus. Unmittelbar nach ihrer Wahl hatte sie noch versucht, ihn mit dem Angebot einer Vorzugsstimmenkampagne zu locken – und bekam einen Korb. Eine Woche später äußerte sie in Ö 3 ein letztes Mal die Hoffnung, dass sie doch noch von Pilz, wie von ihm ursprünglich angekündigt, als Spitzenkandidatin unterstützt werde. Danach – und das sind immerhin zwei Wochen – herrschte innenpolitisch völlige Sendepause. Auf EU-Ebene äußerte sie sich gelassen zu den Ausfällen von Kommissionspräsident Jean Claude Junker im Europaparlament.

Dann wurde sie noch bei zwei Veranstaltungen angeführt, die für eine Grüne zur Imagepflege gehören. Die Volkshilfe-Nacht gegen Armut im Wiener Rathaus Ende Juni  war für die grüne Spitzenkandidatin neben Sozialminister Alois Stöger und Kanzleramtsstaatssekretärin Muna Duzdar (beide SPÖ) ein Fixpunkt. Außerdem schien sie in der Vorwoche noch als Gast bei der Sommerakademie des Österreichischen Studienzentrums Frieden und Konfliktforschung auf Burg Schlaining im Burgenland auf.

Im Parlament konnten die Grünen, allerdings nicht Lunacek als Person, den prestigeträchtigen Erfolg verbuchen, die rotschwarze Koalition gesprengt zu haben. Mit der SPÖ wurde gegen die Stimmen der ÖVP die Erhöhung der Universitätsbudgets beschlossen. Das war es aber auch schon. Sonst herrschte drei Monate vor der Nationalratswahl von Seiten Lunaceks und der Grünen auch inhaltlich die große Flaute. Meinungsforscher sagen den Grünen mit Lunacek Verluste voraus. Dabei war ihre Ausgangslage angesichts des Dreikampfs Kern-Kurz-Strache von vorneherein wenig rosig.

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