Leitenberger: "Die Kirche muss missionarisch sein"

Erich Leitenberger, der langjährige Pressemann der Erzdiözese Wien, spricht über das Gesudere der Menschen, über neue Lebensformen, die Antwort der Kirche und die Grundfragen der Menschheit.

Erich Leitenberger
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Erich Leitenberger
(c) Michaela Bruckberger

„Die Presse“: Der Optimismus in unserem Land ist nicht sehr ausgeprägt. Das wird auch zu Weihnachten und zum Jahreswechsel deutlich. Warum eigentlich?

Erich Leitenberger: Es ist eine traurige Geschichte, dass die Österreicher generell dazu neigen, weit über die objektiven Umstände hinaus, ein bisserl nöglerisch zu sein. Es hat schon ein treffendes Wort eines früheren Bundeskanzlers gegeben: Er möchte kein Gesudere hören. Also das Nörgeln und das „Herumsudern“ ist recht österreichisch.

Gibt es auch einen Grund, dass man skeptisch ist und die Unzufriedenheit zum Ausdruck bringt?


Leitenberger: Also wenn man die Geschichte der letzten 60 Jahre betrachtet, haben die Österreicher keinen Grund dazu. In dieser Zeit ist die österreichische Geschichte stetig aufwärts gegangen.

Aber woran könnte dann die Raunzerei liegen?

Leitenberger: Vielleicht ist es irgendeine alte historische Tradition, die sich an diesem Skeptischsein orientiert. Es gibt ein altes Wiener Sprichwort: „Wer weiß, ob es wahr ist. Und wenn es wahr ist, ob ich es glauben muss.“

Österreich gilt – oder galt – doch als konservatives Land.

Leitenberger: Ich glaube, dass Österreich nach wie vor im Vergleich zu anderen europäischen Ländern viele – und zwar positive – Erscheinungsmerkmale des menschlichen Zusammenlebens bewahrt hat.

Welche zum Beispiel?

Leitenberger: Zum Beispiel wird in Österreich die Ehe hoch geschätzt. Auch wenn es viele Scheidungen gibt. Aber prinzipiell wird sie hoch geschätzt, das sieht man bei allen Umfragen unter jungen Österreichern. Da ist es eines der ersten Ziele, eine geglückte Ehe zu führen.

Sie waren 35 Jahre Medienmann der Erzdiözese Wien. Da muss sich in den vergangenen Jahrzehnten doch einiges geändert haben.

Leitenberger: Ja und nein. Die Erzdiözese umfasst auch die Hälfte Niederösterreichs. Aber wenn wir uns konzentrieren auf die Bundeshauptstadt: Wien war immer eine stark säkularisierte Stadt, nicht seit heute, nicht seit gestern, sondern mindestens seit der Wende zum 20. Jahrhundert. Wahrscheinlich schon vorher.

Aber jetzt nimmt diese Entwicklung rapid zu.

Leitenberger: Sie nimmt zu, aber es ist sozusagen nichts dramatisch Neues. Es ist etwas, was in der „Wiener Tradition“ liegt. Daher glaube ich, dass es im Verhältnis der Kirche zu den Wienern nichts dramatisch Neues gibt, wohl aber gibt es einen Akzent, den jetzt Kardinal Schönborn sehr stark betont: Nämlich, auf die Suchbewegungen der Menschen einzugehen.

Der Mensch ist auf der Suche . . .


Leitenberger: . . . auf der Suche nach den Antworten auf drei Grundfragen, die Kardinal König unwiederholbar formuliert hat: Woher komme ich, wohin gehe ich, wozu ist mein Leben? Auf diese drei Fragen wollen die Leute Antworten, auch wenn sie das – etwa, wenn sie jünger sind – nicht immer so ausdrüs-9;0cken, in späteren Jahren aber auf jeden Fall. Das ist eine der interessanten Suchbewegungen unserer Zeit. Dieser Bewegung möchte die Kirche in Wien – und das ist eine der großen Intentionen von Kardinal Schönborn – Antworten geben.

Da steht die Kirche aber in Konkurrenz mit der Jugendkultur, mit Internet und neuen Lebensformen.


Leitenberger: Ich glaube nicht, dass die Kirche in Konkurrenz zu einer der Erscheinungen der Gegenwartskultur steht. Weil ich glaube, dass sich die Kirche auch dieser Methoden der Gegenwartskultur bedienen muss, um Antwort zu geben. Das gilt auch für YouTube, das gilt für alle Aspekte des Internets. Dort muss die Kirche anwesend und gegenwärtig sein.

Hat sich in den vergangenen 35 Jahren auch einiges zum Positiven geändert?

Leitenberger: Ich glaube, dass sich eines zum Positiven verändert hat: Man nimmt jetzt viel ernster als früher, dass die Kirche eine missionarische Kirche sein muss.

Klingt missionarisch nicht etwas aggressiv?


Leitenberger:
Nein, überhaupt nicht. Sondern: In einem großen Respekt vor den Überzeugungen anderer Menschen muss man ihnen auch den Weg des Evangeliums anbieten. Es ist kein Zufall, dass im Rahmen des großen Missionsprozesses „Apostelgeschichte 2010“ dieses Wort aus der Apostelgeschichte „Wovon wir nicht schweigen können“ eine große Rolle spielt. Wir können nicht schweigen von den Erfahrungen, die wir in unserem kirchlichen Leben gemacht haben.

Die katholische Kirche befindet sich aber in einem permanenten Abwehrkampf: gegen die Abtreibung, gegen die Pille danach, gegen das Abnehmen der Kreuze in der Schule, gegen die Homosexuellenehe. Die Kirche scheint immer nur gegen etwas zu sein.


Leitenberger: Ich würde das anders sehen. Die Kirche ist nicht gegen etwas, sie ist für etwas. Nämlich für ein geglücktes Leben. Das ist das zentrale Anliegen der Kirche. Wenn wir über das Thema Abtreibung sprechen: Schon vor mehr als 35 Jahren hat sich die Kirche – damals mit Kardinal König – sehr klar gegen die Abtreibung ausgesprochen. Kardinal König hat auch damals bereits daran erinnert: Wenn man am Anfang des Lebens die Dinge sozusagen infrage stellt, dann muss man damit rechnen, dass man das auch am Ende des Lebens infrage stellt. Er war auch der einzige Vorsitzende einer europäischen Bischofskonferenz, der an der Spitze einer Protestdemonstration gegen die Einführung der Fristenregelung auf die Straße gegangen ist.

Wenn man sich den Nationalrat anschaut, dann tritt nicht eine einzige Abgeordnete, nicht ein einziger Abgeordneter gegen die Abschaffung der Fristenlösung auf.


Leitenberger: Unser Problem ist nicht die Frage: Soll man die Fristenregelung abschaffen oder nicht? Hier sind wir eigentlich auf den Spuren des einstigen Bundeskanzlers Kreisky, der vor 35 Jahren sagte, es ist nur eine sehr arme oder sehr ungebildete Gesellschaft, die auf die Abtreibung als Methode der Geburtenregelung zurückgreift. Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt. Zudem ist es erstaunlich, dass es bei uns immer noch keine genaue Erfassung der Zahl der Abtreibungen und Erfassung der Motive gibt, obwohl es damals versprochen wurde.

Österreich gilt, wie Sie sagen, als eines der reichsten Länder, dennoch fehlt es an alle Ecken und Enden an Geld. So, wenn man an unser Sozialsystem denkt, an Auffangsysteme, an die Bildung, an die Kulturförderung, da hat ja auch die Kirche angesichts der Erhaltung vieler Kulturdenkmäler Anliegen. Das ist doch ein Widerspruch: Reich auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite scheint es an Mitteln zu fehlen.

Leitenberger: Reich auf der einen Seite, und auf der anderen Seite ist die Bereitschaft zum Teilen offensichtlich relativ gering. Das betrifft sicher auch die Erhaltung der österreichischen Kulturdenkmäler. Hier ist es eine merkwürdige Situation, dass die Kirchen und Klöster mehr an Mehrwertsteuer für denkmalschutzorientierte Aufgaben zahlen müssen, als es pro Jahr an Unterstützungsmaßnahmen des Bundes für Denkmalschutzaufgaben der Kirche gibt.

Offensichtlich mangelt es auch am Verständnis der Politiker, die sich nach der breiten Masse orientieren.

Leitenberger: Ich glaube, dass der Politik in Österreich dieser Aspekt einfach zu wenig bewusst ist. Obwohl die Frage Denkmalschutz und Kirche vor Jahrzehnten in Diskussion gebracht wurde. Es ist aber nicht nur diese Frage, sondern es ist genauso auch die Frage: Was tun wir in Österreich – das ist eine Frage an jeden Bürger –, um den Schutz des Lebens von der Zeugung an zu unterstützen? Was tun wir, um jungen Frauen, die bedrängt werden, zu helfen, Ja zu ihrem Kind zu sagen?

Die Kirche zeigt großes Verständnis für die Immigration, und zwar ein größeres als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Leitenberger: Man muss zugeben, dass es in Österreich – wie in anderen westlichen Ländern – ein Manko an Geburten gibt. Um den österreichischen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, bedarf es der Zuwanderung. Man muss es ganz klar so sagen, das ist etwas, was jeden Österreicher betrifft. Wir brauchen Zuwanderung. Österreich ist in den letzten 30 Jahren ein Zuwanderungsland geworden. Nicht nur Österreich, sondern die meisten westeuropäischen Länder. Das ist eine nüchterne Tatsache, mit der muss man sich auseinandersetzen. Der Sozialethiker Johannes Schaschnig hat darauf hingewiesen, dass es im Laufe der Geschichte immer wieder Versuche gegeben hat, Zuwanderung abzuweisen. Das war der römische Limes oder die chinesische Mauer, beides hat die Länder sehr viel Geld gekostet, aber nichts hat genützt.

Zur Minarettdiskussion: Sollte es so viele Minarette geben, wie von den Muslimen gewünscht werden?

Leitenberger: Erstens: Wir haben Gott sei dank Religionsfreiheit. Die anerkannten Religionsgemeinschaften können Gotteshäuser errichten. Zweitens: Bauvorschriften gelten selbstverständlich auch für Gotteshäuser. Drittens: Man muss in der Umgebung, in der man bauen will, in einen ordentlichen Gesprächsprozess eintreten. Viertens: Wenn muslimische Freunde wollen, dass sie hier in Österreich eine Moschee bauen, dann müssen sie sich auch dafür einsetzen, dass es in ihren Ursprungsländern ähnliche Rechte für Christen gibt.

Ist ein Minarett am Rande des Wiener Stephansplatzes denkbar?

Leitenberger: Das Problem stellt sich nicht, niemand will auf dem Stephansplatz ein Minarett bauen.

Bisher erschienen: Eva Dichand (7. 12.) und Eser Akbaba (21. 12.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2009)

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