Die Quartiere der Asylwerber

Traiskirchen, Thalham, Reichenau: Im Vorjahr gab es rund 14.000 Asylanträge.

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(c) APA

WIEN. Wenn der Durchschnittsösterreicher den Namen Traiskirchen hört, dann denkt er nicht an eine niederösterreichische Kleinstadt, 20Kilometer südlich von Wien, sondern an das Flüchtlingslager Traiskirchen, das im Volksmund nicht eben positiv behaftet zu sein scheint. Es entstand im Jahr 1956 als Folge des Ungarn-Aufstandes und wurde mittlerweile in „Betreuungsstelle Ost“ umgetauft.

Derzeit sind 735 Asylwerber in der 17.000-Einwohner-Stadt untergebracht, die meisten stammen aus Afghanistan. Es gab allerdings schon Zeiten, da mussten sich bis zu 2000 Personen den Platz in der früheren Kadettenanstalt teilen.

Doch Traiskirchen ist auch so die mit Abstand größte „Bundesbetreuungsstelle“ Österreichs. Die zweitgrößte im oberösterreichischen Sankt Georgen/Thalham beherbergt aktuell rund 120 Asylwerber. Etwas weniger, nämlich gut 80, sind in Reichenau an der Rax (Niederösterreich) einquartiert. Viele Neuankömmlinge warten auch in Privatquartieren auf den Asylbescheid.

Die Erstaufnahmestelle im burgenländischen Eberau würde sich mit 300 Asylwerbern größenmäßig zwischen Traiskirchen und Thalham einreihen. Das steirische Vordernberg darf hier nicht dazugezählt werden, denn dort ist ein Zentrum für Schubhäftlinge in Planung.

 

„Sozial unverträglich“

Insgesamt zählte das Innenministerium im vergangenen Jahr (Stand Ende November) 14.372 Asylanträge. Die meisten Werber stammen aus der Russischen Föderation bzw. aus Tschetschenien. Doch die Zahl ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen: 2002 suchten noch fast 40.000 Personen um Asyl an. Der Zustrom hänge einerseits „von der geopolitischen Lage“ ab, sagt Ministeriumssprecher Rudolf Gollia. Andererseits seien die Verfahren „beschleunigt“ worden.

Wozu Österreich dann eine weitere Erstaufnahmestelle brauche? Erstens könne die Zukunft nicht antizipiert werden, meint Gollia, und zweitens gehe es um eine Entlastung der bestehenden Zentren.

Die Bürgerinitiative „zur Verhinderung des Asylerstauffanglagers in Eberau“ reibt sich inzwischen vor allem an der Zahl 300. Sie sei nicht per se gegen das Projekt, versichert Obmannstellvertreter Friedrich Sladek der „Presse“. Ihr gehe es um das Verhältnis zwischen Einwohnerzahl und Asylwerbern, das in Eberau „sozial unverträglich“ wäre.

Die Rechnung geht so: In Traiskirchen seien weniger als fünf Prozent der Einwohner Asylwerber, in Thalham (4400Einwohner) sogar nur etwas mehr als drei Prozent. In Eberau und Kulm (dem eigentlichen Standort) hingegen – die anderen drei Ortsteile seien zu weit entfernt – stünden 500 Einwohner 300 Asylwerbern gegenüber. Das wären dann 60Prozent der Bevölkerung. „Und dagegen verwehren wir uns.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2010)

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