Kärntner Volksabstimmung: Kampf um die Herzen am Fuß der Karawanken

In der Propaganda schlugen sich die Österreicher sensationell gut. Jeder zweite Kärntner mit slowenischer Umgangssprache stimmte am 10.Oktober 1920 für Kärntens Einheit.

Kampf Herzen Fuss Karawanken
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(c) Archiv

Ganz neue Töne kommen aus Kärnten: Zwei Jahre nach dem tödlichen Autounfall Jörg Haiders senden seine Nachfolger zarte Signale in Richtung Wien: Die unendliche Geschichte rund um zweisprachige Ortstafeln in mehreren Kärntner Gemeinden könnte zu einem guten Ende finden. Bleibt zu hoffen, dass die Annäherung bisher unversöhnlicher Standpunkte nicht nur der großen Landesfeier am morgigen Sonntag geschuldet ist, um den geplanten Festumzug vor den Spitzen der Republik nicht zu gefährden.

Der 10.Oktober ist zu Recht seit dem Jahr 1921 Kärntens Landesfeiertag. 1920, vor neunzig Jahren, entschied sich die Bevölkerung im heutigen südlichen Teil des Bundeslandes mehrheitlich für den Verbleib beim Bundesstaat Österreich und gegen den Anschluss an das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ (SHS). In einer geheimen Volksabstimmung, der ein unglaubliches Trommelfeuer an Agitation vorausging. Heutige Wahlkämpfe sind ein lindes Lüfterl gegen die Emotionen, die damals beiderseits entfacht wurden. Mit heißem Herzen kämpften Österreicher und Südslawen um jede einzelne Stimme in der Abstimmungszone – wochenlang, mit allen damals bekannten Mitteln der Propaganda.

 

Kärnten griff zu den Waffen

Aber wie kam es zu diesem Volksentscheid? Wieso erhielten ausgerechnet die Kärntner diese Chance, ihr Selbstbestimmungsrecht auszuüben? Das gab es sonst nirgends in Europa: Südtiroler hatten diese Möglichkeit ebenso wenig wie die Untersteirer, die Kanaltaler, die Unterkärntner, die Sudetendeutschen, die Schlesier.

Sie alle wurden nach Ende des Ersten Weltkrieges und dem Kollaps der österreichisch-ungarischen Monarchie von den Nachbarn im Friedensvertrag zu St.Germain vom 10.September 1919 den Nachbarstaaten einfach einverleibt – eine gröbliche Verletzung des so gepriesenen „Selbstbestimmungsrechts der Völker“. Unter Protest zwar, aber ohne Gegenwehr der betroffenen Bevölkerung. Lediglich die Kärntner hatten zuvor schon zu den Waffen gegriffen.

 

Ferlach, Völkermarkt besetzt

Denn der neue südslawische Staat hatte voreilig gehandelt. Um seine territorialen Ansprüche auf Kärnten sicherzustellen und noch vor einem Friedensvertrag klare Fronten zu schaffen, fielen am 5.November 1918 SHS-Truppen ins Rosental und ins untere Gailtal ein. Ferlach und Völkermarkt wurden besetzt. Treibende Kraft war – so wie bei der Annexion der Untersteiermark mit Marburg und Cilli – der frühere k.u.k. Offizier Rudolf Maister, der sich nun – als glühender Nationalist – „Majster“ nannte. Die Kärntner Landesregierung wich vorsorglich nach Spittal an der Drau aus.

Einen Monat später beschloss die provisorische Kärntner Landesregierung unter Arthur Lemisch den bewaffneten Widerstand. Die provisorische österreichische Regierung konnte den Abwehrkampf offiziell nicht unterstützen, denn das hungernde Österreich war auf Lebensmittellieferungen aus den Nachbarstaaten angewiesen.

Wien schickte allerdings Material und ein kleines Truppenkontingent. Auch der spätere Bundespräsident Franz Jonas kämpfte gegen das südslawische Königreich unter dem Kommando von Oberleutnant Hans Steinacher und dem Landesbefehlshaber Oberstleutnant Ludwig Hülgerth.

Arnoldstein wurde im Jänner 1919 zurückerobert, dann auch Ferlach. Die USA als selbst ernannte Vermittler schritten ein. Am 14.Jänner erzwangen sie einen Waffenstillstand und bildeten eine Kommission unter Oberstleutnant Sherman Miles zur Klärung strittiger Gebietsfragen.

Diese „Miles-Kommission“ empfahl eine Volksabstimmung in dem umkämpften südkärntnerischen Gebiet, wo Deutsche und Slowenen seit Jahrhunderten mehr schlecht als recht miteinander siedelten. Man schuf zwei Zonen – A und B. Zuerst sollte in der südlicheren Zone abgestimmt werden. Hier siedelten vornehmlich Kärntner Slowenen: Bei der letzten Volkszählung 1910 hatten hier 70Prozent Slowenisch als Umgangssprache“ angegeben. Ginge das Votum hier für Österreich aus, dann könnte man sich die Abstimmung in der nördlicheren Zone ersparen. Diese „ZoneB“ hätte dann auch die Landeshauptstadt Klagenfurt betroffen. So war die Ausgangslage. Eine faire demokratische Fragestellung – unter internationaler Beobachtung.

 

Eine wahre Propagandaschlacht

Was dann folgte, war eine Mobilisierung der beiden Volksgruppen in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß. Mit Versprechungen, düsterer Schwarzmalerei und brutalen Drohungen wurde das Landvolk beeinflusst. Vor allem die Slowenen, die für Österreich stimmen wollten, sahen sich einem südslawischen Agitationstrommelfeuer ausgesetzt. Auf einem slowenischen Plakat lockt eine zerlumpte Greisin ein hübsches Kärntner Trachtenpärchen: „Ich mag das alte abgewirtschaftete Österreich nicht. Ich habe das junge reiche Jugoslawien lieber...“

Die deutsche Propaganda setzte auf Bewährtes: „Die Heimat ruft“ – „Auf zur Abstimmung!“ – „Bleibt Kärnten treu!“ Sie musste im Untergrund agieren, weil die ZoneA jugoslawisch okkupiert war. Hier liegt der Wurzelgrund des „Kärntner Heimatdienstes“, der heute nach vielen Jahrzehnten unverrückbarer Gegnerschaft der Aussöhnung mit der slowenischen Minderheit das Wort redet.

 

Belgrad allzu siegessicher

Die Landesregierung hatte ihren Sitz inzwischen außerhalb des Abstimmungsgebietes in St.Veit/Glan aufgeschlagen. Ein Jahr dauerte das Ringen um die Herzen der Menschen. „Jugoslawien“, schrieb die Historikerin Claudia Fräss-Ehrfeld im Sammelband „90 Jahre Republik“, „Jugoslawien übte in dieser Zeit in der ZoneA die vollen staatlichen Hoheitsrechte aus – mittels zweier Bezirkshauptmannschaften in Völkermarkt und in Ferlach, die Laibach direkt unterstellt waren. Die Verbindung zum übrigen Kärnten war abgeschnitten, die Demarkationslinie zum Norden des Landes hermetisch abgeriegelt.“ Dementsprechend siegessicher gab sich auch Belgrad.

Umso erstaunlicher der Erfolg von Lemisch und Steinacher sowie die Haltung der slowenischen Minderheit: Fast jeder zweite Kärntner mit slowenischer Umgangssprache hat für die Einheit Kärntens gestimmt. Ihnen war das gewohnte wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Umfeld offensichtlich wichtiger als die Nation.

 

Ein unstrittiges Ergebnis

Das Ergebnis vom 10.Oktober war klar und eindeutig: Bei einer Wahlbeteiligung von 95,78 Prozent stimmten 22.025 Kärntner für die Landeseinheit, 15.279 für den Zusammenschluss mit dem SHS-Staat.

Der Schock in Belgrad saß so tief, dass es der jugoslawischen Truppe in Laibach befahl, die Abstimmungszone zu besetzen. Ein Ultimatum der interalliierten Botschafterkonferenz in Paris erzwang nach einer Woche den Truppenabzug.

1945 sollte sich diese Gefahr für die Kärntner Landeseinheit übrigens wiederholen. Große Teile Südkärntens (Klagenfurt eingeschlossen) wurden von den kommunistischen Tito-Partisanen besetzt, deutschsprachige Kärntner deportiert oder gleich an Ort und Stelle liquidiert. Britische Truppen beendeten schließlich den Spuk.

Für Europa von Bedeutung bleibt, dass die Volksabstimmung von 1920 die erste demokratische Befragung einer Bevölkerung nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker war. Und dass die Karawanken als Staatsgrenze gesichert blieben. Sie bildeten jahrzehntelang die Grenze im Ost-West-Konflikt zwischen kommunistischen Diktaturen und westlicher Demokratie, später auch die Schengen-Außengrenze.

Auf einen Blick

Für Österreich votierten in der Abstimmungszone A (in Prozent):
Zell Pfarre 3,2
Windisch Bleiberg 20,5
Ludmannsdorf 20,6
Vellach 21,4
Schwabegg 25,0
Feistritz i. Rosental 45,0
St. Jakob i. Rosental 45,7
Globasnitz 46,2
Sankt Kanzian 54,6
Eberndorf 61,1
Köttmannsdorf 62,3
Eisenkappel 67,8
Ferlach 72,5
Bleiburg 75,3
Tainach 85,9
Völkermarkt 83,4
Lavamünd 92,9
Pustritz 96,8

Wer war „General Majster“?

Rudolf Maister war Sohn einer ethnisch gemischten Familie in der Steiermark, wurde von seiner slowenischen Mutter zu einem glühenden Nationalisten er- zogen und ging als „Schlächter von Marburg“ in die Geschichtsbücher ein. Der 1874 Geborene diente als k.u.k. Leutnant (l.) und betrieb 1919 als „General Majster“ (r.) konsequent die Abtrennung der Untersteiermark von Österreich – fast ein Drittel des Landes. Der slowenische nationale „Volksrat für die Steiermark“ übertrug ihm den Militärbefehl über Marburg, die bisherige Hauptstadt von Untersteier.

„Blutsonntag“:
Am 27.Jänner 1919 demonstrierten 10.000 Marburger für einen Verbleib ihrer Stadt bei Österreich. Maister ließ in die Menge schießen, Panik erfasste die Men-schen. 13 Tote und etwa 60 Schwer- verwundete wurden rasch weggeschafft, denn die „Miles“-Kommission sollte auf ihrem Weg nach Kärnten nichts von dem Massaker erfahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2010)

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