Güngör: „Keiner fragt, wie in diesem Land über Türken geredet wird“

Der Migrationsforscher Kenan Güngör wünscht sich weniger Wehleidigkeit, sondern einen allgemeinen Ruck, um Zuwanderer in Österreich besser zu integrieren. Die Minderheit brauche endlich das Gefühl, willkommen zu sein.

Die Presse: Der türkische Botschafter hat im „Presse“-Interview Österreichs Regierung scharf kritisiert. War sein Beitrag kontraproduktiv, oder bringt er die Debatte weiter?

Kenan Güngör: Ich bin mir nicht sicher, ob wir in Österreich die nötige Debatten-Kultur beim Thema Integration haben. Die letzten fünfzehn Jahre zeigen etwas anderes.


Und zwar?

Es gibt in Österreich eine unheimlich starke symbolpolitische Zuspitzung, eine fast schon neurotische Fixierung auf das Thema. Uns würde guttun, etwas beruhigter über Integration zu sprechen.


Warum die große Aufregung?

Das Immigrantenfeld wird hierzulande emotional bewirtschaftet. Medien und die Politik nutzen das entsprechend. Vom Bundeskanzler abwärts haben sich alle über den Bruch der Respektsregeln durch den Botschafter echauffiert, aber keiner fragt, wie eigentlich über Türken in diesem Land geredet wird. Was Botschafter Tezcan in Fußnoten kritisch über Österreich gesagt hat, muss man mit zehn multiplizieren, dann ergibt sich, was sich tagtäglich über Migranten ergießt. Über den falschen Ton beklagen sich auch Politiker, die im Wahlkampf selbst richtig reintreten gegen Migranten. Nehmen Sie doch einmal Artikel, auch in Ihrer Zeitung, in denen über Türken geschrieben wird und ersetzen Sie das Wort Türken durch Österreicher. Dann bekommen Sie ein Gefühl für Kränkung.


Offenbar gibt es unter türkischen Migranten eine große Unzufriedenheit, die vor dem Botschafter niemand so richtig artikuliert hat?

Der Botschafter hat eigentlich eine andere Funktion hier. Es ist nicht sein, es ist unser Job, die Integration auf die Reihe zu kriegen. Wir haben leider noch das Phänomen der organisierten Unverantwortlichkeit. Wenn der türkische Botschafter eine Stimme für uns sein muss, dann ist auch bei uns etwas schräg gelaufen.


Wie drückt sich Unzufriedenheit unter den Türken aus?

Viele haben zwar ihren Lebensmittelpunkt hier, aber sie fühlen sich nicht beheimatet und zugehörig. Wir haben zunehmend Integration ohne Anerkennung. Man fasst Migranten ausschließlich als Problem auf, gibt ihnen gleichzeitig aber zu verstehen, dass man sie eigentlich nicht will. Stellen Sie sich vor, man würde mit Kindern oder mit Mitarbeitern dauernd über ihre Unfähigkeiten sprechen. Wir müssen nicht zartbesaitet miteinander umgehen. Aber durch die unfaire Form der Auseinandersetzung verschließen sich die Menschen.


Ist man in Österreich auf einem bestimmten Stand der Kommunikation mit Migranten stehen geblieben?

In den 1970er- und 1980er-Jahren herrschte immer noch die Vorstellung vor, die Gastarbeiter kehren zurück. Es gab auf beiden Seiten lange eine Rückkehrillusion. Das war die Zeit des Nebeneinanders und der Gleichgültigkeit. Ab 1985 tauchten Losungen wie „Ausländer raus“ auf. Dahinter stand die Idee, sie wieder loswerden zu können. Der Begriff Integration gewann erst an Bedeutung, als man realisierte, dass diese Leute im Land bleiben. Jetzt beginnt die Phase der Etablierung. Außenseiter stellen Ansprüche, verlangen eigene Gebetshäuser. Es läuft die Diskussion an, was man der Minderheit geben will. Und die Etablierten verteidigen ihre Vorrechte.s


Sehen Sie Fortschritte?

Der Konflikt gehört zum Etablierungsprozess. Deswegen glaube ich auch nicht, dass das Nichtsprechen die Antwort wäre. Die Frage ist, wie man darüber spricht. Ich hätte gerne eine Diskussion, in der sich alle auf die Hinterbeine stellen, auch die Migranten. Wir brauchen eine Anerkennungshaltung. Anerkennung heißt nicht schönreden. Anerkennung ist die Voraussetzung, kritikfähig zu sein.


Wie kommt man raus aus dem Integrations-Dilemma?

Wir brauchen einen grundlegenden Ruck auf allen Seiten, bei Zugewanderten wie auch Einheimischen. Wir müssen sagen: Halbzeit! Das können wir besser! Wenn wir so weitermachen, verlieren wir die zweite Halbzeit. Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir besser werden. Wenn man konstruktiv an die Sache herangeht, kann man die Leute bei ihrem Stolz packen. Dazu brauchen wir eine breite zivilgesellschaftliche Initiative – auch in der türkischen Gemeinde. Die Frage lautet: Worauf können wir aufbauen, und was muss besser werden? Dann werden wir auch sehen, dass beide Seiten vergleichsweise auf einem hohen Niveau leiden. Denn wirklich desintegrierte Gesellschaften sehen anders aus.


Ist da viel Wehleidigkeit dabei?


Auf beiden Seiten. Diese Wehleidigkeit stört mich, denn sie macht selbstgerecht und blind für die Anliegen der anderen. Wehleidigkeit und Verharren in der Opferrolle helfen den Migranten nicht weiter.

Was läuft politisch falsch?

Die Politik ist dazu da, um in einer Gesellschaft etwas zu bewegen. Bei der Integration herrscht Beliebigkeit. Integration muss so etwas wie Staatsräson werden. Und diese Vision fehlt. Die Politik müsste Wegweiser einschlagen, um zu zeigen, wohin die Integration führen soll. Und sie muss auch die No-go-Zonen abstecken. Solange es diese Staatsräson nicht gibt, haben wir das Problem, dass wir in einem der wichtigsten gesellschaftspolitischen Handlungsfelder ohne Strategie im Blindflug unterwegs sind. Die Regierung müsste zu den Migranten sagen: „Liebe Leute, ihr seid herzlich willkommen, es ist unsere gemeinsame Zukunft, über die wir reden müssen. Wir sind bereit, in euch zu investieren, aber dafür erwarten wir auch was.“

Zur Person

Kenan Güngör wurde im Jahr 1969 als Kurde in der Türkei geboren, ist aber heute deutscher Staatsbürger. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Türkeistudien in Essen und führte zahlreiche Studien zum Thema Integration durch. Seit 2007 leitet Güngör als internationaler Experte für Integrations- und Diversitätsfragen die Organisation „difference“ in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12. November 2010)

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