Zum Tee beim Botschafter

Zwischen Kalkül und Ausrutscher. Wollte der langjährige türkische Botschafter Kadri Ecvet Tezcan im ausführlichem Gespräch mit der "Presse" die Integrationsdebatte oder seine Politkarriere in Gang bringen?

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(c) Teresa Zötl

Das Interview war für Montag 10 Uhr Vormittag angesetzt. Eine europäische Diplomatin hatte mir erzählt, der türkische Botschafter, ein Freund klarer Worte, habe originelle Ideen zum Unterricht für türkische Schüler. Also beantragte ich einen Termin im Palais in der Prinz-Eugen-Straße 40, um mit ihm über Integration zu sprechen.

Kadri Ecvet Tezcan empfing mich sehr freundlich in seinem holzvertäfelten Arbeitszimmer. Dort hatte auch sein Vorgänger, Selim Yenel, Interviews gegeben. Auch er ein offener Mann, doch der Temperamentunterschied zwischen den beiden hätte kaum größer sein können, wie sich bald herausstellen sollte.

„Kaffee, Tee, türkischer Kaffee?“, bot der Botschafter an, und das Gespräch begann. Auf Englisch. Er sah erholt und gut gelaunt aus. Deshalb erkundigte ich mich nach seinem Wochenende. Er sei zu Besuch in Krems gewesen, sagte er. Zum ersten Mal seit seinem Antritt als Botschafter habe er sich in Österreich zu Hause gefühlt.

Ein Hausdiener in einem weißen Jackett brachte kräftigen türkischen Tee in einem dieser kleinen bauchigen Gläser. Die Atmosphäre war entspannt, ich drückte auf die Aufnahmetaste. Und da stellte mir Tezcan eine Frage, die ich von einem Diplomaten zu Beginn eines Interviews noch nie gehört hatte. „Wollen Sie, dass ich als Botschafter antworte? Das wird langweilig. Oder soll ich als jemand antworten, der seit einem Jahr in Wien lebt und viele Kontakte zu den 250.000 Türken hier hat?“. Ich nahm die Einladung an. Nach zwei Aufwärmantworten im Diplomatenmodus geriet der Botschafter in Fahrt und trat auch nicht mehr auf die Bremse. Er nahm die österreichische Integrationspolitik auseinander, scheute nicht vor Angriffen zurück.


Der Rundumschlag.
Maria Fekters Geisteshaltung sei weder liberal noch weltoffen, die ÖVP-Ministerin sei in der falschen Partei. Heinz-Christian Strache, Michael Spindelegger, Kardinal Christoph Schönborn und die SPÖ, sie alle bekamen in unterschiedlicher Dosierung ihr Fett ab. Doch auch die Türken schonte er nicht, schilderte Treffen mit Eltern, die glauben, ihre Kinder sprächen mit 500 Wörtern schon fließendes Deutsch. Er geißelte Zwangsheiraten, forderte eine Kindergartenpflicht und sorgte sich um türkische Mädchen, die mit 13 nicht mehr zur Schule gehen. Den Österreichern aber warf er vor, sich außer im Urlaub nicht für fremde Kulturen zu interessieren.

Es war einer der Sätze, die er am Tag danach vermutlich bereute.

Wir redeten eine Stunde lang. Interviews, die in schriftlicher Form erscheinen, sind meistens nur Auszüge aus einem längeren Gespräch. Das war auch diesmal so. Nicht alles, was der Botschafter sagte, fand Eingang in die Zeitung. „Was für ein Problem hat Österreich? Seit einem Jahr versuche ich das herauszufinden. Sorry, es ist mir nicht gelungen“, schloss er eines seiner flammenden Statements ab.

Hier sprach ein zorniger, ein enttäuschter, ein leidenschaftlicher Mann. Einer, der sich als Sprachrohr der türkischen Minderheit in Österreich sieht und nicht einverstanden damit ist, was dieses Land unter Integration versteht.

Und wenn er einmal in vollem rhetorischen Galopp war, konnte und wollte sich der Mann aus Istanbul nicht mehr zügeln. Die Feindseligkeiten, die dabei aufblitzten, waren auch persönlich motiviert. Maria Fekter hatte der Botschafter im Frühjahr getroffen. Die Begegnung verlief so heftig, dass das Innenministerium eine Note ans Außenamt sandte. Und Außenminister Spindelegger nahm er übel, ihn nicht empfangen zu haben. Aus seiner Zeit als Botschafter in Baku war er eine andere Behandlung gewohnt, dort stand er angeblich in engem Kontakt mit Aserbaidschans Präsidenten Ilham Alijew.

Er, der Repräsentant eines dynamischen 72-Millionen-Einwohnerstaates, fühlte sich nun nicht gebührend behandelt. Und dann kamen da noch die täglichen Diskriminierungen hinzu, von denen ihm türkische Migranten in Wien erzählt hatten. Und der anti-islamische Wahlkampf der FPÖ in Wien.

Viele Österreicher wollen keine Frauen mit Kopftüchern herumlaufen sehen? „Thank you“ – der 61-jährige Karrierediplomat bedankte sich für jede provokante Interviewfrage und lud seinen Zorn daran auf.

Ich kannte diese Art von Zorn, ich hatte sie, abgemildert, ein paar Wochen vorher bei der UN-Generalversammlung in New York bei jemandem kennengelernt, der als kühler Kopf der neuen, auch stark nach Osten gerichteten türkischen Außenpolitik gilt: bei Außenminister Ahmet Davutoğlu. Auch er, der Professor, der „Kissinger vom Bosporus“, wurde während des Interviews phasenweise emotional. Als nämlich die Sprache auf die Thesen des ehemaligen deutschen Bundesbankers Thilo Sarrazin und anti-islamische Strömungen in Europa kam.

Knapp drei Wochen später verwendete sein Botschafter in Wien eine Formulierung, die ich so ähnlich schon in New York gehört hatte. „Diese Werte (Menschenrechte) haben wir von euch (Europäern) gelernt, und jetzt kehrt ihr diesen Werten den Rücken. Jetzt sagt ihr: Kauft unsere Waren, aber kommt nicht in unser Land“, erklärte Tezcan in einer der Passagen des Interviews, die zunächst nicht abgedruckt wurden.

Es ist kaum vorstellbar, dass er Ankara um Erlaubnis für einen Rundumschlag fragte. Das grüne Licht gab sich der langjährige Botschafter vermutlich schon selbst – und überfuhr dabei in der Hitze des Gesprächs gleich auch ein paar rote Ampeln. Doch völlig außerhalb der Verkehrsordnung der türkischen Außenpolitik bewegte er sich natürlich auch nicht. Diese türkische Regierung tritt mit dem Selbstbewusstsein einer aufstrebenden Macht auf und versteht sich zunehmend als mahnende Beschützerin der türkischen Minderheiten im Ausland. Dabei nimmt sie neuerdings ihre (ehemaligen) Landsleute durchaus auch in die Pflicht. Ein türkischer Spitzenpolitiker nach dem anderen forderte zuletzt die Türken in Deutschland und Österreich auf, ordentlich Deutsch zu lernen. Dahinter steckt ein einfacher Gedanke: Ohne Deutsch keine Integration, und ohne Integration keine Zustimmung zu einem EU-Beitritt der Türkei. Diese Erkenntnis pflanzte unter anderen Selim Yenel, Tezcans Vorgänger in Wien, tief im türkischen Außenamt ein. Davutoğlu machte den gewandten Diplomaten zum Vize-Staatssekretär in Ankara.

Abberufung und Politkarriere? Selim Yenel war wohl auch am Krisenmanagement beteiligt, das wenige Stunden nach Tezcans Interview einsetzte. Der Botschafter mit der losen Zunge bekam umgehend einen Maulkorb verpasst, er gab keine Interviews mehr. Mit der „Presse“ kommunizierte er nur noch über seinen Ersten Botschaftssekretär Ufuk Gezer. Eines war ihm dabei besonders wichtig: klarzustellen, dass er in dem Interview seine privaten Ansichten geäußert habe. Auf diese Linie hatte Ankara ihn offenbar festgelegt.

War damit die erste Phase seiner Abberufung eingeleitet? „Zum nächsten türkischen Nationalfeiertag wird ein anderer Botschafter einladen“, prophezeite schon am Mittwoch ein österreichischer Diplomat. Allein aus pragmatischen Gründen sei für die Türkei kein Botschafter tragbar, der es sich mit der gesamten Regierungsspitze des Gastlandes verscherzt habe.

Das Außenamt in Wien will keine Türe mehr für Tezcan öffnen. Es schwärzt ihn an, lässt Geschichten darüber verbreiten, wie frauenfeindlich der Botschafter sich gegen Ministerinnen verhalten habe. Beatrix Karl, Claudia Bandion-Ortner, Maria Fekter, alle hätten sich über den türkischen Macho beschwert. Und im Übrigen habe Tezcan schon in Warschau einen Scherbenhaufen hinterlassen.

Ist sich der Botschafter bewusst, dass er mit dem Interview seiner Karriere eine neue Wende gegeben hat? Als er am Mittwochvormittag im Außenamt vorstellig wird, um sich vom Leiter der Südeuropa-Abteilung die Leviten lesen zu lassen, sagt er angeblich: „Ich bin heute früh aufgestanden. Ich werde älter – und nicht klüger.“

Von dieser Verzagtheit ist aber schon einen Tag später nichts mehr zu bemerken. Bei einem Botschaftsempfang für Unternehmer feiert die türkische Gemeinde ihren neuen Helden mit stehenden Ovationen. Und es macht ein Gerücht die Runde, das schon durch Ankara und Istanbul jagte: Tezcan strebe eine politische Karriere an.

Das klingt im Rückblick wie die Rationalisierung eines Ausrutschers. Oder steckte doch Kalkül dahinter? Im Interview hatte er kurz angemerkt, dass Medien nicht darüber berichten, wenn ein Hund einen Menschen beißt, sondern nur, wenn ein Mensch einen Hund beißt. „Dieses Gespräch wird Aufsehen erregen“, sagte ich zu ihm. „Hoffentlich“, entgegnete er nur. War er sich über die Tragweite im Klaren? Er verlangte jedenfalls keine Autorisierung des Interviews.

Am Tag danach bedankt sich der der Erste Botschaftssekretär nicht nur für die korrekte Wiedergabe. Er lässt auch ausrichten, dass es Ziel seines Chefs gewesen sei, die Integrationsdebatte neu zu entfachen. Das zumindest ist Kadri Ecvet Tezcan gelungen.

INTERVIEW-ZITATE

Botschafter Tezcan im O-Ton.
„Wenn ich der Generalsekretär der UNO, der OSZE oder der Opec wäre, würde ich nicht hierbleiben. Wenn ihr keine Ausländer hier wollt, dann jagt sie doch fort.“

„Die Innenministerin sollte aufhören,
im Integrationsprozess zu intervenieren. Sie ist in der falschen Partei.“

„Mein Ziel ist es, dass Türkisch als Maturasprache akzeptiert wird.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2010)

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