Stadtplanung: Zehn Thesen der Maria Vassilakou

Spät, aber doch erklärte die grüne Vizebürgermeisterin, wie sie Wien künftig planen will. Vassillakou setzt eher auf eine Verdichtung im städtischen Raum denn auf neue Stadtviertel.

Stadtplanung Thesen Maria Vassilakou
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Stadtplanung Thesen Maria Vassilakou
(c) Clemens Fabry

Wien. Die Luft war stickig, die Sitzplätze waren rar. So viel wie am vergangenen Mittwochabend, sagte Dietmar Steiner, Chef des Architekturzentrums Wien, sei im AzW seit der Eröffnung im Jahr 1993 nicht mehr los gewesen. Der Anlass diesmal? Maria Vassilakou.

Die Plattform für Architekturpolitik und Baukultur hatte zum Vortrag der grünen Vizebürgermeisterin samt Podiumsgespräch geladen – Thema: Stadtplanung, Titel: „Bleibt alles anders?“ – und wurde vom Ansturm überrumpelt. Das Interesse war freilich so überraschend nicht. Hat sich doch die Stadträtin für Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und Bürgerbeteiligung zur Stadtplanung bislang noch nie konkret geäußert. Seit der Wahl wurden von den parteiinternen Spezialisten Gretner und Chorherr zwar einzelne Ideen präsentiert, doch ein Gesamtkonzept der Chefin fehlte. Insofern war Vassilakous Auftritt eine überfällige Antrittsrede – ein Fakt, dem sie mit Nervosität und einer Grundsatzerklärung Rechnung trug. Sie präsentierte „zehn Thesen zur Stadtplanung“ – wobei nicht alle so konkret ausfielen wie zuvor versprochen.

Mehr Lebensqualität: Vassilakou will verhindern, dass junge Eltern ins Umland ziehen. Wie? Mit mehr Grün und Freiräumen im dicht verbauten Gebiet.

•Mehr öffentlicher Raum:
Fußgänger und Radfahrer sollen dabei Vorrang haben. Als „radikalste Maßnahme“ wolle man Teile der Straße von den Autos „zurückerobern“, z.B. für Radstraßen. Brachliegende Flächen sollen für „Community Gardening“, also gemeinschaftliche Gärten, genutzt werden. Auch mehr Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum sind geplant: Poller sollen mit Klappsitzen ausgerüstet werden. Den Einkaufszentren sagt Vassilakou den Kampf an, stattdessen will sie Erdgeschoßzonen beleben.

Mehr Energieeffizienz: Die neu gegründete MA20 soll Bauwerber von Großprojekten bei energiesparender Planung anleiten.

•Gemische Nutzung:
Die verschiedenen Funktionen der Stadt (Büro, Wohnen, Einkaufen) sollen auch in einzelnen Gebäuden verstärkt durchmischt werden.

Aus für Patchwork: Statt einzelner Projekte wie Bike-City (eine grüne Idee!) oder die autofreie Stadt soll eine „Stadtbaukultur“ entwickelt werden, die „die Vielfalt der Lebensstile“ berücksichtigt.

Stadtwachstum nach innen: Vassilakou will eher auf eine Verdichtung im städtischen Raum denn auf neue Stadtviertel setzen.

Mehr Transparenz bei Jurys für Bauprojekte, mehr offene, zweistufige Wettbewerbe.

•Mehr Bürgerbeteiligung:
Als Musterbeispiel führt Vassilakou das Franz-Josefs-Bahnhof-Areal an, wo noch vor der Ausschreibung die Bürger nach ihren Wünschen befragt worden seien. Negativbeispiel sei der Augartenspitz.

Mehr Dialog: Auf Kritik, verspricht Vassilakou, werde sie immer eingehen.

Mut zur Utopie: Als Beispiel nennt sie Selbstorganisation bei der alternativen Energieversorgung.

 

„Mittlerer Wahnsinn“

Als letzter Punkt auf der Rede stand dann: Applaus. Das geneigte Publikum war milde und auch die Spezialisten am Podium, Christian Kühn und Christoph Luchsinger (Institut für Architektur bzw. Städtebau an der TU Wien), lobten das Konzept – kein Wunder, denn, so Luchsinger, die Thesen entsprächen der Meinung der Experten (und laut Vassilakou auch dem, was schon lange in den Schubladen der Magistratsabteilungen liege). Nur die Umsetzung sei ein „mittlerer Wahnsinn“, die Latte hochgelegt, so Luchsinger. Er zweifelt, ob es gelingt, die Stadtplanung nicht der Bodenmarktpolitik der Stadt unterzuordnen, nicht dort zu bauen, wo die Stadt billige Grundstücke habe, sonder, wo es sinnvoll sei.

Sie sei nicht naiv, sagt Vassilakou, die Stadt stehe unter ökonomischen Druck, genau wie Großinvestoren, die Druck machen würden, Flächen maximal zu verwerten. Man müsse einen Mittelweg finden. Und: „Häupl weiß, was er sich mit mir eingehandelt hat.“ Vassilakou will auch die Planwertabgabe, eine alte grüne Forderung, verfassungsrechtlich prüfen lassen. Grundstücksbesitzer sollen einen Teil der Wertsteigerung durch Flächenumwidmung abführen. Ob das durchsetzbar ist, ist fraglich. Die SPÖ war zuletzt strikt dagegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18. Februar 2011)

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