Der letzte Habsburger

Otto Habsburg hat noch verstanden, was man unter einer demokratischen Metamorphose Kakaniens unter europäischen Vorzeichen verstehen könnte. Nach ihm kann das niemand mehr.

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(c) AP (STR)

Das Begräbnis von Otto Habsburg wird noch einmal die Vergangenheitssehnsüchte der Österreicher befriedigen. So war es beim Begräbnis seiner Mutter, der Kaiserin Zita, und so wird es dann nie mehr sein. Der Tod des letzten Thronfolgers bedeutet das Ende des „Erzhauses“ als Teil der politischen Wirklichkeit Österreichs.

Daran würde sich auch dann nichts ändern, wenn eines Tages ein Bundespräsident namens Habsburg in die Hofburg einzöge. Das hat nicht nur damit zu tun, dass nach Ottos Tod kein Familienmitglied in Sicht ist, dem man eine überregionale politische Statur zutrauen könnte – die politischen Gehversuche seines ältesten Sohnes Karl sind noch in eher peinlicher Erinnerung.

Es hat auch und vor allem damit zu tun, dass mit Otto sowohl biografisch als auch intellektuell die Verbindung zum habsburgischen Vielvölkerstaat abgerissen ist. Otto Habsburg hat noch verstanden und gelebt, was man unter einer demokratischen Metamorphose Kakaniens unter europäischen Vorzeichen verstehen könnte. Nach ihm kann das niemand mehr, er war der letzte Habsburger.

Die Biografie dieses Mannes ist die Geschichte Österreichs: Der Untergang der Habsburgermonarchie aufgrund von dramatischen Fehlentscheidungen seines Urgroßonkels und seines Vaters, der Überlebenskampf des „Restes“, in dem sich die „schwarzgelben“ Kaisertreuen und die Deutschsehnsüchtigen aller Couleurs verbrauchten, die unselige „Heimkehr“ in Hitlers Reich, der Kampf um die Wiedererrichtung Österreichs, in den Otto Habsburg sich leidenschaftlich einmischte.

Von den durchaus zweifelhaften Versuchen, die wiedererlangte Selbstständigkeit geschichts- und identitätspolitisch abzusichern, war Otto Habsburg direkt betroffen: Eine Nation, die so wenig Selbstbewusstsein hatte, dass sie sich vor der Ambivalenz von Opfer- und Täterschaft in die Vorstellung flüchten musste, ausschließlich Opfer gewesen zu sein, musste sich natürlich auch vor einem Mann fürchten, der sich und seinen Überzeugungen über die Jahrzehnte treu geblieben war. Der Habsburg-Kannibalismus war Teil der österreichischen Verdrängungsstrategie, einer Geschichtsneurose, die man zunächst durch paradoxe Interventionen à la Waldheim zu heilen versuchte, ehe sie in der Therapiekammer der Europäischen Union ausklingen konnte.

Als Österreich nach Europa kam, war Otto Habsburg schon lange dort. Das Porträt, das den Knaben mit seinem Urgroßonkel, Kaiser Franz Joseph, zeigt, setzt diese Geschichte eines Jahrhunderts ins Bild. Die angemessene Form des Gedenkens an Otto Habsburg wäre die republikanische Fortsetzung eines Lebenswerkes, das die Wiedervereinigung Europas zum Ziel hatte. Für Otto Habsburg war das Aufgehen des Eisernen Vorhanges der wichtigste Moment in seinem Leben. Vor bald einem Vierteljahrhundert war das auch für die politischen Eliten des Landes so, man sah die Chance, Österreich wieder in der politischen Mitte Europas anzusiedeln. Genutzt wurde sie nur von klugen Geschäftsleuten und treuen Begleitern jener Helden, die sich in all den Jahren unter Einsatz ihrer Existenzen für eine Rückkehr ihrer Länder nach Europa eingesetzt hatten. Politisch dominiert heute die Angst vor fleißigen tschechischen Handwerkern, die sich nicht an die österreichischen Überstundenregelungen halten.

Denn politisch wird nicht mehr in historischen Perspektiven gedacht. Man muss kein Monarchist sein, um diese Verkürzung des Denkens auf vier- oder fünfjährige Legislaturperioden für einen der Nachteile der schlechtestbesten Regierungsform zu halten. Es ist eine schöne Ironie der österreichischen Geschichte, dass der Tod des letzten Habsburgers den republikanischen Kleingeist unserer Tage herausfordert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2011)

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