Wiener ÖVP: Tamandl folgt Marek – und geht bald

Chaos nach dem Rücktritt von Christine Marek. Gabriele Tamandl ist interimistisch Parteichefin. Aber nur so lange, bis ein neuer Obmann gefunden ist.

Der neue Klubobmann Fritz Aichinger, die interimistische Parteichefin Christine Tamandl und der neue nicht amtsführende Stadtrat Manfred Juraczka (v.l.n.r.)
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Der neue Klubobmann Fritz Aichinger, die interimistische Parteichefin Christine Tamandl und der neue nicht amtsführende Stadtrat Manfred Juraczka (v.l.n.r.)
(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Wien. Sie will die Partei erneuern. Mit diesem Auftrag stellte sich Gabriele Tamandl Freitagnacht als interimistische Parteichefin der krisengeschüttelten Wiener ÖVP vor. Die 45-jährige Steuerexpertin folgt damit Christine Marek, die zuvor ihren Rücktritt von allen Wiener Funktionen und ihren Wechsel in den Nationalrat verkündet hatte. Gabriele Tamandl sitzt seit März 2003 für die ÖVP im Nationalrat und war unter Marek Landesparteiobfrau-Stellvertreterin.

Neuer Klubchef wird auf Wunsch der Bundesparteispitze Fritz Aichinger, der altgediente und in der Partei weitgehend respektierte Gemeinderat und Chef der mächtigen Sektion Handel in der Wirtschaftskammer. Der 65-Jährige war bisher Wirtschaftssprecher der Kleinpartei und neben Tamandl einer der Stellvertreter Mareks als VP-Chef. Der promovierte Doktor der Handelswissenschaften führte einen Sportartikelbetrieb in Wien-Landstraße. Beide, Tamandl und Aichinger, werden ihre Posten nur interimistisch übernehmen, bis neue Kandidaten gefunden sind, die die Wiener ÖVP längerfristig konsolidieren sollen.

Juraczka wird Stadtrat

Auch der vakant gewordene Posten als nichtamtsführender Stadtrat wird nach dem Wechsel von Wolfgang Gerstl in den Nationalrat neu besetzt. Den mehr prestigeträchtigen denn einflussreichen Job übernimmt der vergleichsweise junge Manfred Juraczka. Der 42-Jährige ist Bezirksparteiobmann in Hernals und als solcher bei seinen Kollegen der anderen Bezirke sehr beliebt.

Er ist als Manager eines internationalen Technologiekonzerns tätig und galt bisher als dezidierter Gegner Mareks: Als im November 2009 in der Wiener ÖVP der Kampf tobte, ob Marek oder der Manager Harry Himmer die Partei übernehmen sollten, unterschrieb er offiziell eine „Unterstützungserklärung der ÖVP-Bezirke für Harald Himmer“.

Kein Rückhalt für Marek

Marek selbst hatte am Freitagvormittag bei einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz nicht nur diesen Begriff neu definiert. Denn Fragen der anwesenden Medienvertreter waren nicht zugelassen, nach einem neunminütigen Statement verließ sie wortlos den Saal. Sie hat nicht mit Kritik an ihren Parteifreunden gespart. Wörtlich meinte sie: „Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass ich mit meinem Programm, die ÖVP Wien zu einer urban-liberalen, bürgerlichen Kraft zu machen, und mit dem von mir initiierten Agenda-Wien+-Prozess, nicht die Partei in der dafür notwendigen Geschlossenheit hinter mir habe.“

Die interimistische Parteichefin der Wiener ÖVP: Gabriele Tamandl
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Die interimistische Parteichefin der Wiener ÖVP: Gabriele Tamandl
(c) APA (Helmut Fohringer)


Geschlossenheit und Einigkeit sei aber notwendig, um bei der nächsten Nationalratswahl und insbesondere bei der nächsten Gemeinderatswahl erfolgreich zu sein. Marek: „Die Erfahrungen der vergangenen Monate haben gezeigt, dass eine Partei in Wien nur dann eine Chance gegen die rote Übermacht hat, wenn sie geschlossen ist, zusammensteht und nicht nur Einzelinteressen verfolgt werden. Insbesondere die regelmäßigen Angriffe auf mich aus den eigenen Reihen schwächen die Partei als Gesamtes. Für mich ist immer das Wohl der Partei im Vordergrund gestanden, und deshalb nehme ich mich – zum Wohl der Partei – aus der Schusslinie und mache den Weg frei für einen Neuanfang.“

Schlechtestes Ergebnis

Christine Marek war im vergangenem November nur mit 14 von 23 Stimmen Klubchefin geworden. Nicht wenige Funktionäre verfolgten ihre Bemühungen, aus der Wiener ÖVP wieder eine schlagkräftige Truppe machen zu wollen, seitdem mit Häme. Zuletzt wurde in der ÖVP sogar kolportiert, es zirkuliere bereits eine Unterschriftenliste zur Abwahl Mareks als Klubchefin des Wiener Rathauses.

Unter Mareks Führung unter einem überraschenden Law-Order-Kurs ist die Partei im Oktober 2010 von 18,8 auf 14 Prozent abgestürzt – das bisher schlechteste Ergebnis der ÖVP in Wien seit ihrem Bestehen. Ihre Rettungsversuche, wenigstens mit der SPÖ regieren zu dürfen, blieben erfolglos.

(APA/Red.)

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