Wiener VP-Chef: Wer ist dieser Mann?

Der großteils unbekannte Manfred Juraczka wurde am Samstag zum neuen Wiener VP-Chef gewählt. Der 43-Jährige hat damit den wohl unattraktivsten Job in der heimischen Innenpolitik.

Manfred Juraczka dieser Mann
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Manfred Juraczka dieser Mann
Juraczka – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Manfred Juraczka betritt die Bühne. Ernst, gefasst, etwas angespannt. Kurz richtet sich der Wiener die violette Krawatte. Dann greift er zum Mikrofon. Er ist der 13.

An diesem Tag geht es für den 43-Jährigen um viel. Er tritt offiziell die Nachfolge der glücklosen Christine Marek als Wiener VP-Chef an – obwohl er dieses Amt offiziell nie angestrebt hat. Die Partei zu einen, alle mitzunehmen, den Absturz der Wiener VP zu stoppen (die Wiener VP ist in Umfragen nur mehr einstellig!). Das hat er sich vorgenommen. Wie schon zwölf Wiener VP-Chefs vor ihm.

Emil Oswald, Lois Weinberger, Fritz Polcar, Leopold Hartl, Franz Bauer, Erhard Busek, Wolfgang Petrik, Heinrich Wille, Bernhard Görg, Alfred Finz, Johannes Hahn und Christine Marek. Keine andere Partei hatte seit dem Zweiten Weltkrieg einen derartigen Verschleiß an Obleuten. Und nun Juraczka.

Es ist Samstag, der 34. Landesparteitag der Wiener ÖVP geht über die Bühne – der großteils unbekannte Manfred Juraczka wird offiziell zum neuen Parteichef gewählt. Es ist auch eine Abstimmung, ob die zuletzt zerstrittene Partei hinter dem politischen Senkrechtstarter steht. Die Zeichen dafür stehen kurz vor der Abstimmung nicht schlecht. Juraczka ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Partei einigen konnte. Er ist umgänglich, kompromissbereit und will alles und jeden einbinden. Mit anderen Worten: Er tut niemandem weh. Keine der zahlreichen VP-Teilorganisationen, die großteils ihre eigenen Interessen verfolgen, muss um politischen Einfluss fürchten, jede kann ihr eigenes Spiel weiterspielen. Gleichzeitig kündigt er an, die Macht der Basis, also der Bezirke, zu stärken. Das kommt bei den rund 670 Delegierten an diesem Tag gut an.


Nach der Niederlage der Aufstieg. Ein Jahr zuvor war Manfred Juraczka selbst politischen Beobachtern unbekannt. Er werkte unauffällig als Bezirksparteiobmann der ÖVP-Hernals, war von 2007 bis 2010 stellvertretender Bezirksvorsteher – bis am 10. Oktober 2010 die Freiheitlichen in Hernals die ÖVP überholten und Jurackza seinen Job verlor.

Nach der Niederlage kam der steile Aufstieg – intern. Im September 2011 wurde er überraschend zum nicht amtsführenden Stadtrat der Wiener VP gewählt. Das war zu diesem Zeitpunkt der attraktivste Job, den die Partei zu vergeben hatte.

Seit seiner Wahl zum nicht amtsführenden Stadtrat gibt sich Juraczka seriös bis farblos. Vorbei sind die Zeiten, als er wie 2005 einen DNA-Test für Hunde forderte, um die Verursacher von Hundstrümmerln ausfindig zu machen. Vielmehr propagiert der studierte Politologe und Kommunikationswissenschaftler seine drei „E“: Eigenverantwortung, Eigentum, Einsatz (Leistung). Das sind für Juraczka jene Werte, welche die Basis für die neue Linie der Partei sind, die bei den Wien-Wahlen im Oktober 2010 mit knapp 14 Prozent die schwerste Niederlage ihrer Geschichte hinnehmen musste und nach den parteiinternen Streitigkeiten danach weiter absackte.

Mit seiner Rede vor Bundesobmann Michael Spindelegger, einigen VP-Ministern und Wiener Ex-VP-Chefs versucht sich Juraczka ein Profil zu verleihen. In seiner soliden Rede ohne große Höhepunkte und ohne Patzer beschwört er die Einigkeit der Partei und teilt mit Samthandschuhen aus.

Die Wiener SPÖ sei selbstgefällig, träge und verkrustet. Die Grünen würden sich darauf beschränken, Autofahrer zu schikanieren: „Sie sind die wahren Spießbürger dieser Stadt.“ Die FPÖ falle durch absurde Reisediplomatie auf und beschränke sich auf Angstmache, während sie in gesellschaftspolitischen Fragen „überraschend oft nach links abbiegt“. Er spricht von bürgerlichen Tugenden, von einer schlanken Verwaltung und mehr Leistungsbereitschaft, die einzufordern sei.

Der umgängliche Hernalser hat sich die Latte für den Parteitag nicht besonders hoch gelegt. Dieselbe Zustimmung wie im Parteivorstand, nämlich rund 85 Prozent, will er erreichen, erklärte er im Vorfeld. Später wird Juraczka aufatmen. 92,9 Prozent bedeuten, dass die niedrigen Erwartungen deutlich übertroffen werden.


Tiefschwarze Familie. Der neue VP-Chef positioniert sich parteiintern als Integrationsfigur. Juraczka kann mit allen, redet mit allen, hört sich jedes Argument an, heißt es in der Partei, die er in ihrer gesamten Breite einbinden will. Das zeigt sich an seinen Stellvertretern: Neben Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz und Gemeinderätin Ingrid Korosec, die diese Funktionen schon bisher innehatten, werden ihm künftig Gemeinderätin Isabella Leeb, die Obfrau der Wiener ÖVP-Frauen und Bezirksvorsteherin der Josefstadt, Veronika Mickel, der Nationalratsabgeordnete Wolfgang Gerstl und Wirtschaftsbund-Direktor Alexander Biach zur Seite stehen. Mit anderen Worten: Jeder Flügel der ÖVP bekommt seinen Einfluss.

Juraczka kommt aus einer tiefschwarzen Familie. Vater Franz war Vizebezirksvorsteher in Hernals, übergab diesen Posten an seinen Sohn. Mutter Lotte war Bezirksparteisekretärin. Seit seinem Beitritt zur ÖVP im Jahr 1986 hat der heutige Parteichef verschiedene Funktionen innerhalb der Jungen ÖVP und des VP-Arbeitnehmerflügels ÖAAB bekleidet.

Bereits neben dem Studium (Publizistik und Politikwissenschaft) war er als parlamentarischer Mitarbeiter aktiv. Danach arbeitete er als Senior Consultant bzw. Geschäftsführer in der PR-Branche, bevor er 2004 Marketing-&-Sales-Manager bei Alcatel wurde. Aus dieser Zeit (als Juraczka im September nicht amtsführender VP-Stadtrat wurde, musste er seinen Job bei Alcatel aufgeben) stammen gute Kontakte zu Alcatel-Chef Harald Himmer, der anstelle von Christine Marek fast Wiener VP-Chef geworden wäre. Und nun wegen der Telekom-Affäre ins Visier der Justiz geraten ist. Er selbst sei bei Alcatel nur für Energieversorger zuständig gewesen und habe nie Kontakt zur Telekom gehabt, sagt Juraczka.

Wofür der Neo-VP-Chef steht? Die „konstruktive Oppositionsarbeit“ ist sein Credo. Also das Gegenteil von fundamentaler Opposition, sondern eben konstruktive Gegenvorschläge. Einiges davon hat die VP unter Juraczka bereits ausgearbeitet. Nur: Alle Vorschläge wurden von der rot-grünen Stadtregierung postwendend im Papierkorb versenkt.

Juraczka gilt in der Partei als umgänglich, als jemand, der seinen Standpunkt klar formuliert, aber auch sehr kompromissbereit ist, um den Frieden in der Partei zu wahren. Ob die Wiener VP mit diesem Konzept in der Praxis punkten kann, bleibt abzuwarten.

Mit dem Erreichen von 92,9 Prozent hat Juraczka zumindest seine erste Bewährungsprobe geschafft. Er ist nun offiziell Wiener VP-Chef – und hat damit wohl einen der unattraktivsten und schwierigsten Jobs in der österreichischen Innenpolitik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2012)

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