"Welkende Pflänzchen": Kinder als Wahlkampf-Statisten?

Teddys oder Eis? Politikern scheint jedes Mittel recht, um bei der Jugend zu punkten. Wie die "Wähler von morgen" mit politischen Themen umgehen und wann der Parteizug abgefahren ist.

Kinder Politik Pflaenzchen nicht
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Kinder Politik Pflaenzchen nicht
Symbolbild: Wahlwerbung – (c) APA/SCHLAGER Roland

Plüschtiere als Schlüsselanhänger, Luftballons und Kugelschreiber. Dann noch ein Küsschen auf die Wange, während die Fotografen eilig abdrücken. Der Zweck hinter solchen Wahlkampfaktionen im Kindergarten: Sympathiepunkte bei den Eltern sammeln. Abseits solcher Statisteneinsätze spielen Kinder und Jugendliche in der Politik aber kaum eine Rolle.

Der Grund: Wahlen werden mit Pensionisten gewonnen, daher werden eher Altenheime besucht, als Jugendthemen vertreten. „Ein falscher Ansatz", wie der Politologe Peter Filzmaier feststellt, denn im Gegensatz zu Erwachsenen, „geben Kinder und Jugendliche den Parteien eine ehrliche Chance". Dieses Grundinteresse gelte es zu nützen. Ansätze dazu gibt es bereits, etwa die Aktion „Rein ins Rathaus". Sie hat das Ziel, die Eigenverantwortung der Kinder zu fördern. So können sie sich zum Bürgermeister wählen lassen, Politiker interviewen oder das Rathaus erforschen.

Die Demokratiewerkstatt verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Pro Termin wird ein spezielles Thema behandelt, etwa die Entstehung von Gesetzen, die Aufgaben der Europäischen Union oder der Zweck einer Verfassung. Beim Kinder- und Schülerparlament werden Kinder beispielsweise dazu aufgefordert, ihre Lieblingsspielgeräte zeichnen. „Dann besprechen sie mit Experten, ob diese realisierbar sind. Wenn ja, werden sie auf Spielplätzen errichtet", erklärt Michael Höflinger von der MA13 (Bildung und außerschulische Jugendbetreuung). So werde ihnen gezeigt, wie politische Entscheidungen ablaufen.

Wahlsieg mit Teddybären?

„Kinder merken aber sofort, wenn sie nicht wirklich mitentscheiden können und nur als Statisten in einer Profilierungskampagne missbraucht werden", warnt Anika Wagner, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Arbeitsbereichs Didaktik der Politischen Bildung der Universität Wien. Geschieht dies, ist der Politikverdrossenheit Tür und Tor geöffnet. „Die Kinder sind an Gemeinschaft interessiert, ist diese nicht gegeben, ziehen sie sich zurück." Und werden später nicht selten zu Weißwählern, da sie sich nicht mehr mit den Angeboten identifizieren wollen. Politik hätte dann eine abschreckende, langweilende Wirkung, da das Gefühl besteht, nichts an den gegebenen Verhältnissen ändern zu können.

Ebenso würde sich die Jugend nicht von Wahlgeschenken beeindrucken lassen. „Durch Teddys entsteht keine Wählerbindung, denn die Partei wird nicht gemerkt. Kinder nehmen die Geschenke, wenn sie Lust darauf haben, sie machen später aber nicht notwendigerweise bei ebendieser Partei ihr Kreuzerl", betont Wagner. Der Gedanke an „herangezüchtete Parteisoldaten" sei daher mehr als abwegig.

„Parteiagitatoren mit Schaum vor dem Mund"

Doch nicht nur in Wahlkampfzeiten werden Kinder mit Politik konfrontiert, schon in Kinderbüchern und Hörspielen kommen ihre Akteure vor. Allerdings nicht immer zum Vorteil der realen Politiker. So gilt etwa der Bürgermeister von Neustadt als Gegenspieler der Hexe Bibi Blocksberg. Er wird als korrupt, faul und inkompetent dargestellt. Ein bedenkliches Signal, dem politische Bildung ab der Volksschule entgegenwirken sollte, so die Expertin. „Kindern und Jugendlichen müssen Abläufe und Strukturen erklärt werden, bleibt dies aus, werden auch mündige Wähler zur Mangelware."

Die Jugend könne folglich „sehr wohl zwischen Parteiagitatoren mit Schaum vor dem Mund, die wüste Propagandaparolen grölen" und ernsthaften Debatten unterscheiden, sagt Filzmaier. Sie sind an einer „themenorientierten Diskussion mit Politikern interessiert, nicht aber an Wahlkampffolklore". Den Politikern scheint dies noch nicht völlig bewusst zu sein, sie betrachten die Jugendlichen als politikverdrossen und trauen ihnen nichts zu. „Ein überholtes Klischee", so der Experte.

Allerdings scheinen auch Politiker langsam zu begreifen, dass sie den Austausch mit der Jugend in der Vergangenheit versäumt haben. „Jetzt agieren sie aus Hilflosigkeit - und das sieht man", meint Filzmaier. Als Beispiel nennt er den ehemaligen VP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der mit Anzug und Krawatte eine Schülerfeier besuchte. „Vollkommen unbeholfen", so das Expertenurteil. Und trotzdem, was für die Kleinen ein lustiger Zeitvertreib ist, bleibt den Eltern in Erinnerung - und schlägt sich oft in deren Wahlverhalten nieder. „Nicht aber in jenem der Jungen", so Filzmaier, „um diese zu begeistern, bedarf es einer Begegnung auf Augenhöhe." Die Politik wäre demnach gut beraten, das Potenzial, das die Jugend mitbringt zu nützen. Denn „die Generation von morgen wird in einigen Jahren den Ton angeben." Daher gelte es, die jugendliche Aufgeschlossenheit zu nützen, bevor das „Pflänzchen verwelkt".

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