Ordnungsruf: Patienten, nicht Ärzte ins Zentrum

Unmittelbar nach ihrer Präsentation spricht sich die neue Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz im Interview mit der "Presse" dafür aus, Entschädigungen unabhängig von Ärzteverschulden zu bezahlen.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Werden Sie in Zukunft als grüne Mandatarin jene Gesetze beschließen, die Sie als neue Patientenanwältin ab 1. Juli zu kontrollieren haben?

Sigrid Pilz: Nein. Von dem Zeitpunkt an, an dem ich mich für das Amt beworben habe, war für mich klar, dass das miteinander unvereinbar wäre. Deshalb werde ich mich aus allen politischen Ämtern zurückziehen. Dennoch bleibe ich persönlich eine Grüne.

Dennoch könnte man die Optik als schief bezeichnen. Die FPÖ kritisiert, dass Sie jetzt von genau jener Günstlingswirtschaft profitieren, die Sie als Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen jahrelang kritisierten.

Kritik ist die Aufgabe von Oppositionsparteien, so zeigen sie Profil. Die Grünen haben das ja in Wien genauso gemacht. Daher ist der Vorwurf nur logisch. Er stimmt aber nicht. Ich habe mich nämlich einem Wettbewerb mit elf anderen Kandidaten für das Amt gestellt, der von einer externen Agentur betreut wurde. Und ich kann Ihnen sagen: Das Auswahlverfahren war nicht von schlechten Eltern. Wäre ich ein Systemgünstling, müsste man als solcher in Wien Angst haben.

Ihr Vorgänger Konrad Brustbauer wurde unter anderem deshalb kritisiert, weil er systemische Missstände nicht gerade aktiv und schon gar nicht in der Öffentlichkeit aufgezeigt hat. Wie werden Sie Ihr neues Amt anlegen?

Ich möchte, dass die Patienten wieder der Mittelpunkt des Gesundheitssystems werden. Manchmal hat man ja den Eindruck, dass es am besten ohne sie funktioniere. Ich möchte, dass Patienten künftig auf Augenhöhe mit Ärzten kommunizieren, selbst entscheiden können, ob sie einer Operation oder Therapie zustimmen sollen oder nicht. Schließlich ist es auch der Patient, der danach mit dem Ergebnis – ob positiv oder nicht – buchstäblich leben muss.

 

Wie soll das funktionieren? Würde Wissen über die eigene Gesundheit wirklich bei allen ankommen, wäre niemand zu dick und kaum jemand würde wohl rauchen.

Natürlich werde ich das nicht allein schaffen, das wäre vermessen. Trotzdem werde ich mein Bestes tun. Großes Potenzial liegt in der Aufklärung bildungsferner Schichten oder etwa Migranten. Eine große Herausforderung für die Gesellschaft sind chronische Krankheiten, die die Patienten und das System ein Leben lang belasten. Konkret: Ich möchte bei Amtsantritt den Rektor der Medizinischen Universität einladen, ein Projekt anzugehen, bei dem etwa angehende Ärzte Gesundheitsinformationen allgemein verständlich an die Jugendlichen bringen. Zum Beispiel in Berufsschulen. Dort treffen wir genau jene, bei denen das Thema Gesundheit nicht gerade an oberster Stelle steht. Ihnen soll man erklären, was die Worte Raucherlunge oder Querschnittslähmung nach einem Autorennen wirklich bedeuten. Heute können laut Wiener Gesundheitsbericht 70 Prozent der Patienten nichts mit einem ärztlichen Therapievorschlag anfangen.

 

In Wien bewegt sich oft erst etwas, wenn kritische Personen oder Medien den Finger in die Wunde legen. Wie öffentlich werden Sie künftig Kritik äußern?

Die Frage ist berechtigt. Als Patientenanwältin bin ich ausnahmslos für alle Patienten da. Außerdem möchte ich auch aufsuchend arbeiten, zum Beispiel aktiv den Kontakt mit Selbsthilfegruppen oder Migranten suchen. Die Yoga-gestählte Mittelschicht ist nicht meine erste Zielgruppe. Heute sieht man, dass die Menschen im 15.Bezirk früher sterben als in der Inneren Stadt. Das hat viel mit Wissen über die eigene Gesundheit zu tun.


Ärzte, etwa im AKH, kritisieren, dass der große Verwaltungsaufwand für Dokumentation Ressourcen binde, die anderswo fehlen. Ist das Wiener Gesundheitssystem zu bürokratisch?

Ich will mit meiner Arbeit nicht erreichen, dass Ärzte aus Angst vor dem Fehler risikoreichere Eingriffe und Therapien gar nicht mehr machen.

Manchmal muss man – in Abstimmung mit den Patienten – Risken eingehen und sich etwas zutrauen. Deshalb gefällt mir der Vorschlag, verschuldensunabhängige Entschädigungen zu etablieren. In der Praxis würden in erster Linie Ärzte und einen kleinen Teil auch Patienten in diese Versicherung einzahlen. Beim jetzigen Entschädigungsfonds zahlen ausschließlich die Patienten. Passiert dann etwas, geht es nicht vorrangig darum, ob dem Arzt etwas vorzuwerfen ist. Denn es wäre eine Versicherungsleistung.

Dass soll den Medizinern auch einen gewissen Druck nehmen. Wer operiert, geht gezwungenermaßen höhere Risken ein als ein Obstverkäufer. Das wäre eine Weiterentwicklung vergleichbar mit einer Unfallversicherung.

Sie haben zuletzt kritisiert, dass Ärzte in Wien wegen des angeblichen Personalmangels bei den Patienten ungerechtfertigt Ängste schüren. Ist die Ressourcenkritik der Ärzte also nicht gerechtfertigt?

In Wien sind derzeit Reformen in den Bereichen Spitäler und Pflege in Umsetzung. Diese Reformen haben wir Grünen immer gefordert, und sie sind gut. Leider ist es bei vielen Ärzten immer noch so, dass sie Standes- mit Patienteninteressen verwechseln. Diese Kritik werde ich auch weiter äußern.

 

Wie können Sie sich als Patientenanwältin für die Verbesserung des Gesundheitssystems einbringen?

Indem ich Vorschläge mache. Das ist sogar meine Pflicht. Die verschuldensunabhängige Entschädigung ist so ein Punkt. Ein anderer ist der, dass Gesundheit nicht ausschließlich etwas mit medizinischer Behandlung zu tun hat. Viele Erkrankungen sind durch eine Lebensstiländerung viel besser in den Griff zu bekommen als mit medikamentösen Behandlungen. Etwa bei manchen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das zu kommunizieren und anschließend anzuwenden, spart Geld, und hebt die Lebensqualität der Patienten.

 

Eine AKH-Bedienstete der Stadt Wien ließ sich über Jahre krankschreiben, betrieb nebenbei aber zwei Privatpraxen für Psychotherapie. Was werden Sie tun, damit so etwas künftig nicht mehr vorkommt?

Die Spitalsreform ist auch eine innere Strukturreform. Mein Vorschlag ist: Ja, es gibt Privatpatienten. Die soll es auch weiterhin geben. Ich will jedoch nicht, dass teure Behandlungen der Allgemeinheit aufgebürdet werden und die lukrative Operation einzig den Privatordinationen zugutekommt. Wenn es schon Nebenbeschäftigungen mit Privatpatienten gibt, soll es dazu auch die Verpflichtung geben, diese künftig in Häusern der Stadt Wien zu behandeln, die so auch davon profitieren würden. Die Spitalsneubauten werden die Hotelqualität der Krankenzimmer entsprechend verbessern, dann muss niemand mehr auf die goldene Meile der Privatordinationen.

Zur Person

Sigrid Pilz, bisher Gemeinderätin und Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, wurde am Dienstag als Patientenanwältin vorgestellt. Die 53-Jährige übernimmt die Funktion am 1. Juli von Konrad Brustbauer.

Pilz (nicht verwandt mit Grün-Parlamentarier Peter Pilz) ist die erste Frau in dieser Funktion. Sie hat sich in einem von einer externen Personalmanagement-Firma durchgeführten Auswahlverfahren gegen elf weitere Bewerber durchgesetzt und soll die Funktion für fünf Jahre ausüben.

Die gebürtige Oberösterreicherin hat in Innsbruck das Studium der Erziehungswissenschaften und Psychologie absolviert. Zuletzt war sie als Leiterin der Abteilung für „Internationale Familien- und Jugendpolitik“ im Wirtschaftsministerium tätig. Seit 2001 sitzt sie für die Grünen im Gemeinderat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2012)

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