Wahlkampf: Machen Meinungsforscher Meinung?

Einige Demoskopen sind zuletzt unter Manipulationsverdacht geraten, weil sie gleichzeitig für Politiker und Medien arbeiten. Wie unabhängig ist die Branche? Und wie transparent?

Die Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen, Irmgard Griss, Rudolf Hundstorfer, Andreas Khol, Norbert Hofer und Richard Lugner (v. l.) duellierten sich am Sonntag auf Puls4.
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Die Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen, Irmgard Griss, Rudolf Hundstorfer, Andreas Khol, Norbert Hofer und Richard Lugner (v. l.) duellierten sich am Sonntag auf Puls4.
Die Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen, Irmgard Griss, Rudolf Hundstorfer, Andreas Khol, Norbert Hofer und Richard Lugner (v. l.) duellierten sich am Sonntag auf Puls4. – (c) APA/HANS PUNZ

Wien. Ganz ehrlich wird die Debatte um die Redlichkeit der Meinungsforscher ja nicht geführt. Vordergründig geht es – rund um Wahlen – meist um ethische Fragen wie diese: Darf man Umfragen publizieren, wenn man gleichzeitig politische Kunden hat? Da schwingt ein Manipulationsvorwurf mit, aber ausgesprochen wird er selten bis nie.

Seit der Elefantenrunde der Präsidentschaftskandidaten am Sonntag auf Puls4 steht der Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer im Verdacht, nicht ganz sauber zu arbeiten. Sein Institut, OGM, hat in diesem Wahlkampf schon für Irmgard Griss gearbeitet und dem Vernehmen nach auch für die FPÖ. Dass bei der Live-Umfrage für Puls4 dann ausgerechnet Griss und FPÖ-Kandidat Norbert Hofer am besten abschnitten, ergab für viele Beobachter nicht eben die beste Optik.

Einerseits stehe Bachmayer auf der Payroll von Griss, andererseits trete er als unabhängiger Experte auf und kommentiere die Performance seiner Kundin durchaus positiv, sagt der PR-Unternehmer Daniel Kapp, der ÖVP-Kandidat Andreas Khol in Medienfragen berät. „Eigentlich verbietet sich das. Es ist wissenschaftlicher Standard, die finanziellen Interessen von Forschern zu veröffentlichen.“ Für Bachmayer ist diese Kritik bloß ein „verzweifelter Versuch nervös gewordener Berater, Boden für ihre Kandidaten zu gewinnen“. OGM habe Umfragen für Griss gemacht, das sei richtig – allerdings auch noch für zwei weitere Präsidentschaftsanwärter, deren Namen er nicht preisgebe. Daher könne er gar nicht parteiisch sein. „Das ist doch ein Zeichen von Unabhängigkeit.“

Auch eine Unvereinbarkeit sieht der OGM-Chef nicht: Warum, fragt er, sollten Demoskopen nicht gleichzeitig für Politiker und Medien arbeiten? Nur weil man eine Umfrage für eine Partei mache, stecke man noch nicht unter einer Decke. „Will man der Meinungsforschung mit diesen Behauptungen die Geschäftsgrundlage entziehen?“

 

„Auftraggeber offenlegen“

Um diese Interessenkonflikte aufzulösen, schlägt Kapp vor, dass Medien und Umfrageinstitute Transparenzstandards definieren – „gerade in Wahlkämpfen, in denen mit Umfragen Stimmung gemacht wird“. Auch für den Meinungsforscher Peter Hajek ist Transparenz die Lösung: „Ich informiere meine Medienpartner („Heute“, „Profil“ und ATV, Anm.) über Aufträge aus der Politik, insbesondere in Wahlkampfzeiten. Das fordere ich auch von meinen Kollegen ein.“

Hajeks Institut, Unique Research, wurde nach der Wien-Wahl verdächtigt, das rot-blaue Duell heraufbeschworen zu haben, um für die SPÖ zu mobilisieren. Immerhin war Hajeks Geschäftspartner, der PR-Berater Josef Kalina, einst Bundesgeschäftsführer der SPÖ und Kommunikationschef von Michael Häupl. Unique Research hat die Vorwürfe stets bestritten. Und auch jetzt, da Kalina von SPÖ-Kandidat Rudolf Hundstorfer als Berater engagiert wurde, betont Hajek seine Unabhängigkeit: Man sei – das Einverständnis des Auftraggebers vorausgesetzt – jederzeit bereit, die Rohdaten, also den Datensatz vor der Hochrechnung, öffentlich zu machen. Zwecks Beweisführung. So habe man das auch nach der Wien-Wahl gegenüber NZZ.at gemacht.

Im aktuellen Fall wurde Bachmayer mehrfach aufgefordert, die Rohdaten der Puls4-Umfrage zu veröffentlichen. Kapp hat dazu eigens eine – eher nicht repräsentative – Umfrage über Twitter gestartet, die ihn eindeutig bestätigt hat. Doch Bachmayer verweist auf die rechtliche Situation: „Wir haben die Rohdaten dem Auftraggeber übergeben. Puls4 hat als Eigentümer die Verwertungsrechte.“

 

Die Quoten sinken

Bleibt die Frage nach der Aussagekraft von Umfragen. Für Puls4 hat OGM nach der Hälfte der Sendung und gegen Ende 500 Personen befragt. Das Sample sei repräsentativ ausgewählt worden, versichert Bachmayer. Aber man müsse bedenken, dass die Umfrage in kurzer Zeit durchgeführt worden sei.

„Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ist die Meinungsforschung nach wie vor in der Lage, gute Stichproben zu produzieren“, sagt der Politikwissenschaftler Hubert Sickinger. Er zweifle jedoch an der Repräsentativität von Onlinebefragungen. Außerdem gingen die Ausschöpfungsquoten – das Verhältnis von realisierten zu versuchten Interviews – zurück.

Das beste Beispiel sei die deutsche Bevölkerungsumfrage für Sozialwissenschaften (Allbus). Deren Quote sei von 60 auf 40 Prozent gesunken. Man könne davon ausgehen, dass die meisten anderen Umfragen noch geringere Quoten hätten, sagt Sickinger. Wenn nicht nur „einen Bruchteil“ davon.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2016)

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