Das blaue Wiener Waterloo

Mit 63,32 Prozent ist die Bundeshauptstadt nun Van-der Bellen-Land und hat wesentlich zu seinem Sieg beigetragen. Die FPÖ scheiterte hier mit nur 36,68 Prozent.

Walkampf-Abschluss des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer am Viktor Adler Markt am vergangenen Freitag.
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Walkampf-Abschluss des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer am Viktor Adler Markt am vergangenen Freitag.
Walkampf-Abschluss des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer am Viktor Adler Markt am vergangenen Freitag. – REUTERS

Wien. Eine grüne Karte mit einem einsamen blauen Tupfen. „Ich hätte mir schon erwartet, dass Hofer in mehreren Bezirken vorne liegen würde“, sagt der Bezirksvorsteher von Simmering, Paul Stadler. Der einzig blau regierte Bezirk ist auch der einzige, in dem Norbert Hofer reüssieren konnte. Im ersten Wahlgang hatte Alexander Van der Bellen in Wien nur knapp gesiegt, die FPÖ konnte fünf (große) Bezirke gewinnen.

Seit Sonntag ist Wien nun eindeutig Van-der-Bellen-Land, die FPÖ hat eine krachende Niederlage erlitten. Warum? Fünf Thesen:

  • Protest war gestern: Gerade in Wien sind Stimmen für die FPÖ oft solche gegen die regierende SPÖ – egal, ob im Rathaus oder im Bund. Im ersten Wahlgang kam das auch voll zu tragen, die SPÖ wurde abgestraft. Im zweiten Durchgang war die Wut schon verraucht: Werner Faymann ist weg, Christian Kern da. Die Aufgabe, einen Denkzettel zu verteilen, war für viele offenbar abgehakt.
  • Progressive Großstadt: Wer „städtisch“ sagt, meint oft: gesellschaftspolitisch liberal. In den Städten lebt man weniger traditionell, das Publikum ist internationaler und jünger – Wien ist mit Vorarlberg das „jüngste“ Bundesland. Daher wählen Städte tendenziell eher links. Das zeigt auch die Schweiz, wo die mit der FPÖ vergleichbare SVP in den Städten schwächelt. Bei der Bundespräsidentenwahl ging es, anders als bei der Wien-Wahl, zudem eben nicht um drängende Stadtprobleme wie Kriminalität oder Arbeitslosigkeit, sondern mehr um eine gesellschaftspolitische Botschaft. Nach innen und – für eine Touristenmetropole nicht unwichtig – auch nach außen.

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  • Rote Schützenhilfe. Die Wiener SPÖ-Wählerschaft war von allen Parteien das größte Reservoir für Van der Bellen. Nun ist die Wiener SPÖ in Asyl- und Integrationsfragen zwar gespalten, aber die FPÖ gilt – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven – nach wie vor als gemeinsamer Hauptkonkurrent. Von Michael Häupl abwärts hat sich die Partei daher für Van der Bellen ausgesprochen und ihn logistisch unterstützt. Auch die Flächenbezirke hielten Linie, Floridsdorf färbte sich dank Wahlkarten grün. Der „Leihstimmen-Effekt“ aus der Wien-Wahl, als Grünwähler für die SPÖ stimmten, um die FPÖ zu verhindern, hat sich quasi umgekehrt. Angst, dass die SPÖ dauerhaft Wähler an die Grünen verlieren könnte, hat SPÖ-Landesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler aber nicht. Was man jedoch von Van der Bellen lernen könne: Dass klare Botschaften wichtig sind. Insofern kann man annehmen, dass Wiener SPÖ-Wahlkämpfe auch künftig nicht ohne „FPÖ-Abgrenzung“ auskommen werden.
  • Bürger-PR: In Wien, wo die Wahlbeteiligung generell niedriger ist, ist Mobilisierung besonders wichtig. Vor allem in Wien sei es gelungen, eine „Grassrootsbewegung“ zu initiieren, schwärmt Van-der-Bellen-Wahlkampfmanager Lothar Lockl. Sprich: Viele Nichtfunktionäre hätten für Van der Bellen geworben. Das will der Sprecher der Wiener Grünen, Joachim Kovacs, auch für zukünftige Wahlkämpfe: „Ob ein Politiker etwas in den Medien sagt, ist nicht so wichtig, es braucht draußen Multiplikatoren.“
  • Eigentor Elite-Bashing. Die FPÖ setzte im Wahlkampf auf das Gegensatzpaar „wahres Volk“ und „Elite“. Nun ist in Städten der Akademikeranteil generell höher (Wien: 24 Prozent, Bund: 16 Prozent), in der Innenstadt liegt er bei fast 50 Prozent. Dort gewann Van der Bellen wie auch in vielen anderen bürgerlichen ÖVP-Bezirken haushoch: ÖVP-Bezirkschef des Ersten, Markus Figl, sagt dazu: „Die Innere Stadt hat eine besondere soziologische Zusammensetzung, etwa einen hohen internationalen Anteil. Darum ist das Ergebnis für mich nicht überraschend.“ Auch Bezirkschefin Veronika Mickel wundert sich nicht über „ihre“ Josefstadt: „Wir sind ein sehr weltoffener Bezirk, auf der Basis war Van der Bellen offensichtlich die naheliegendere Wahl.“ In Hietzing deutet Vorsteherin Silke Kobald (ÖVP) den Wahlausgang auch als Botschaft „für die Bundesregierung und die ÖVP, ihre Politik neu zu überdenken und Zukunftsthemen zu formulieren“.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24. Mai 2016)

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