Der Ersatzdienst, der „unersetzlich“ wurde

Mit der Wehrpflicht würde auch der Zivildienst abgeschafft werden. Das Gesundheitswesen müsste ohne billige Kräfte auskommen. Könnte ein Sozialjahr die Zwangsverpflichteten ersetzen?

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THEMENBILD-PAKET: ZIVILDIENST / SOZIALES / ZIVILDIENER – APA/BARBARA GINDL

Wien. Eigentlich ist der Zivildienst nur ein Ersatzdienst. Sozusagen eine Erfindung für Burschen, die den Dienst mit der Waffe verweigern, aber trotzdem der Gesellschaft dienen sollen. Früher wurde ihnen vorgeworfen, „Drückeberger“ zu sein, bis 1991 mussten sie sich dafür auch noch vor einer „Gewissenskommission“ rechtfertigen. Jetzt, gut 20 Jahre später, sieht die Lage anders aus: Ausgerechnet diejenigen, die sie damals noch als verweichlicht bezeichnet hatten, feiern die Zivildiener nun als unentbehrliche Stütze für das Gesundheitssystem und Grundstein für das ehrenamtliche Engagement in Österreich. Was hat sich verändert?

Am 20.Jänner entscheidet sich die Zukunft des Bundesheeres – und damit auch die Zukunft des Zivildienstes. Denn eine Beibehaltung eines Sozialdienstes abseits der Wehrpflicht ist laut Menschenrechtskonvention nicht möglich.Berufsheerkritiker und Zivildienst-Befürworter machen sich diesen Punkt zunutze. Sie warnen: Sollte es keine Zivildiener mehr geben, werde das Gesundheitssystem geschwächt. Die Arbeitsplätze würden nicht ersetzt werden können – und wenn, dann nur auf eine sehr kostspielige Art und Weise. Außerdem: Gebe es keinen Zivildienst mehr, würden den Trägerorganisationen auch ehrenamtliche Mitarbeiter fehlen. Denn ein großer Teil der jungen Burschen bleibt auch nach dem Zivildienst bei der Organisation – freiwillig und unbezahlt.

Laut Sozialminister Rudolf Hundstorfer ist es nicht nur wegen der bevorstehenden Volksbefragung wichtig, Alternativen zu finden. Durch die geburtenschwachen Jahrgänge dürfte die Zahl der Zivildiener ohnehin zurückgehen. Er hat dafür sein Modell des bezahlten Freiwilligen Sozialjahres präsentiert: 8000 Plätze für Männer und Frauen aus EU-Ländern ab 18 Jahren (Pensionsbezieher ausgenommen) sind vorgesehen.

Zum Vergleich: Im Vorjahr gab es 14.963 Zivildiener – allerdings dienen sie neun Monate und auch in Bereichen wie im Umweltschutz, für die das Hundstorfer-Modell nicht vorgesehen ist. Das Sozialjahr (das nur für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen geöffnet ist) soll hingegen 12 Monate dauern. Hundstorfer befürchte demnach keinen Engpass bei den Rettungsdiensten. Genügend Interessenten für den Sozialdienst werde es geben, so der Minister: Denn derzeit beginnen jährlich 92.000 Menschen ein Angestelltenverhältnis im Sozialbereich, 60.000 davon kommen aus anderen Berufen. Da sei es kein Problem, 8000 Personen für diese Schiene zu bekommen. Das neue Modell sei allerdings etwas teurer als der Zivildienst (211 Millionen statt 208 Millionen Euro). Mit ein Grund: Die Freiwilligen bekommen 1386 Euro im Monat, 14 Mal im Jahr. Ein junger Zivildiener hingegen verdient 301 Euro Pauschalvergütung im Monat. Hinzu kommen eventuell Verpflegungsgeld (12 Euro am Tag) und eine Fahrtkostenrückerstattung.

 

Mikl-Leitner: Sozialjahr viel teurer

Den Rechnungen aus dem Sozialministerium glaubt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) allerdings nicht. Dafür hat sie sich wissenschaftliche Unterstützung geholt und an der Uni Wien eine Studie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Das Freiwillige Sozialjahr sei viel teurer als von Hundstorfer angegeben, da versteckte Kosten nicht mitgerechnet wurden. Hundstorfer kontert: Er bleibe bei seinen Zahlen und lädt die Experten zum Nachrechnen zu sich ein.

Bleibt immer noch die Befürchtung, dass Rettungsorganisationen die Freiwilligen ausgehen könnten. Spricht man mit den ehemaligen Zivildienern, geben die meisten zu: Ohne Zivildienst wären sie nicht zu der Organisation gekommen. Ob das Freiwillige Sozialjahr dies ersetzen kann, bleibt offen. Und: Die Organisationen außerhalb des Gesundheits- und Sozialbereichs müssten sich eigenständig um Alternativen kümmern.

Pro Berufsheer

Bezahlung. Das Freiwillige Sozialjahr ist nicht nur Männern und Frauen ab 18Jahren aus allen EU-Ländern geöffnet, es bietet Interessenten auch eine – im Vergleich zum Zivildienst – faire Bezahlung: 1386 Euro gäbe es 14-mal im Jahr, Zivildiener bekommen 301 Euro im Monat (plus Verpflegung).

Pro Wehrpflicht

Ehrenamtlichkeit. Viele Organisationen wie das Rote Kreuz bekommen einen großen Teil ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter über den Zivildienst. Gibt es diesen nicht mehr, fürchten sie, dass es nicht mehr genügend Freiwillige geben könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)

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