Zivildienst: "Der preußische Zwang ist tot"

Soziales Engagement trifft auf Spaßgesellschaft – Caritas-Präsident Franz Küberl und Partyveranstalter Alexander Knechtsberger im Streitgespräch über die Wehrpflichtbefragung.

Zivildienst preussische Zwang
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Zivildienst preussische Zwang
Knechtsberger Küberl – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Haben die jungen Menschen eine moralische Verpflichtung, etwas für das Gemeinwesen beizutragen?

Knechtsberger: Grundsätzlich schon. Wenn wir etwas für den Staat tun, dann muss es aber sinnvoll sein. Dazu wären die Jugendlichen auch bereit. Sie sind aber extrem kritisch: Wenn etwas für sie nicht perfekt ist, dann engagieren sie sich auch nicht. Darum gibt es auch wenig Interesse, in die Politik einzusteigen.

Küberl: Ich kann dieses Streitgespräch gar nicht mit einem großen Streit beginnen. Logischerweise lebt eine Gesellschaft davon, dass Leute zugunsten der Gesellschaft etwas tun. Die schwierige Frage ist, wie viel davon soll man als gesetzliche Verpflichtung vorsehen.

Und? Soll es eine Verpflichtung geben?

Küberl: Feuerwehr, Rettung, so etwas wie die Caritas wird man immer brauchen. Die Frage ist, wie organisiere ich diesen Rahmen. Ich würde es so sagen: Die Verpflichtung macht es leichter, sie wird aber nicht ausreichen. Wir haben eine Unmenge von Ehrenamtlichkeit und Freiwilligkeit, die werden wir auch in Zukunft brauchen.

Knechtsberger: Diese Freiwilligkeit halte ich für extrem wichtig, Zwang ist nicht mehr notwendig. Wir Österreicher sind Spendenweltmeister, wir sind bei Freiwilligen Feuerwehren dabei – wir machen ohnehin alles freiwillig. Darum ist jetzt die Zeit gekommen, alles was mit Zwang zu tun hat, zu beenden. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Vertrauen wir doch den jungen Leuten, dass sich genügend melden – etwa für ein freiwilliges soziales Jahr, wie es Minister Hundstorfer vorgeschlagen hat.

Küberl: Ich möchte bei den Spenden anknüpfen: Wir sind in Wirklichkeit im guten europäischen Durchschnitt, Spendenweltmeister sind wir aber nicht. Das ist eine Wortprägung eines Politikers. Spenden lösen aber nicht die Aufgabe des Staates, dass er Verantwortlichkeiten hat, die auch gesetzlich zu bedecken sind. Eines ist aber klar: Gehen werden die Dinge immer nur, wenn sie nachvollziehbar und einsichtig sind. Der bloße preußische Zwang – der ist tot.

 

Es gibt Freiwillige, die beispielsweise bei der Caritas ehrenamtlich mitarbeiten, und SPÖ-Pläne für ein freiwilliges, aber voll bezahltes soziales Jahr. Haben die beiden Begriffe viel miteinander zu tun?

Knechtsberger: Ich finde schon. Auch wenn es bezahlt ist, ist es ja freiwillig. Vor allem ist es ja auch eine Einstiegsmöglichkeit in Sozialberufe.

 

Die Befürworter einer Zwangsverpflichtung argumentieren anders: Junge Menschen haben 18 bis 20 Jahre lang alles mögliche vom Staat gratis bekommen – von der Ausbildung bis zur Gesundheitsversorgung. Jetzt sollen sie etwas zurückgeben. Sollen sie nicht?

Knechtsberger: Sollen sie schon. Sie geben dann sowieso etwas zurück, indem sie Steuern zahlen. Wir bilden die Jugendlichen ja nicht zum Selbstzweck aus, sondern damit sie dann 40 Jahre lang in den Steuertopf einzahlen. Und jetzt geht ohnehin die Schere auf: Wenige Junge müssen viele Alte erhalten. Die Jungen machen genug.

Küberl: Ich habe mit Minister Hundstorfer in diesen Fragen öfter diskutiert. Ich glaube, dass ein Punkt noch nicht geklärt ist, den man aber klären muss: Wir haben jetzt das Bild vom sozialen Impetus des Zivildienstes. Die Frage ist, ob man diesen Impetus da hinüberretten kann.

Knechtsberger: Ein Einwand. Genießt ein Pfleger keine hohe Achtung mehr, nur weil er jetzt 1400 Euro im Monat bekommt? Das sehe ich nicht ganz ein. Der kümmert sich ja genauso, wird nur anständig dafür bezahlt. Der Pflegebedürftige hat ja die gleiche Hilfe. Ich verstehe nicht, warum Sie das herabqualifizieren.

Küberl: Nein, ich will es nicht herabqualifizieren. Käme das Berufsheer, würden wir dieses Hundstorfer-Modell auf jeden Fall brauchen. Man muss nur aufpassen, dass dieser soziale Impetus erhalten bleibt. Ich streite nicht um das Geld. Aber der Zivildiener-Nimbus, der soll nicht verdunsten. Auch ein zukünftiger Jurist oder ein zukünftiger Maurermeister sollte so ein Praktikum machen, denn das braucht er dann ja in seinem Beruf auch. Soziale Kapazität braucht jeder.

Finden Sie noch ehrenamtliche Mitarbeiter, die gratis arbeiten, wenn daneben andere Freiwillige 1400 Euro brutto bekommen?

Küberl: Die Caritas hat auch eine ganze Menge an angestellten Mitarbeitern und daneben die Ehrenamtlichen. Es gibt erstaunlich viele Leute, die sich freiwillig engagieren. Wir haben überall in Österreich Andockstellen, wo Leute, die sich interessieren, kommen können. Und es kommen viele, weil Ehrenamtlichkeit in Wirklichkeit der stärkste Brecher der Einsamkeit ist.

Wie viel Interesse gibt es dafür in der Spaßgesellschaft?

Knechtsberger: Ich bin immer damit konfrontiert, dass die Jugend nur Spaßgesellschaft ist und es nur ums Fortgehen und Party machen geht. Da muss ich wieder eine Lanze brechen: Die Jugend tickt anders. Wir haben eine Studie gemacht, laut der es der Jugend um traditionelle Werte geht, um Familie, um Freunde, um Treue, um Beziehungen. Wir sind zwar auf dem Weg zur Individualistengesellschaft, aber trotzdem sind die Jugendlichen wertekonservativ. Und sie sind sehr wohl bereit, etwas für andere zu tun.

Küberl: Ich habe da gemischte Gefühle. Es gibt das, was Sie ansprechen, es gibt aber schon auch ein beachtliches Maß an Desinteresse am Nächsten. Das muss man ganz nüchtern sagen. Die Engagierten – das ist ein Viertel bis Drittel der jungen Leute.

Knechtsberger: War das früher anders? Haben sich da 80 Prozent engagiert?

Küberl: Die jungen Leute sind natürlich nicht schlechter als früher. Aber man muss nüchtern sagen, es ist ein kleinerer Teil, der sich engagiert.

Knechtsberger: Das hängt aber auch mit der wirtschaftlichen Situation zusammen. Die Existenzängste sind jetzt noch viel größer. Die 18-Jährigen haben viel mehr Druck als wir damals. Die haben gar nicht mehr so viel Zeit zu helfen, sondern müssen auch auf sich selbst schauen.

Küberl: Der Druck ist sicher nicht geringer geworden. Und klar ist auch, Ehrenamtlichkeit muss man sich leisten können. Man muss in einem Umfeld leben, wo diese Möglichkeit gegeben ist. Das ist mir schon bewusst.

 

Wäre ein verpflichtender Sozialdienst für alle eine Option für Sie, so man die rechtlichen Probleme lösen könnte?

Küberl: Nein, weil es eine Voraussetzung für soziale Arbeit gibt: Man kann anderen Menschen nur beistehen, wenn man sich selbst mag. Und man muss auch andere Leute mögen. Ich glaube nicht, dass das auf alle zutrifft. Mein zweites Argument: Wir haben nicht 70.000 Einsatzplätze. Beim Zivildienst sind derzeit übers Jahr 11.000 Leute im Einsatz. Wir würden vielleicht 15.000 bis 20.000 Plätze zusammenbringen. Der Punkt ist: Ohne gute Einsatzplätze haben wir das gleiche Problem wie beim Militär. Da sagen die Leute: Das ist nichts.

Knechtsberger: Es sind ja jetzt schon nicht alle Einsatzplätze perfekt. Am Straflandesgericht sitzen in der Bibliothek fünf Leute. So etwas ist sinnlos.

Küberl: In der Caritas habe ich das Gefühl, dass das sehr gut hinhaut. Überall, wo Leute für andere etwas tun können, funktioniert es. Das ist die große Stärke von sozialen Einsatzplätzen.

Knechtsberger: Ich war vor einigen Monaten im SMZ Ost und habe dort zwei Zivildiener erlebt, die einen alten gebrechlichen Mann behandelt haben wie das Letzte. Das war menschenunwürdig. Die beiden waren nicht für den Zivildienst geschaffen. Da habe ich lieber einen, der das bezahlt bekommt und gern macht.

Küberl: Ich glaube, es muss immer die Möglichkeit für die Organisation geben, ein Auswahlverfahren zu haben. Bloße Zuweisung kann man vielleicht für das Fließband machen.

 

Wie hoch ist der Anteil Ihrer Zivildiener, die ungeeignet sind?

Küberl: Es ist ein relativ geringer Prozentsatz, vielleicht fünf Prozent. Dort, wo man vorher ausredet, wie es geht, funktioniert es fast immer. Aber überall dort, wo die Rate der Zufriedenheit der Zivildiener unter 90 Prozent geht, muss sich die jeweilige Organisation auch fragen, ob sie nicht etwas nachbessern muss.

Knechtsberger: Können Sie sich die Zivildiener aussuchen, oder müssen Sie nehmen was kommt?

Küberl: Wir haben fast keinen Zivildiener, der nicht vorher bei uns war und sich interessiert. Und es wird ja mit jungen Leuten knapper werden. Wir werden ohnehin mehr werben müssen, damit wir Leute bekommen.

 

Die Rettungsorganisationen erzählen, dass sie einen großen Teil ihrer Freiwilligen aus dem Zivildienst rekrutieren.

Küberl: Ein Teil bleibt, das ist auch in der Caritas so. Mir ist es aber schon recht, auch wenn ich die Zivildiener gern mag, wenn auch Ehrenamtliche kommen, die beim Bundesheer waren. Wir brauchen unterschiedliche Leute – als Angestellte wie als Ehrenamtliche, und keine Monokultur.

Knechtsberger: Das entwickelt sich aber in eine ganz andere Richtung: In Wien machen alle Kinder aus besserem Hause Zivildienst. Zum Bundesheer gehen eher die Kinder vom Land und die Migrantenkinder. Da entwickelt sich eine Zweiklassengesellschaft.

Küberl: Da muss man schon aufpassen, dass sich da Schichtungen einschleichen – egal, ob mit Wehrpflicht oder Berufsheer. Salopp gesagt: Die handwerklich Orientierten gehen ins Militärgeschäft und die anderen machen das Soziale. Wir brauchen im Sozialen aber genauso Leute, die am Bau sind. Wir brauchen auch Handwerker und Techniker.

Steckbriefe

Alexander Knechtsberger (44) ist Chef des Partyveranstalters DocLX. Der studierte Jurist finanzierte schon sein Studium mit der Organisation von Clubbings. Bekannt wurde er auch mit seinen Maturareisen. In der Wehrpflichtfrage hat er klar Stellung bezogen: Knechtsberger gehört dem Personenkomitee für ein Berufsheer an. Fabry

Franz Küberl (59) ist seit 1995 Präsident der Caritas Österreich und Direktor der steirischen Caritas. Die Hilfsorganisation verfügt österreichweit über 11.000 Mitarbeiter und 27.000 freiwillige Helfer – und gehört zu jenen Organisationen, die am meisten von den Zivildienern profitieren. Fabry

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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