Rosenkranz: „Kein Zweifel" an Gaskammern

FPÖ-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz wehrt sich gegen den Vorwurf, sie verharmlose die NS-Zeit. An den Verbrechen jener Zeit könne „kein Zweifel bestehen“. Martina Salomon hat mit ihr gesprochen.

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Rosenkranz: Überrascht über das Ausmaß der „Infamie“ – (c) Clemens Fabry

Haben Sie mit einer so großen Empörungswelle gerechnet? Sie werden als Kellernazi bezeichnet, und ein Anwalt hat Strafanzeige wegen Wiederbetätigung eingebracht.

Barbara Rosenkranz: Dass man versuchen wird, den Auftakt der Kandidatur so zu gestalten, war mir natürlich völlig klar. Über das Ausmaß der – doch mancherorts – Infamie war ich dann aber schon noch einmal überrascht. Die Meldungen, wonach ich für eine Aufhebung des Verbotsgesetzes wäre, sind falsch und irreführend. Ich habe auf Nachfragen festgehalten, dass jene Teile, die die Meinungsäußerung betreffen, in einem Spannungsverhältnis zum Grundrecht auf Meinungsfreiheit stehen.

Das heißt, man soll ohne rechtliche Folgen sagen können: „Hitler war gut“ oder „Es gab keine Gaskammern“.

Das sind natürlich völlig unakzeptable Aussagen. Dennoch bleibt das Spannungsverhältnis bestehen. Das sagen maßgebliche Journalisten, übrigens auch in Ihrer Zeitung.

Der Vorwurf lautet, dass Sie die NS-Zeit verharmlosen.

Ganz und gar nicht.

Aber Sie haben sich nicht klar genug davon distanziert. Sie könnten ja sagen: In der Nazizeit sind schwerste Verbrechen geschehen, und es gab natürlich Gaskammern.

Daran kann ja kein Zweifel bestehen. Ich habe auch nie eine Äußerung gemacht, die etwas anderes erkennen lassen würde. Man kann die Geschichte nicht leugnen, und ich habe nie eine Nähe zum Nationalsozialismus erkennen lassen.

Sie wirken manchmal so, als würden Sie geheime rechtsextreme Codes verwenden – indem Sie zum Beispiel sagen, dass Ihr Geschichtsbild aus Ihrem Schulunterricht zwischen 1964 und 1976 stammt. Damals wurde vermieden, über Gaskammern zu reden.

Nein, das ist eine Unterstellung. Wir hatten außerdem einen umfassenden Geschichtsunterricht. Unangenehm ist die Verhörmethode, mit der gefragt wird.

Stimmen Sie zu, dass in den Gaskammern Millionen Juden ermordet wurden?

Ja, das ist unbestritten.

In diesem Zusammenhang wird Ihnen Ihr Mann vorgehalten – was aber nicht überraschend ist, weil der Partner bei der Hofburgwahl eine größere Rolle als bei anderen Wahlen spielt.

Er wird immer dann benutzt, wenn man mich beschädigen will. Er ist unbescholten, und ich stehe zur Wahl.

Trotzdem: Er gibt eine einschlägige Zeitschrift heraus, in der Autoren solche Sätze schreiben:  „Türken, Tschetschenen, Asiaten, Zigeuner und Neger bleiben uns fremd.“ Finden Sie nicht, dass er oder seine Gesinnungsfreunde eindeutig zu weit gehen?

Ich kenne das Zitat nicht, aber ich würde anders formulieren. Bitte mich daran zu messen.

Die Partner der Kandidaten zur Präsidentschaftswahl stehen aber immer im Fokus.

Er widmet sich mittlerweile gänzlich der Familienarbeit, und ich mache die Politik. Meinem Amtsverständnis entspricht es auch nicht, als Familie zu kandidieren.

„Krone“-Herausgeber Hans Dichand hat in seiner Kolumne „Cato“ am Samstag gefordert, dass Sie sich eidesstattlich von allen nationalsozialistischen Gedanken distanzieren sollten. Werden Sie das tun?

Ja, es wird am Montag eine öffentliche Erklärung geben.

Glauben Sie, dass es eine österreichische Nation gibt?

Selbstverständlich gibt es die österreichische Staatsnation. Ich bin begeisterter Österreicher und bin mir bewusst, welch große Rolle das österreichische Erzhaus in der Geschichte gespielt hat, das 600 Jahre lang Oberhaupt des „Heiligen Römischen Reiches“ war. Ich freue mich aber auch, dass ich Friedrich Hölderlin und Johann Sebastian Bach zu unserer Kultur rechnen kann.

Sie vertreten ein konservatives Frauenbild, leben aber das Gegenteil. Ihr Mann managt die Familie, und Sie haben Ihre Karriere vorangetrieben. Ist das kein Widerspruch?

Nein, mein Frauenbild stellt die Wahlfreiheit in den Mittelpunkt. Und ein zeitgemäßes Frauenbild sollte auch nicht mit der Mütterlichkeit in Widerspruch steht. Ich habe außerdem nicht immer nur meine Karriere verfolgt, sondern war 15 Jahre lang gerne und ausschließlich zu Hause. Als ich dann mit 35 Jahren in den Landtag eingezogen bin, haben wir begonnen, unsere Arbeitsaufteilung flexibler zu gestalten. Mittlerweile hat mein Mann die Arbeit daheim zur Gänze übernommen.

Sie praktizieren „Halbe/Halbe“ – genau das, was die SPÖ-Frauen propagiert haben.

Es stört mich natürlich nicht, wenn das jemand lebt, und es funktioniert auch hervorragend. Aus freiheitlicher Sicht hat der Staat aber kein Recht, Lebensverhältnisse vorzuschreiben.

Das macht er doch gar nicht.

Oh doch, absolut! Betrachten Sie nur die Regelung, wonach Paare das Kindergeld nur dann zwei Monate länger beziehen, wenn es beide Elternteile in Anspruch nehmen. Das geht den Staat nichts an. Eine Mutter von mehreren Kindern kann ja auch sagen: „Das ist meine Lebensaufgabe.“

Das sollte aber ein Anreiz sein, damit auch Männer Familienarbeit übernehmen.

Das kann man auch umgekehrt als „Bestrafung“ sehen: Dort, wo das traditionelle Rollenbild gelebt wird, gibt es zwei Monatszahlungen weniger.

Was halten Sie vom Begriff „Genderwahnsinn“, den ein Ex-Blauer verwendet hat?

Ich formuliere nicht so, sondern trockener und sachlicher.

Wie denn?

Die Gendertheorie, wonach das Geschlecht ausschließlich kulturell sowie sozial fixiert und ein Ergebnis von Erziehung ist, ist unwissenschaftlich und falsch. Es gibt selbstverständlich das biologische Geschlecht.

Hat die kürzlich verstorbene Frauenpolitikerin Johanna Dohnal in Ihren Augen auch etwas richtig gemacht?

Sie hatte eine hohe Durchsetzungskraft, und es war ohne Zweifel an der Zeit, das Familienrecht auf  partnerschaftliche Verhältnisse umzustellen. Aber der Feminismus, dessen Vertreterin sie in Österreich war, hat einen ganz starken Fehler, in dem er Frauenrechte gegen Kindeswohl ausspielt. Das zeigt ein Zitat von Simone de Beauvoir (liest vor): „Ich glaube, eine Frau sollte sich vor der Falle der Mutterschaft und der Heirat hüten. Selbst wenn sie gerne ein Kind hätte, muss sie es sich gut überlegen, unter welchen Umständen sie es aufziehen müsste. Mutterschaft ist heute eine wahre Sklaverei.“ Solche Sätze sind in ungeheurem Ausmaß gegen die Zukunft und das Leben gerichtet.

So radikal war Dohnal natürlich nicht.

Aber so sieht die Grundlage des Feminismus aus. Es geht immer nur um Dinge wie die Erreichung des Barcelona-Ziels (EU-Vorgabe, Anm.), wonach ein Drittel der Unter-Dreijährigen in Kinderkrippen sein soll. Das ist rein arbeitsmarktbezogen und – wenn man so will – auch frauenbezogen. Aber ob das kinderverträglich ist, spielt so gut wie keine Rolle.

Was müsste passieren, damit Frauen in Österreich wieder mehr Kinder bekommen?

Kinder sind, wie es Familienbischof Küng formuliert hat, der sicherste Weg in die Armut. Das muss verändert werden.

Die Familienleistungen sind in Österreich doch Weltspitze!

Gerecht wäre es, wenn – wie in Frankreich – Kinder im Steuerrecht berücksichtigt würden. Wer hierzulande Kinder hat, verzichtet auf Wohlstand – sogar später im Ruhestand. Kindererziehende Mütter haben keinen hohen Stellenwert. Das wird von der politischen Klasse als „Zurück zu Heim und Herd“ disqualifiziert.

Wären Sie für ein Abtreibungsverbot?

Ich teile die Meinung von Familienstaatssekretärin Marek (ÖVP), dass es notwendig ist, in einer anonymen Statistik zu erheben, warum es zu Abtreibungen kommt, um vorzusorgen, dass dieser Weg nicht gegangen wird.

Warum gibt es so wenig Frauen in in der FPÖ?

Weil in einer Oppositionspartei unseres Zuschnitts tätig zu sein, ein hartes Geschäft ist. In etablierten Parteien ist es wohl einfacher.

Ihr Mann bewegt sich in einem Umfeld, wo Kinderwägen-schiebende Väter eher ein Spottbild abgeben.

Ich glaube, da müssen Sie sich von einem Vorurteil befreien! In meiner Umgebung sind kindererziehende Männer kein Spottbild.

Warum haben Ihre Kinder alle germanische Vornamen?

Das ist im Dritten Lager nicht unüblich. Aber ein Bitte: Als Politikerin muss ich manchmal damit rechnen, dass das Wetter stürmisch ist, ich ersuche jedoch, meine Kinder zu schonen.

Glauben Sie an Gott?

Ich glaube an den Sinn und suche ihn natürlich, das können Sie auch Gott nennen.

Warum sind Sie aus der Kirche ausgetreten?

Ich schätze jeden, der in einer Religion lebt, ich bin auch der Überzeugung, dass Europa seine christliche Prägung behalten soll. Ich selbst habe mich an der Kunst, den Wissenschaften und manchen Philosophen orientiert.

Kardinal Schönborn findet Sie unwählbar.

Ich bin verwundert, dass er sich in dieser Weise einmischt. Es ist aber kein großes Wagnis, sich vollkommen auf die Seite der Etablierten zu stellen.

Bundespräsident Heinz Fischer hat sich in Zusammenhang mit der Diskussion um das Verbotsgesetz für eine „Feuermauer gegenüber der Nazizeit“ ausgesprochen.

Ich habe ja, wie gesagt, nicht die Abschaffung des Verbotsgesetzes gefordert.

Haben Sie es schon einmal bereut, in die Politik gegangen zu sein?

Schon lange nicht mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 7.3.2010)

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